Ellbogen Mentalität bringt dich nicht weiter – Oder doch?

IMG_6744.JPGSeitdem wir unterwegs sind merke ich wieder, daß ich leider häufig ins schwarz-weiß Denken verfalle was andere Kinder betrifft. Es gibt nur a) niedlich und mag ich und b) finde ich anstrengend und mag ich nicht. Ja, ich kann froh sein keine Lehrerin geworden zu sein (mehrere Jahre Studium für diese eine Erkenntnis) denn ich wäre niemals fair gewesen. Ich bin Null objektiv was Kinder betrifft. Bei aller Mühe nicht. Schade, ich wäre gerne anders. Ich versuche es auch. Aber manche Kinder nerven mich.

Auf dem letzten Campingplatz auf dem wir länger verweilten waren es die „ich weiß alles besser“ Kinder. Sie haben grundsätzlich Emil oder Ida alles aus der Hand gerissen mit den Worten: Das kannst du noch nicht. Ich kann das besser. Das darfst du nicht, das dürfen nur die die das schon mal gemacht haben.

Selbst während des Führens der Ponys im Kreis kamen andere Kinder und rissen Emil den Führstrick aus der Hand mit den Worten: das kannst du nicht.

In mir war Wut und auf dem Platz war Emil, stand etwas hilflos herum und sah seinem Pony hinterher. Selbst ich wurde von einem dieser leicht rabiaten Kinder zur Seite gestoßen als ich mit Ida die Hufe auskratzen wollte. „Ich mach das lieber. Es ist besser wenn das jemand macht, der das kann.“

Muss man Kindern bockig widersprechen? Hey, ich hatte auch ein Pferd bis ich 19 war. Ich weiß sehr wohl wie das geht. Aber begebe ich mich dann nicht auf ein kindliches Niveau. Kann ich nicht erwachsen reagieren? Ich sage nur: Wir hätten das auch geschafft. Interessiert aber keinen. Ida steht mit ihrem kleinen Hufkratzer am Rand. Mache ich meine Kinder nicht stark genug?

IMG_6818.jpgAuf diesem Campingplatz sind es die Ärgerer. Sie nutzen jede Gelegenheit die Kleineren auszuschließen, das Bällebad für sich zu beanspruchen und jeden zu schubsen, ihm die Schuhe wegzunehmen oder verbal zu ärgern der sich ihrem Refugium nähert. Gerne beanspruchen sie gerade das Refugium, an dem sich die Kleinen aufhalten. Wenn gerade alle kleinen an der Rutsche spielen, schlagen sie dort zu. Ziehen sie sich ins Bällebad zurück, kommen sie nach. Sie nerven mich. Jungs, die kleineren einen dreckigen Putzlappen übers Gesicht werfen und sich tot lachen. Ja, lacht ihr nur. Ich versuche es mit wirklich bösen Blicken. Sie versuchen sich dem Blickkontakt zu entziehen und versuchen es woanders.

Einmal steht ein Kettcar eine halbe Stunde vor dem Restaurant herum. Die Kettcars kann man sich einfach aus einer Scheune holen. Ich sehe aus den Augenwinkeln wie Emil zögert. Und zögert. Wie er abwägt, sich wieder umsieht. Dann endlich faßt er den Mut und setzt sich drauf. Weit und breit niemand zu sehen. Er fährt eine Runde. Aus dem Kinderparadies stürmt einer der älteren Jungs heran. So schnell kann der erschrockene Emil gar nicht abspringen. „Hey, wer hat dir erlaubt das zu nehmen?“ brüllt er. Jetzt reicht es aber, denke ich.

„Die lassen mich nicht mitspielen,“ sagt Emil am Abend betrübt. Das Bällebad ist längst wieder von den Großen eingenommen worden. Die Kleinen ziehen sich zurück. „Weißt du,“ sage ich. „Menschen die andere mit Absicht ärgern, die werden irgendwann merken, dasß man damit nicht weit kommt.“

Und ich rede und glaube mir auf einmal selbst nicht mehr. Stimmt das denn? Nein, das stimmt tatsächlich gar nicht. Oder nur bedingt.

Bei unserem letzten Urlaub mit Freunden in Griechenland wimmelte es von Oberärzten. Die Kinder der ganzen Oberärzte, die ja unsere Freunde sind, haben es mit der Gerechtigkeit auch nicht so genau genommen. Sie haben sich die Schaukeln am Strand genauso erkämpft wie die beliebtesten Wasserspielzeuge. Einmal hörte ich wie einer zu Emil sagte: „Wenn du die Schaukel nicht frei machst bringt mein Papa dich um!“

Ja, was für ein dummer Spruch. Im Eifer des Gefechtes. Natürlich totaler Quatsch. Kinder erzählen Quatsch. Emil ging natürlich trotzdem von der Schaukel. Beim Abendessen wurde über den Testosteron Spiegel der Jungs geredet. Die werden sich irgendwann durchsetzen!

Ich blieb still. Ist es so? Was wird denn dann aus Kindern wie Emil? Die sich nicht wehren. Die immer so um Harmonie bemüht sind, die heimlich weinen, wenn jemand einen Grashüpfer quält. Ist es so, daß die Ellbogen Mentalität einen doch weiter bringt?

Wenn am Ende nur die Sanften, die Gutmenschen siegen, die, die Tiere nicht quälen, andere nie von Schaukeln schubsen und sich auch noch die Ponys aus der Hand nehmen lassen, woher kommen dann all die skrupellosen Manager, die Firmenchefs und Donald Trump?

Aber natürlich ist das ein schmaler Grad. Kinder die sich durchsetzen werden ja nicht automatisch zu Tierquälern oder skrupellosen Chefs. Vielleicht haben sie es später wirklich ein bißchen leichter. Wenn man weiß, was man will, kann man das mit einem großen Selbstbewußtsein wahrscheinlich viel besser umsetzen. Auch die guten Dinge.

IMG_6815.jpgEmil und Ida haben gelernt „Nein“ zu sagen, das hat ein bißchen gedauert. Sie lassen sich nicht mehr alles wegnehmen. Sie setzen sich auch mal durch, aber nicht um jeden Preis. Sie sind dadurch nicht besser oder schlechter als andere Kinder. Sie werden ihren Weg gehen, bestimmt einen guten, ich hoffe, daß sie damit glücklich werden. Aber ich weiß auch, daß ich meinen Eltern in ihrer Erziehung nur einmal wirklich einen Vorwurf gemacht habe: Warum zum Teufel habt ihr nie gestritten! Ich hatte wirklich gar keine Streitkultur gelernt. Wenn es Streit gab war ich ohnmächtig. Ich kämpfte wie besessen um Harmonie, um jeden Preis. Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe das Streit keinen Bruch bedeuten muß. Ich hoffe, daß Emil und Ida mir nicht eines Tages den Vorwurf machen, warum ich sie nicht etwas stärker gemacht habe im Umgang mit anderen. Zu viel Rücksicht ist vielleicht auch nicht gut.

 

 

 

Advertisements

2 thoughts

  1. Wir haben auch so zarte, mitfühlende und konfliktscheue Kinder. Und ich mag auch die meisten anderen Kinder nicht 🙈😊 Und, ich stelle mir ähnliche Fragen wie du: Wie viele Konflikte sollten sie austragen? Welche sind es nicht wert? Und wie oft sollte ich als Mama eingreifen?

    Gefällt mir

  2. Liebe Miriam, boah, wenn ich sowas lese, macht mich das auch direkt wütend…
    Ich bin wie Du, trotz (immer mal wieder) streitender Eltern, sehr harmoniebedürftig und konfliktscheu (vielleicht möchtest Du mal was zum Persönlichkeitsmodell des Enneagramms lesen (klingt sehr eso, ich weiß, ist aber wirklich interessant! – vielleicht erkennst Du Dich da auch im Typ Neun wieder ;-).

    Meine Kinder: beide sehr sensibel, sehr aufmerksam, sehr emphatisch. Der Große (5) war noch bis 3 null wehrhaft, wenn ihn ein Junge auf dem Spielplatz auch nur schief angeguckt hat, brach er in Tränen aus. Ich vermute mal, er hätte sich genauso verhalten wie Emil in den Situationen, die Du beschreibst (mit größeren Kindern).
    Die Kleine hat durch den großen Bruder einiges gelernt, weil sie ihre Konflikte auch untereinander haben und weil sie es lernen musste, sich auch gegen ihn zu wehren..

    Aber ich habe auch von unserer Erzieherin im Kindergarten gehört, dass er sich oft kaum wehrt, wenn er angegangen/geärgert wird. Mir tut es wirklich immer wieder im Herzen weh, wenn ich daran denke.
    Zuhause allerdings kann er sich sehr gut durchsetzen 😉
    Ich und die Erzieherin vermuten, dass das irgendwie der Ausgleich ist.
    Und ich habe auch schon auf dem Spielplatz beobachtet, dass er sich da nicht mehr Spielzeug wegnehmen lässt…
    Ich hoffe darauf,dass das besser wird mit der Zeit und mit dem Älterwerden. Auch ohne eigenes „Aggressionspotenzial“ und ohne „Abhärtung“….
    Liebe Grüße,
    Julia

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s