Warum ich im Schwimmbad heule

(Zu diesem Beitrag gibt es kein passendes Bild, weil fotografieren im Schwimmbad in Hamburg verboten ist)

img_3227Ich frage mich wie viele Menschen ins Kaifu Schwimmbad passen? So, wenn wirklich alle Flächen besetzt sind. So wie gestern. Da passten wir noch genau auf das klitze kleine Stück Rasen zwischen Zaun und Babybecken, man musste zwar eine Mauer hochklettern, aber deswegen hatte zumindest diesen einen Flecken Rasen noch niemand vor uns besetzt. Ich konnte das Becken komplett überblicken und Ida war fröhlich.

Hamburg hat gar nicht so viele Freibäder, was bedeutet, jeder der in Eimsbüttel oder darum herum lebt kommt ins Kaifu Bad. Das bedeutet auch: A) es ist schrecklich voll b) alle anderen Kindergartenkinder sind selbstverständlich auch hier und demnach alle Kinder glücklich.

Nach ein paar Stunden herum Geplansche ging ich mit den Kindern zum Sprungturm. Sie wollten so gerne sehen wie die Leute aus zehn Meter Höhe sprangen. Und da saß ich dann und heulte.

Nach und nach wurden die Menschen geordnet auf den Turm gelassen. Oben eine Bademeisterin die aufpasste. Eine Schlange an der Leiter, die nach oben führte. Und Menschen die sprangen. Bis der Junge mit der gelben Badehose kam. Er war so weit da oben, ich kann nicht sagen wie alt er war. Paul sagt acht, ich sage älter. Er stand da und zögerte. Die Bademeisterin sprach ihm gut zu. Deutete an wie man am besten sprang. Er zögerte.

Er trat an den Rand, die Beine zitterten ein bisschen. Zögern, fast springen, zurück treten, zögern, wieder runter gucken, fast springen. Zurücktreten.

Auf der Wiese am Ufer war eine Frau aufgestanden und rief etwas. Ich nehme an seine Mutter. Der Junge tritt nach vorne, zögert, zittert, fällt fast, tritt wieder zurück. Es springen andere. Immer wieder tritt er nach vorne. Der innere Kampf ist nicht zu übersehen.

Einige fangen an zu klatschen. Und dann immer mehr. Dann rufen sie. Kinder und Erwachsene: Du schaffst das! Das rythmische Klatschen wird immer lauter. Sie jubeln, sie rufen. All diese Menschen im Schwimmbad sehen zu ihm auf. Alle fiebern mit. Und ich muss heulen. Da sitzen Menschen aus unterschiedlichen Nationen, aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Sie leben in den Altbauwohnungen, den Stadtvillen, den Hochhäusern der Lenz Siedlung. Sie sind alt und jung, Kinder und Erwachsene. Dieses Schwimmbad führt alle zusammen und trotzdem entsteht eine so positive Gruppendynamik. Der Wunsch jemandem Mut zuzusprechen.

Mich hat das zu Tränen gerührt.

Der Junge ist übrigens nicht gesprungen. Er ist die Leiter runter und dann fast verschämt vom 5 Meter Brett gesprungen. Geklatscht und gejubelt hat trotzdem das ganze Bad.

Ich weiß, ich bin so unglaublich weich gespült, seitdem ich Mutter bin, dass ich ständig heule. Das ist wirklich so. ich heule auch bei Fernsehwerbung, vor allem wenn Kinder mitspielen. Ich heule bei Filmen, manchmal auch bei Telefonaten in denen ich rührende Szenen einfach nur schildere. Ich empfinde das ganze Leben ganz schrecklich emotional. Ich bin die Menschgewordene Empathie. Und ich sehe in jedem männlichen Geschöpf Emil und in jedem weiblichen Ida. Am Anfang hat mich mein Gehirn diese Leitung noch nicht vollbringen lassen. Etwas fühlen, wenn es nicht genau dem Status meines Kindes entsprach. Hatte ich Babys konnte ich wahninnig mit Babys mitfühlen, mit achtjährigen schon gar nicht mehr. Aber jetzt ist mein Gehirn so geschult das es mit allen mitfühlt. Ich kann das kaum noch ausbremsen. Sehe ich sterbende Soldaten, ängstliche Flüchtlinge, hungernde Menschen, ich sehe immer, immer, immer die Söhne in ihnen. Ich sehe selten den Mann, sondern immer den Sohn. Irgendwann waren die auch klein, sie wurden geliebt und getragen. Irgendwo sitzt eine Mutter, die sie zur Welt gebracht hat, die ihnen beim Laufen und sprechen lernen zugesehen hat, die sie hielt, wenn sie traurig waren. Und ich glaube zu wissen, dass all diese Männer und Frauen in gefährlichen schrecklichen Situationen an diese Liebe ihrer Mutter denken. Und die Mütter an sie.

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5 thoughts

  1. Das war so schön und rührend, jetzt muss ich auch heulen. Mir geht es übrigens genauso, dass ich seit der Geburt der Kinder vor Mitgefühl (und Tränen) überfließe…

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  2. Oh wie schön! Mir geht es mit heulen auch so, ohne Mutter sein!
    Und manchmal find ich es so fürchterlich, weil die Tränen so plötzlich kommen, ständig, immer und immer wieder! Schön zu lesen, das es anderen ebenso geht!
    Ganz lieben Gruß an dich!

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  3. Wie schön! Und ich hatte gerade ein Déjà-vu.. es gibt in der Schweiz eine Werbung einer Schweizer Versicherung, die sich genau etwa so abspielt… und ich dachte jedes Mal, wenn ich die Werbung sah, dass es sooo schön wäre, wenn es in der Wirklichkeit auch so wäre und man sich gegenseitig Mut machen würde anstatt die vermeintlich „Schwächeren“ runterzuputzen und zu schikanieren, wie es ja häufig geschieht 😀 Ich finde es grandios, dass es auch wirklich so ist scheinbar, wie dein Bericht bestätigt 🙂 Hier der Link zur Werbung, falls es jemanden interessiert :D.

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