Gartenliebe

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Als wir vor vier Jahren zum ersten Mal diese Wohnung besichtigten, sagte man uns, sie sei auch (Achtung!) mit Garten! Eine Wohnung mitten in Hamburg mit Garten. GARTEN! Ich dachte, das gibt es gar nicht. Zumindest nicht für Menschen wie uns. Wohnungen mit Garten wechselten ihre Bewohner doch nur unter der Hand. Wurden vererbt oder zu Millionenpreisen vergeben. Hui, eine Wohnung mit Garten, das klang ja wirklich paradiesisch. Gut, sie hatte nicht genug Zimmer und sie war auch ziemlich furchtbar geschnitten. War das vielleicht der Grund weshalb eine Wohnung mit Garten mehrere Wochen im Internet war?

Unser Haus war einst das Bürgermeisterhaus, es stand am Kopf des Weiherparks, bis in den 70ern jemand so schlau war es durch eine vierspurige Straße vom Weiherpark zu trennen. Ungefähr zur gleichen Zeit muss sich jemand gedacht haben: Hey, wie schrecklich ist Stuck? Und wie überflüssig sind hohe Decken? Hängen wir die doch einfach mal ab. Wie sinnlos sind große Altbauschiebetüren? Mauern wir die doch einfach mal zu. Holzfußboden ist was für Omas, wir machen schicken Teppich drüber – mit ganz viel Klebstoff. Weiße Wände sind öde, also schicke Tapete drüber. Und zu allerletzte: Warum aus einer Wohnung nicht einfach zwei machen. Kann ja der Hausmeister drin wohnen. Also den großen Altbauflur einfach teilen. Und irgendwie neu zusammenschustern. Sieht doch ganz gut aus! Sieh an, wie schön der Hausmeister da jetzt leben kann am Ende seines engen Flures!

Als wir die Wohnung zum ersten Mal betraten roch es als hätte zehn Jahre niemand mehr hier gelebt. Die Tapete hing in Fetzen von der Wand, der Teppich hatte Flecken, der alte Resopaltisch in der ehemaligen Küche war unter einer klebrigen Schicht Staub verschwunden und dann: der Garten! „Wo genau ist denn der Garten?“ frage ich vorsichtig. „Da, auf dem Bunker!“ sagt der Makler. Wenn man die Treppe in den Garten geht hat man ungefähr einen Meter Platz bevor sich ein mit efeubewachsener Erdhügel bis zum Bunker erstreckt. Der Bunker ist ungefähr Schulterhoch und betreten kann man ihn nicht, weil er nur durch ein Rost abgedeckt ist. Die kleinen losgelösten Steinchen fallen scheppernd in den dunklen Bunker hinab. Es gibt noch zwei von mir nicht definierbare junge Bäume und sonst nichts. Rechts eine Hausschlucht mit dem Weg zu unserem eigenen Keller. Die Tür ist alt und morsch. Hübsch….NICHT.

Ein paar Monate später im Oktober 2013 zogen wir ein. Tapeten weg, Schiebetür hinter Mauern befreit, Flur zurück verlegt, Teppich raus. In drei Monaten hatte der Architekt Jahrzehntelange Verschandelung rückgängig gemacht. Die Wohnung war in ihren Ursprungszustand von vor Hundert Jahren zurück verwandelt worden.

Wie aufregend und fremd es die ersten Tage in einer neuen Wohnung ist. Ida gerade 3 Monate alt, Emil zwei Jahre. Emil bekam das Zimmer am Ende des Flurs mit Blick in den Garten – ihm war das viel zu weit weg von uns. Ida bezog die ehemalige Küche – die hatten wir mit viel Mühe nach vorne verlegen lassen, damit Küche und Wohnzimmer nur noch durch die großen Schiebetüren getrennt waren. Ein Flur in dem man Bobbycar fahren kann und vor allem: Niemand mehr unter uns. Ausgekippte Bauklötze, ewiges schreien, rennen, toben, schaukeln mitten in der Wohnung und niemand der sich daran störte.IMG_0696

Und der Garten? Man kann nicht in Hamburg einen Garten besitzen und ihn nicht nutzen. Wir mussten uns was überlegen. Also riefen wir beim Bunkeramt an – ja, so etwas gibt es. Ob wir denn auf dem Bunker eine Terrasse bauen dürften. „Ja,“ wurde uns mitgeteilt. „Sie dürfen nur keine einzige Schraube oder Befestigung am Bunker direkt anbringen.“ Ja, ist klar. Weil so ein Bunker ja mächtig instabil ist und bei der kleinsten Schraube in sich zusammen fallen würde. Dafür sind Bunker ja bekannt!

Was Paul und ich beide wussten war was wir wollten: Wir wollten wilde Blumen und Sträucher mit Beeren. Selbst angestrichene bunte Gartenmöbel, einen Feuerkorb und überambitioniert wollten wir Obstbäume und Erdbeeren. Was wir nicht wollten: Rasen den man mähen muss, Lounge Möbel oder jegliche Form von Ordnung.

VierFrühlinge liegen jetzt schon hinter uns und jedes Mal ist es wieder schön. Da ich Unkraut nicht von regulären Pflanzen unterscheiden kann wächst alles durcheinander. Wir sind aber tatsächlich stolze Besitzer eines Kirsch- und eines Apfelbaumes geworden und schaffen es uns unserer Himbeer- und Brombeerernte immer hin ein Blech Muffins zu backen. Jeder der kommt beneidet uns um diesen kleinen Flecken grün mitten in der Stadt. (Gut, alle außer den Menschen, die nicht in der Stadt wohnen. Meine Eltern zum Beispiel, der eher schmunzelnd sagen: Das könnt ihr doch nicht Garten nennen).

Wir hingegen lieben diesen kleinen Flecken so sehr, die morsche Bank auf der im Sommer die Katze schläft, den ganzen Löwenzahn, die Walderdbeeren, die wir mal mutig aus dem Harz hierher gebracht haben und die sich nun jeden Sommer überall ausbreiten, sogar in den Ritzen des alten Bunkers. Ich glaube, die Zeit kann uns nichts Schöneres lehren als Walderdbeeren die auf Bunkern wachsen.

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Warum ich das schreibe? Weil jetzt schon der Herbst vor der Tür steht. Weil wir nur noch ein paar Wochen mit dicken Pullovern am Feuerkorb sitzen können, dann das Laub zusammen harken und uns am Ende verabschieden aus diesem kleinen Paradies. Un nur noch durch Eins Fenster den Schnee fallen sehen. Sollte es denn welchen geben.

 

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