Weihnachtszauber

Noch sechs Tage. Manchmal schneit es sogar. Hamburger Schnee. Nicht dieser schöne, weiße puderige Schnee von den Instagram Bildern. Sondern matschiger, grauer Schnee. Und so wie er vom Himmel fällt Schreie des Verzückens. Hamburger Kinder mögen Hamburger Schnee. Besser als keiner. Früher gab es mehr Schnee, denke ich. Vielleicht stimmt das gar nicht. Wir haben Iglus im Garten gebaut. Mein Bruder war richtig gut darin. Und auf der Weide neben unserem Haus. So viel Platz. Wir haben zu dritt darin gesessen. Ich hatte immer ein bisschen Angst, es könne zusammen stürzen. Ich habe ewig kein Iglu mehr gebaut.

Unser Haus lag am Rande der Kleinstadt. Reetdach, auf dem der Schnee besonders schön aussah. Beleuchtete, geschmückte Fenster. Tannen mit Lichterketten im Garten. Ich fahre im Winter besonders gerne nach Hause. Der prasselnde Kamin, die alte graue Katze auf der Fensterbank.

Wir haben eine Lichterkette im Vorgarten. Und einen Weihnachtsstern im Fenster. Jeden morgen Barfuß laufende Kinder die vor dem Adventskalender stehen und nach der heutigen Nummer suchen. Barfuß Kinder auf Holzfußboden, Weihnachtliche Frühmorgen Dunkelheit, Aufregung.

Eine Zeit voller Geschichten. Ich bin die größte Lügnerin, eine begeisterte Erfinderin, ich liege Abends mit ihnen im Bett und lüge dass sich die Balken biegen. Ich erzähle von Feen und Engeln, vom Haus des Weihnachtsmannes, von Rentieren und Wichteln. Sie lauschen, ob jemand kommt um ihre Wunschzettel abzuholen. Sie flüstern und kichern, sie verstecken sich unter der Decke, sie platzen vor Weihnachtszauber.

Weihnachtsfeiern, singen, Gemeinsamkeit. Gestern waren 13 Eltern und 14 Kinder zu Besuch. Wir haben gebacken und gesungen, ich habe mehr schlecht als Recht auf dem Klavier gespielt, die Kinder mit Rasseln und Trommeln, mal Textsicher, mal lalala. Die Eltern dahinter, ein chaotischer Chor aus Kindern und Freunden, noch Plätzchen im Ofen, Kerzen überall, Babys auf dem Fußboden und ganz viel Wärme.

Noch sechs Tage bis Heiligabend. Einige haben schon einen Baum. Für Emil und Ida unverständlich. Wer hat den geschmückt?

Wenn Emil und Ida ihre Wunschzettel schreiben, steht an oberster Stelle „Ein Tannenbaum“. Jedes Jahr wieder. Der größte Wunsch.

Letzte Woche hat eine Freundin aus Emils Klasse behauptet, den Weihnachtsmann und den Nikolaus würde es gar nicht geben. „Wie dumm ist das denn?“ fragt Emil Abends. „Den Nikolaus vielleicht. Aber den Weihnachtsmann? Die Tür ist doch die ganze Zeit verschlossen, wer soll denn das sonst sein?“

Oh lieber Weihnachtszauber, bleib doch noch ein bisschen. Ich bin doch selbst so eine begeisterte Zauberin. Ich will nicht aufhören. Sind nicht diese wenigen Jahre die, in denen wir noch allem einen Raum geben? In dem wir glauben, was wir glauben wollen? Noch nichts hinterfragen, jeder Geschichte lauschen, so absurd sie auch sein mag.

Und dieses Gefühl, am 24. aufzuwachen, und zu merken, alles ist anders. Der Zauber steht nicht mehr vor der Tür. Er ist eingezogen. Alle Türen zum Wohnzimmer verschlossen. Die Flügeltür verklebt, die goldenen Schlüssel verschwunden. War da nicht ein Geräusch? Sie kleben mit ihren Ohren an der Tür. Sie kichern und flüstern. Sie schleichen durch die Wohnung, sie versuchen durchs Schlüsselloch zu gucken.

“ Pius bellt nicht,“ erklärt Ida, „Weil der Weihnachtsmann mit den Tieren sprechen kann.“

IMG_8313Nie wird wirklich gefragt, wie er rein kommt in unsere Wohnung. Aber manchmal hören sie ein Geräusch – ein Poltern oder Rascheln. Sie sind sich ganz sicher, dass es da war.

An Heiligabend war das Aufwachen immer besonders. Ich bin die Treppen herunter, manchmal habe ich mich kaum getraut, an der Türklinke des Wohnzimmers zu prüfen, ob wirklich abgeschlossen sei. Es war nie hektisch Zuhause, aber an Hieligabend lag eine Geschäftigkeit in der Luft. Meine Mutter bereitete das Essen vor, mein Vater verschwand manchmal spurlos und tauchte irgendwann wieder auf. Wir gingen in den Wald spazieren, manchmal am Nachmittag in die alte Kirche bei uns in der Stadt. Erst jetzt, wo ich Abstand habe, sehe ich, wie bezaubernd sie wirklich ist. Direkt an einem kleinen Flusslauf, am Wald wurde die Kirche als Teil eines Klosters im 12. Jahrhundert hier gebaut. Drinnen war es immer laut und schrecklich voll. Ein Krippenspiel von Kindern aufgeführt, kaum Platz zu sitzen und in einem drin diese unglaubliche Spannung. Dieses Gefühl der Erwartung. Und der Feierlichkeit. Dieser einzigartig verzauberte Tag im Jahr.

IMG_9967Zuhause saßen wir Kinder manchmal am Küchenfenster und sahen hinaus. Mein Vater hatte immer etwas gesehen. Den Schweif eines Rentiers, oder eine Mütze, die gerade hinter einem Baum verschwand. Als wir es irgendwann gar nicht mehr abwarten konnten, setzte er uns drei ins Auto auf die Rückbank. „Lasst uns ein bisschen über die Dörfer fahren und sehen, ob er schon irgendwo gewesen ist.“

Gott haben wir vor Aufregung geschrien, wenn hinter einem Fenster ein erleuchteter Baum zu sehen war. Da muss er schon gewesen sein. Wir hörten Weihnachtsmusik und starrten aus dem Fenster in die Dunkelheit. Niemand wollte in der Mitte sitzen.

„Die Tannenbaum Fahrt“ nannten wir es. Angefangen, als wir klein waren, haben wir es über die Jahre immer weiter gemacht. Jedes Jahr. Drei Jugendliche auf der Rückbank, dann mit Anfang zwanzig. Meine Oma wollte auch mit. Jedes Jahr holten wir sie mit dem Auto Zuhause ab. Sie stieg ein, eine kleine rote Weihnachtsmann Mütze auf den frisch frisierten Haaren und mit nahezu der gleichen kindlichen Aufregung wie wir – nur das wir alle längst erwachsen waren. Eng war es, aber das Geschrei bei jedem gesichteten Baum blieb dasselbe.

Wenn Emil und Ida es nicht mehr abwarten können machen wir einen „Tannebaum Fahrt“ zu Fuß. Mit ihren dicken Jacken gehen sie ganz dicht neben mir. Ein bisschen aufgeregt, ein bisschen ängstlich. Was sagen, wenn er jetzt auf einmal wirklich vor einem stehen würde? Immer ein Blick nach oben, ob man Rentiere sieht. Und hin und wieder hinter einem Fenster ein erleuchteter Baum. „Da war er schon!“ Die gleichen Schreie wie bei mir als Kind. Wenn wir Passanten auf der Straße treffen, sprudeln die Kinder über vor Aufregung. Und wildfremde Menschen beginnen Geschichten zu erzählen. Der eine hat gerade noch etwas Rotes vorbei huschen sehen, der andere ein Rentier, auf einem Dach. Die Aufregung ist greifbar.

Zuhause wird gekocht. Opa trinkt Wein, die Küche ist so hell erleuchtet von Sternen, Kerzen und Lichtern. Zwischendurch stellen die Kinder selbstgebackene Plätzchen vor die Schiebetür zum Wohnzimmer. Manchmal verschwinden sie. „Er hat sie gegessen!“ flüstern sie aufgeregt. Ach könnte ich diesen Zauber noch ein bisschen festhalten.

Das sehnsüchtige Warten aufs Klingeln. Welche Angst ich als Kind hatte ich könne es überhören. Das Zeichen wenn er endlich fertig ist. Dann stellten wir uns der Größe nach auf. Mein kleiner Bruder, ich, mein großer Bruder. Im Laufe der Jahre bin ich in die erste Reihe gerutscht – mein kleiner Bruder war mir über den Kopf gewachsen. Die Tradition aber blieb.

Wenn es endlich, endlich klingelt darf die Tür geöffnet werden. Das Weihnachtsoratorium läuft mit Knistern auf dem Plattenspieler. Alle Kerzen brennen, es duftet nach Lebkuchen und Zimt. Über allem schwebt eine Wolke der Festlichkeit und der Liebe. Meine Eltern haben immer etwas Liebevolles dazu gesagt, wenn sie einen in die Armen schlossen und „Frohe Weihnachten“ wünschten. “ Wir sind so stolz auf dich“ oder „Es ist so wunderbar, dass du da bist“.

Wir haben als Kinder immer erst gesungen. Als wir klein waren ganz ernst, jetzt gerne besonders laut oder schief. Meine Mutter und mein Bruder haben Mundharmonika gespielt. Oder Gitarre.

Wir singen nicht, aber wir stehen lange da und erfreuen uns an den wahnsinnig ergriffenen und staunenden Augen der Kinder, wenn sie vor dem Baum stehen.

Weihnachtsbäume hat man viel zu kurz. Ich kann jeden verstehen, der ihn schon vor dem Heiligabend aufstellt und sich in der Vorweihnachtszeit an ihm erfreut. Aber diese wahnsinnige Ergriffenheit, diesen ganz eigenen Zauber dieses einen Tages, auf den kann ich einfach nicht verzichten. Und freue mich jetzt schon wie wahnsinnig auf Sonntag.

 

Frohe Weihnachten!

Advertisements

One thought

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s