Ewig 36

Ich werde schon wieder 36 heute. Das ist echt verdammt schön, denn 36 ist ein wahnsinnig schönes Alter. Nicht zu jung, nicht zu alt. In einem meiner Lieblingsbücher von Jonathan Franzen schreibt der Protagonist, er gehe immer in den Meatpacking District in New York, denn dort seien die schönsten Frauen der Stadt: Mitte dreissig jährige Frauen mit Kinderwagen.

Das ich in echt nicht mehr 36 bin spielt keine Rolle. Gestern habe ich zu Paul gesagt, wie sehr ich mich auf meinen Geburtstag freue. „Meinst du, irgendwann freut man sich nicht mehr auf Geburtstage?“ Wir glauben nicht. Oder vielleicht nur, wenn man eines Tages ganz alleine ist. Das Alter an sich spielt keine Rolle. Die Jahre vergehen sowieso, wieso also nicht freuen, wann immer es Grund dafür gibt?

Vor ein paar Monaten war ich auf dem 50. Geburtstag einer Freundin. Sie hat etwas ganz schönes zum Thema Zeit gesagt. Sie hat gesagt: Viele von Euch waren schon auf meinem 40. Geburtstag. Und niemand hätte damals gedacht, das ich zehn Jahre später hier stehe, auf einmal drei tolle Kinder und einen grossartigen Mann habe.

IMG_0116Ja, Alter ist nicht wichtig. Wichtig ist wie man die Jahre nutzt. Wo man das Glück findet. Manchmal muss man eben etwas Kraft aufwenden um es zu suchen. Manchmal muss man auch einfach nur genau hinsehen. Gestern hat mein Vater von einem Ausflug mit meiner Mutter erzählt. „Wir sind so glücklich,“ hat er gesagt. „Wir teilen uns ein Glas Wein und eine Laugenbrezel und für uns ist es der schönste Tag.“

Manchmal werden wir blind für all das Schöne. Warum? Warum machen wir so selten die Augen auf. Die letzten Monate mit Emil und Ida waren so intensiv, so eng, so aufregend. Die vielen Wochen in unserem Bus. So viel Wald, Wiese und Freiheit. Schlafen wenn man müde ist, mit der Sonne aufstehen, Äpfel direkt vom Baum klauen.

Und jetzt? Geht Emil in die Schule. Und wir alle wissen das etwas Neues begonnen hat. Und da ist nicht weniger schön, nicht weniger aufregend. Manchmal stehe ich vor der Schule und fühle mich wie beim ersten Date. Gleich kommt er raus. Die kleine große Liebe meines Lebens.

Und wenn ich Ida beim Ballett zusehe könnte ich heulen vor Glück. Dieses Glück, wenn sie tanzt, dieses Lachen, wenn unsere Blicke sich treffen.

36 ist ein gutes Alter um Dinge zu ändern. Wer ständig 36 wird kann also auch ständig etwas ändern, verändern, hinterfragen, neu anfangen. Das ist schön. Manchmal sehen wir uns alte Häuser auf dem Land an. Träumen von dieser Flucht. Und kehren dann zurück in unsere vier Wände. Mögen es, dass die Kinder durch die schönen alten Straßen ziehen, von Altbaubalkonen herunter winken, über die Zäune im Hinterhof steigen um von Garten zu Garten zu ziehen.

„Ihr ändert eure Pläne ständig,“ hat meine Mutter mal gesagt. Aber das stimmt gar nicht. Unsere Pläne sind nur weit gefächert. Klappt der eine nicht, klappt vielleicht der andere. Unsere Träume enden nie. Manche verwirklichen wir, andere nicht. Macht nichts. Denn so wie es ist ist es gut. Und wäre es anders wäre es wahrscheinlich auch gut.

Und werde ich mit Kaffee ans Bett geweckt, dann fühlt sich das richtig an. Liegt rechts und links neben mir noch ein warmes Kind, dann fühlt sich das noch richtiger an. Im Wohnzimmer und in der Küche stehen überall Blumen. Die Kinder haben Tassen selber bemalt. Der Hund freut sich, weil er merkt, das alle sich freuen. Und Paul hat einen Schokoladenkuchen mit Mascarpone Creme und frischen Himbeeren gezaubert und ich weiß, ich werde gleich alleine sein, die Kinder in der Schule und im Kindergarten und Paul in der Klinik. Und nur der Hund und ich ziehen durch den Park. Und auch das ist richtig.

Aber heute hole ich Emil Mittags ab und gehe mit ihm essen. Und dann bringe ich ihn zu seinem Nachmittags Kurs und ziehe mit Ida ein bisschen durch den Park. Und dann weiß ich: alles richtig. 36 werden ist schön wie jedes Jahr 🙂

 

 

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