Unsere Bilderbuchschule mitten in der Großstadt

IMG_0638Nur zwei Straßen entfernt liegt unsere Schule. Ein Freund von uns hat es heute morgen auf den Punkt gebracht als er sagte: Architektur prägt Menschen. Und unsere Schule sei der Inbegriff einer Bilderbuch Schule.

Eine Bilderbuchschule mitten in der Großstadt? Liegen Bilderbuch Schulen nicht auf dem Land?

Unsere Schule ist ein altes, gelbes Ziegelsteingebäude, mit hohen Fenstern und noch höheren Klassenräumen. Über die Stufen im Treppenhaus IMG_0500 laufen seit Jahrzehnten Kinderfüße. Das Geländer der Treppen aus Holz, der Blick aus den Sprossenfenstern geht hinaus auf dis Isebek. Hin und wieder lautlos vorbeigleitende Kanus und Schwäne, die Blätter der Bäume hängen hinab bis zum Wasser. Hinter dem Gebäude der Schulhof unter Schatten spendenden alten Bäumen, die seit mehr als 100 Jahren hier stehen und dem Kinderlachen zuhören. In einem kleinen Gehege die Ziegen. Täglich von zig Kinderhänden gestreichelt. Die kleine Info Tafel informiert die Eltern des Wochenendziegendienstes über ihre Aufgaben und auch darüber, dass es verboten sei auf den Zäunen herumzuklettern. „Mist!“ ärgert sich Paul. „Das hätte ich so gerne gemacht.“

In einer Ecke liegt der kleine Garten den die Kinder bewirtschaften. In der Mitte ein winziger Teich, dahinter das Haus für die Bienen. Überall Möglichkeiten zu klettern und zu spielen, aber auch sich zurück zu ziehen oder zu setzen. Am Nachmittag findet hier die Kinderbetreuung statt. Kleine Teller mit Rosinen und Nüssen stehen bereit.

IMG_0525Wir haben uns ganz bewusst für eine Nicht gebundene Ganztagsschule entschieden. das heißt, es steht uns frei ob wir unser Kind um eins abholen oder am Nachmittag. Was man Hamburg zu Gute halten muss: Die unglaublich niedrigen Kosten für die Nachmittagsbetreuung. 30,- für einen Monat Mittagessen im Schulrestaurant und 90,- Euro Jahresbeitrag für die Nachmittagsbetreuung. Ferien sogar inbegriffen.Wie in unserem Kindergarten liegt auch hier der Fokus noch sehr auf „Freiem Spiel“. Die Kinder können einen Kurs die Woche wählen. Ansonsten sollen sie spielen, toben, basteln.

IMG_0399Auf dem Dachboden befindet sich das Herzstück der Schule: Der Toberaum. Wenn wenig Platz da ist, muss Platz geschaffen werden. Unter den alten Dachbalken wurde ein Raum voller Ideen entwickelt, mit Kletterwand, Matten und Baumhaus. Hier findet auch eine der regulären Unterrichtsstunden die Woche statt: Die Tobestunde. (Unheimlich, dass meine Autokorrektur daraus Todesstunde machen will….)

In den hohen Gängen hängen Kunstwerke der Kinder, vor dem freundlich besetzten Schulbüro schwimmen bunte Fische durchs Aquarium.

Ankunft ist für alle Kinder der ersten und zweiten Klasse von 8:00 bis 8:20 Uhr. Zeit in Ruhe anzukommen. Und zu allererst in die Hausschuhe zu schlüpfen und sich noch ein bisschen Geborgenheit und Kindergartenzeit zurück zu holen. Wer früh kommt hat die Möglichkeit noch ein bisschen zu malen, zu spielen, mit seinen Freunden oder der Lehrerin zu sprechen. Hausaufgaben gibt es im ersten Jahr nur zwei Mal die Woche. Emil kann es gar nicht abwarten, dass bitte endlich wieder Hausaufgaben-Tag ist.

Alles klingt perfekt. Und ist es auch. Und dennoch bin ich so nervös und aufgeregt als ich mein Kind zur Einschulung begleite. Meinen kleinen Emil. Er kennt doch niemanden hier. Als die Klasse mit ihren Ranzen und den Sonnenblumen in der Hand auf der Bühne steht sieht man gleich, dass Emil einen Kopf kleiner ist als der Rest. Immer ist er der Kleinste.

Und so voller Optimismus. „Die sind alle meine neuen Freunde,“ erzählt er mir am Abend. „Ich weiß nur noch nicht wie die alle heißen.“

In den Pausen werden sie verlässlich von ihren Paten aus der vierten Klasse abgeholt. „Mein Pate ist jetzt schon mein Freund,“ erzählt Emil stolz. „Er holt mir auch immer schon meine Schuhe und meine Jacke und kann auch Schleifen binden, die halten.“

Mein kleiner Emil, der Sprung vom 26 Kinder Kindergarten auf einen Schulhof mit 360 Kindern. Wieder der Kleinste sein. Körperlichkeit meiden, wo immer er kann. Wenn irgendwo gerauft und geschubst wird ist Emil der Erste der flieht. Aber voller Tatendrang Freunde zu finden. Und zu lernen. Am erste offiziellen Schultag steht er bereits um sechs vor meinem Bett. „Wie lange darf ich heute in die Schule?“ fragt er aufgeregt.

Mir fällt es noch schwer. Wenn ich ihn morgens abgebe sehe ich manchmal, wie er im Klassenraum steht. Unsicher zwischen den anderen Kindern. Die sich bereits aus dem Kindergarten kennen. Die Schule nimmt nur Kinder aus einem Umkreis von 800 Metern. Klar kennen sich da die meisten. Nur in unserem Kinderladen, da war niemand. Dann weiß er nicht, wo er sich dazu setzen soll.

“ Einer hat auch schon ein böses Wort zu mir gesagt,“ erzählt er mir Abends im Bett. Das Wort fällt ihm aber nicht mehr ein. Und auch nicht wie der Junge hieß, der es gesagt hat. Der mit dem roten T-Shirt.

Heute ist der dritte Tag. Und endlich rechnen. Emil hat sich so darauf gefreut. Und ich kann es nicht abwarten ihn abzuholen. Morgen ist schon Freitag. Freitags hole ich ihn immer schon um eins. Dann gehen wir zusammen ins Café am Weiher, sehen zu wie die Blätter sich langsam verfärben, trinken Kakao und essen Kuchen. Ich freue mich jetzt schon auf alle Freitage die kommen!

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