Abschied

IMG_6815Ich bekomme ein Schulkind. Nur noch ein paar Mal schlafen. Dinge ändern sich. Hier ändert sich so vieles. Ich überlege ob ich mein Arbeitszimmer umbaue. Und ich liege lange irgendwo herum und lese. Paul weckt mich immer um kurz nach sechs mit einem Kaffee ans Bett. So, das haben wir beschlossen, werden wir jetzt die nächsten zehn oder zwölf Jahre den Tag beginnen. Dann trinke ich Kaffee und lese bis das erste Kind aufwacht.

Es kehrt so etwas wie Routine ein – etwas vor dem ich mich immer gefürchtet habe. Beständigkeit, Alltag. Jeden morgen werde ich Emil zur selben Zeit in die Schule bringen. Keine spontanen Fahrten mehr in den Wald und ans Meer. Und Idas Freiheit wird gleich mitgenommen. Gott, ja, Schule ist kein Gefängnis. Es fühlt sich für mich auch nicht so an. Emil freut sich wahnsinnig. Und ich freue mich mit. Sie haben sogar eigene Ziegen auf dem Schulgelände, die von den Schülern gepflegt und gefüttert werden. Hinter der alten Schule direkt der Kanal, umwuchert von hohen Bäumen und dichten Büschen, manchmal Kanus, dahinter Wiese. Ja, auch Hamburg kann das.

Wollen wir hier bleiben? Ja, wahrscheinlich. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon. Vielleicht ziehen wir irgendwann raus. Ganz raus. Leben zwischen Katzen, Gänsen, Obstbäumen und wilden kleinen Bächen. Vielleicht auch nicht. Ich werde es heraus finden.

Dinge ändern sich. Und ich nehme Abschied. Von meinem kleinen Kindergarten-Emil. Und von meinem Blog. Manchmal frage ich mich, gehe ich laut oder leise? Sage ich, was mich so stört an dieser ganzen Blogger Welt? Oder gehe ich glücklich und zufrieden. Habe drei Jahre so viel Freude daran gefunden zu schreiben und durch all das Feedback auch noch gelernt, dass ich anscheinend ganz gut schreibe. Das ich ein Talent habe. Wie lange hat es gedauert das auszusprechen?

Emil war wieder beim Film. Wir wurden noch mal vom Regisseur darauf angesprochen, wie gut er sei. Wie viel Spaß er daran habe. Wie selbstbewusst er improvisiere. „Vielleicht ist das mein Talent?“ sagt Emil auf dem Weg nach Hause. Er freut sich, dass er ein Talent hat. Und ich sage: „Erzähl das nicht allen, Emil. Die Menschen denken dann schnell, dass man ein Angeber ist.“

Wieso sag ich das? Wieso sag ich ihm, er solle ausgerechnet das was er kann für sich behalten?

Kann ich schreiben? Darf ich sagen, dass ich schreiben kann?

Ich lese und lese und denke, ich habe auch sehr viel Zeit verbracht mit dem Lesen im Leben anderer Menschen. Ich habe sehr viel Zeit mit Social Media verbracht. Habe mich mit fremden Menschen gefreut wenn sie Babys bekommen haben. Ich weiß so vieles, mehr als über meine besten Freundinnen. Ich habe so viel gelernt und ich lasse mich bis heute an schlechten Tagen von wasfürmich inspirieren endlich meine Wohnung wieder aufzuräumen.

Ich habe gegeben und genommen. Und ich habe gar kein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber. Ich habe Geschichten archiviert. Über die sie eines Tages lachen oder weinen werden. Ich glaube nicht, dass sie mich verurteilen für das was ich mit anderen geteilt habe.

Aber manchmal schreibe ich und lösche wieder, weil sofort eine Stimme in meinem Kopf mich selbst kritisiert. Schreibe ich ich freue mich auf die Schule, dann höre ich bereites die Stimmen der Freilerner, Schule würde unsere Kinder so beherrschen, zu so kleinen unfreien Robotern machen. Sage ich, ich fürchte mich vor der Schule, dann höre ich die Stimme der Eltern, die über meinen Lebensstil urteilen, die vorwurfsvoll rufen: Ja, wer den ganzen Tag nicht arbeiten muss kann so was sagen!

Manchmal denke ich ich bin müde von Blogs, aber das stimmt nicht. Ich bin einfach satt. Und vorher war ich hungrig. Ich hatte Appetit. Und ich habe Blogs genossen. Jetzt wo ich satt bin langweilen mich die Knetanleitungen manchmal genauso wie die ewig gleichen Instagram Bilder. Das weiße Instagram hat Katharina von der Blogprinzessin es genannt. Aber es ist dicht gefolgt von Kindern die in naturfarbener Kinderkleidung aus Leinen durch den Wald laufen. Bin ich das? Nein, ich bin das eine und das andere nicht. Fühle ich mich jetzt unter Druck gesetzt? Wollte ich nicht einfach nur authentisch sein? Fühle ich mich denn wohl in einer Welt in der so viel mehr Schein als Sein ist?

Aber ich gehe nicht verbittert oder gelangweilt. Ich bin einfach nur satt. So wie es eben manchmal auch eine gute Zeit ist die Wohnung umzuräumen oder umzuziehen. Wie man manchmal gerne einen anderen Job hätte. Dinge ändern sich eben. Und Begeisterungen auch. Und Kinder auch. Ich habe so gerne mein Leben geteilt als sie klein waren. Ich wollte so gerne zeigen, so sieht es aus. Man kann versuchen das Schöne zu sehen. Und man darf auch schwach sein, heulen, schimpfen. Man kann fast alles mit Liebe auffangen. Mütter dürfen das. Wer so viel liebt, so hingebungsvoll, so körperlich, so intensiv das es schmerzt, der darf auch schwach sein. Der darf auch Fehler machen.

In diesem Jahr wird der Blog drei Jahre alt. Ich überlege mir was zum Abschied. Etwas Schönes. Aber leises. Irgendetwas das alles abrundet. Für Euch, aber auch für mich.

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9 thoughts

  1. Schade – ich habe deinen Blog immer so gerne gelesen. Er war irgendwie anders: unaufgeregt (im absolut positiven Sinne), sanft, ohne ständige Werbung für irgend welche ach-so-tollen Produkte und einfach ehrlich. Und dabei hast du es trotzdem geschafft, deine Kinder nicht in Verlegenheit zu bringen, wenn sie größer sind und evtl von Freunden usw. damit konfrontiert werden.

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  2. Seit Ewigkeiten lese ich still und heimlich mit….gönne mir immer eine kleine Auszeit, wenn wieder ein Blogbeitrag von dir kommt und genieße dann jede einzelne Zeile deiner wunderbaren Texte. Ich finde deine Beiträge eine Wohltat und zum Glück ganz ohne Schein, aber mit sehr viel sein 😉
    Allerdings kann ich auch verstehen, dass du satt bist. Alles hat seine Zeit im Leben und wenn du meinst es reicht, dann wird es auch so sein.
    So bleibt mir nur die Hoffnung, dass du dich noch über einen längeren Zeitraum von uns Lesern verabschiedest und wir dich vielleicht auf eine andere Art und Weise wieder zu lesen bekommen.
    Ich finde es ganz wunderbar, dass ich deine Beiträge lesen durfte und du immer wieder „dein Leben mit uns geteilt hast“ und wünsche dir von Herzen alles Gute für Dich und deine Familie!!!

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  3. Ach wie schade… Ich habe seit längerer Zeit gerne Deine beiden Blogs gelesen. Und so den ein oder anderen Hamburg-Tipp mitgenommen. Hoffentlich denke ich im nächsten Jahr ohne Dich an das A Summer Tale Festival. Das hat sich so toll angehört, da müssen wir hin! Ich wünsch Dir unbekannterweise alles Gute! Ich werde es vermissen von Dir zu lesen, auch wenn wir uns nicht kennen. Lass es Dir gut gehen! Liebe Grüße vom anderen Ende der Stadt, Sandra

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  4. Etwas Wehmut steckt nun in mir. Dein Blog und Deine Texte sind wirklich etwas besonderes. Und ja, du darfst es laut sagen: Du kannst gut schreiben – so klar, authentisch und berührend. Gute Idee @prislacht, schreib Bücher, Miriam.
    Alles hat seine Zeit und ich bin gespannt, welche neue Zeiten für dich anbrechen werden…wäre schön, weiter von dir zu lesen oder zu hören!
    Alles Gute für Euch!
    Licht und Liebe für eure Wege.

    Lucas

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  5. Liebe Miriam,
    ich bin eine stille Mitleserin, und seit ich Dein Blog entdeckt habe, habe ich mich über jeden Deiner berührenden und warmherzigen Texte gefreut. Ich bedauere Deinen Entschluss und kann ihn gleichzeitig verstehen…auch ich denke, dass es für alles die richtige Zeit gibt – und wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt, etwas fortzusetzen, dann hat das Gründe und die sind dann gut und wichtig – gleichgültig, was die anderen sagen. Ich danke Dir, dass Du Deine Gedanken und Bilder mit uns geteilt hast.
    Herzliche Grüße

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  6. Oh, was!? Du hörst wirklich auf? Das ist mehr als schade, liebe ich Deinen Blog doch so, weil Du einfach Du bist, so natürlich, authentisch. Schade, wirklich schade. Schreiben ist Dein Talent. Gib es nicht ganz auf.

    Alles Liebe
    Nadine

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