Ach wie schön ist doch das Leben auf dem Dorf

IMG_0897In unserem Dorf sind alle Häuser sehr alt. Mehr als Hundert Jahre. Sie erzählen alle eine Geschichte. Von Menschen und Kriegen. Von Hoffnung und Liebe. Durch das Dorf an unserem Haus vorbei zieht sich eine Kopfsteinpflasterstrasse. Wenn ich vom Markt komme und mit dem Rad darüber rumpele und schaukele, dann frage ich mich wie das gewesen sein muss vor Hundert Jahren, als Pferde hier beschwerliche Schritte taten- während mein frisches Gemüse im Fahrradkorb hin und her hopst. In unserem Dorf ist nahezu jeden Tag Markt. Ich kann alles bekommen, was ich mir wünsche. Frisch, vom Feld. Mit Erde an Karotten und Federn an den Eiern. In braunen Papiertüten trage ich es nach Hause. Und in meinem Fahrradkorb.

Unser Haus steht in der Mitte der Straße, ein rotes Backsteinhaus mit grünen Fenstern und Hortensien und Bauernrosen im Vorgarten. Der alte gußeiserne Zaun erzählt seine eigene Geschichte.

IMG_3921In unserem Dorf leben so viele Menschen, die ich mag. Und die ich bewundere. Im Haus nebenan wohnt eine Schauspielerin. Und in einem anderen eine befreundete Schriftstellerin. Da leben Menschen die voller Ideen sind. Und sehr, sehr viele Kinder. In den kleinen Gärten wachsen knorrigen Obstbäume und im Sommer klettern die Kinder über die Zäune. Es vergeht kein Tag ohne Kinderlachen im Garten.

Wenn ich einkaufen gehe – und ich kann alles zu Fuß oder mit dem Rad erledigen – treffe ich immer Menschen die ich kenne. Ich bleibe ständig stehen und rede, ob Regen im Gesicht oder Sonne in den Augen. Hunde treffen sich und wedeln mit den Schwänzen. der Gemüsehändler begrüßt mich mit Namen. Und in der Buchhandlung gibt es noch eine Kasse aus dem vorletzten Jahrhundert. Sie klingelt so süß, wenn man bezahlt. Die Kinder lieben das. Die Bücher stapeln sich bis unter die Decke. So gut sortiert, so ausgewählte Literatur, so bezaubernd illustrierte Kinderbücher. Und ich könnte jedes mitnehmen. Manchmal stöbere ich ein bisschen durchs Antiquariat.

Die kleinen Cafés in meinem Dorf backen alles selbst. Es duftet nach Zimt und Nelken. Und mittags servieren sie regional gekochtes Essen, veganes Eis zum Nachtisch und heißen Kakao für die Kinder. Die sitzen selten still, weil das ganze Dorf in diesen Cafe´s sitzt und isst, lacht und diskutiert und träumt und Pläne schmiedet und all die Kinder dieser Menschen kennen sich und rennen herum, bevölkern im Sommer den Platz vor dem Café und tragen alte Namen aus der Kaiserzeit. Emma, Emil, Oscar, Alma und Johann. Sie tragen Wollpullover und Gummistiefel zu nackten Beinen und ihre Mütter schieben nostalgische Kinderwägen.

Es gibt keine großen Kindergärten, den jeder wünscht sich den Schritt zurück zum Kleinen. Gemeinschaftsgefühl, freies Spiel, mit den Fingern malen. Keine abwischbaren Tische und Linoleumböden, sondern zerkratzte Holzdielen und Bauklötze.

img_7631Wenn ich Emil zur Schule bringe rattert das Fahrrad über die Brücke vom Kanal. Die langen Zweige der Äste berühren die Wasseroberfläche. Wir sehen den Schwänen zu und einem einsam dahin gleitenden Kanu. Weiter geht der Weg vorbei am Dorfweiher. Ehrwürdig steht dort der Reiher im Morgennebel, das Gras reicht den Kindern bis zum Knie, die Gummistiefel stapfen durch den Matsch. Manchmal werfen sie Stöcker vom Steg und sehen zu, wie der Hund seine Bahnen schwimmt. Im Schilf wohnen dicke Bisamratten und im Sommer tauchen Schildkröten auf, die sich die warme Sonne auf den Panzer scheinen lassen.

Ein Auto braucht man in unserem Dorf nicht. Eigentlich muss man es nie verlassen. Es ist auch viel zu schön um zu gehen. Alles ist erreichbar.

Die Kinder sind viel draußen und machen Sport. Auch dort treffen sich alle wieder. In unserem Dorf gibt es nahezu jede Sportart für jede Altersklasse. Das mag ich sehr an unserem Dorf. Sie können alles ausprobieren und haben Zeit sich aus dieser Vielfalt genau das heraus zu suchen, was ihnen gefällt. Sie können Kanu fahren, segeln oder Fußball spielen. Sie können Theaterspielen, Bratsche oder Aquarell. Und sie können auch nichts von dem machen und ins Dorf gehen, zwischen den Bäumen im Gras liegen und ihre Freunde treffen.

Die Menschen in meinem Dorf leben hier schon lange. Manche ihr ganzes Leben lang. Sie wollen nicht mehr weg. Meine Freundin Gisela ist über siebzig. Sie kommt aus einer Kleinstadt und versäumt es nicht mir immer wieder zu sagen: Ich war so froh, dass ich da weg war. Die Freundschaften sind Generationenübergreifend. Die Menschen haben sich etwas zu sagen. Sie teilen ihre Interessen, sie reden viel über Literatur und Theater, sie lesen die gleichen Bücher wie ich, kaufen im selben Buchladen mit der alten Kasse. Sie holpern mit ihren Fahrrädern über das Kopfsteinpflaster, haben ihre Kinder hier großgezogen. Sie hängen an den kleinen Cafés, sie sitzen liebend gerne zusammen, egal wo. Im Gras, auf der Straße, auf Bänken, am Kanalufer. Unser Dorf hat eine extrem hohe Kinderdichte. Es wimmelt von Kindern. Überall.

In meinem Dorf gibt es viele kleine Läden. Eine Töpferei, in der wunderschöne Keramik verkauft wird, kleine Läden für selbstgemachte Kerzen, Familienbetriebene Bäckereien, die selbst ihre Pralinen einzeln verzieren, kleine Läden für Holzspielzeug, das direkt vor unseren Augen angefertigt wird und einen Eisenwarenladen, in dem sich die Apothekerschränke bis zur Decke ziehen und wo vor einem immer ältere Damen stehen und die kaputten Verschlüsse ihrer Handtaschen und Regenmäntel zeigen und immer eine Person hinter dem Tresen, die in den vielen Schubladen sucht und für jede Handtasche eine Lösung findet. Man kann „4 Schrauben und eine Mutter“ kaufen und bekommt es in einer kleinen Papiertüte mit auf den Weg. Ich bedauere, dass ich so selten etwas aus dem Eisenwarenladen benötige.

Zum Glück gibt es in meinem Dorf gute Schulen und eine umfassende ärztliche Versorgung. Meine Zahnärztin grüßt mich wenn sie mit dem Rad an mir vorbei fährt und wir sind mit der Kinderärztin per Du. Die Schule ist in einem alten Schulhaus untergebracht und auf dem Schulhof wird Obst geerntet, Gemüse gepflanzt und es gibt sogar Ziegen, die von den Schülern betreut werden.

Das Schönste an unserem Dorf ist, dass man so schnell am Strand ist.

Alles in allem kann ich nur sagen: Ich liebe unser Dorf. Und ich werde hier niemals wegziehen. Danke, Hamburg-Eimsbüttel.

 

 

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