Kindergartenreise

img_8728Letztes Jahr um diese Zeit war ich schon ein wenig nervös. Emil hatte den Kindergarten vor ein paar Monaten gewechselt und jetzt ging es los auf Kindergartenreise. Fünf Tage Kindergartenreise! hörte ich oft. Ist das nicht viel zu lang für so Kleine (und erst Recht für die Mütter?). Müssen Kinder so früh schon auf so eine lange Reise gehen? Wie geht da mit dem Schlafen? Dem Dauerlärm? Nie mal Zeit sich zurück zu ziehen? Kaum Kuscheleinheiten? Was, da fahren auch Kinder mit die vor ein paar Wochen erst drei geworden sind?

Ja.

Vielleicht muss man deshalb etwas zum Kindergarten sagen. Wer das schon lange liest weiß um unsere schwere Entscheidung uns einen neuen Kindergarten zu suchen als Emils alter geschlossen wurde. Emil war damals knapp vier. Und jetzt? In Hamburg gibt es eine unglaubliche Auswahl an Kindergärten und in Hamburg Eimsbüttel auch noch so eine Fülle an Kindergärten, dass niemand ohne Platz ausgeht. Eher werden neue Kindergärten auf Grund eines Kindermangels geschlossen. Und dann muss man sagen, in diesem Viertel wohnen sagenhaft viele Kinder. Als Beispiel: In Emils Grundschule werden nur Kinder aufgenommen, die in einem Umkreis von 800 Metern von der Schule wohnen. Trotzdem machen sie 4 erste Klassen auf. Man sieht also, es mangelt nicht an Kindern.

Ich verfolge mit Interesse die Kindergartenfrei Bewegung und ehrlich gesagt, wenn ich manchmal lese aus welchen Beweggründen die Eltern sich dafür entschieden haben kann ich das gut verstehen. Nicht alle Kindergärten sind liebevoll und schön. Und wenn ich an den Vorfall in Berlin vor ein paar Wochen denke, wo Kinder ans Bett gefesselt und ihnen das Essen per Daumen in den Mund geschoben wurde bis sie es runterschlucken, dann graust mir vor vielen Kindergärten.

Wir haben uns nach vielen Besichtigungen gar nicht für einen Kindergarten entschieden, sondern für einen Kinderladen – ein Überbleibsel aus den 80er Jahren. Entstanden aus einer Elterninitiative und auch heute liegt die „Macht“ in den Händen der Eltern. 26 Kinder nimmt der Kinderladen auf. In einer Altbauwohnung im Hinterhof. Hier ist es nicht schick, nicht modern, hier gibt es keine Pastellfarben, keine gepunkteten Wimpelketten und praktisch abwaschbaren Möbel. Hier ist alles noch aus Holz, an den Wänden Kinderbilder, an langen Wäscheleinen hängen die neuesten Werke. Hier gibt es einen besseren Betreuungsschlüssel als an „normalen“ Kindergärten und seit (Achtung) 26 Jahren noch die Erzieher, die damals den Kindergarten mitbegründet haben. Hier wird nicht englisch gesprochen oder Klavierunterricht erteilt, dafür gibt es den (ungelogen, nicht übertrieben) besten Tanz- und Theaterpädagogen der Welt! Tanz-Thomas. Und wer den einmal live erleben will und zufällig in Hamburg wohnt oder der MUSS Freitags in den Schanzenpark zum Mitmachzirkus gehen!

Seit 26 Jahren gibt es den Kinderladen, seit 26 Jahren fahren sie geschlossen auf einen Bauernhof ins Wendland. Von Montags bis Freitags. Alle 26 Kinder.

Als Emil das letzte Mal gefahren ist hab ich ein paar Tränen verdrückt. Ein Bus voller kleiner Kinder, viele Mamas mit Sonnenbrillen. Aufregung, kleine Taschen, kleine Rucksäcke, viele Kuscheltiere. Lachen, kreischen ein bisschen weinen. Und dann waren sie weg.

Als Emil zurück kam war er braungebrannt und voller Schrammen und blauer Flecken. Und er hatte sich verändert. Er war größer und selbständiger und vor allem voller Mut, so beschwingt davon etwas geschafft zu haben. Er sprudelte über vor Geschichten. Und die Wochen darauf waren die Kinderladenkinder noch viel enger, viel rücksichtsvoller als zuvor. Egal wo man hinsah, die Großen halfen den Kleinen. Beim anziehen, beim klettern, beim schaukeln. In fünf Tagen waren sie so sehr zusammen gewachsen. Waren bei Gewitter zusammen gerückt, waren stundenlang durchs hohe Gras gelaufen, hatten Ziegen gefüttert und im knietiefen Badeteich geplanscht. Hatten gelacht, Nachtwanderungen und Schatzsuchen gemacht, waren sogar mit Ponys durch die Felder geritten.

Dieses Jahr wird auch Ida mitfahren. Und ich werde noch mehr Tränen verstecken müssen. Beide Kinder weg? Seltsam. Niemand der einen um sechs weckt. Niemand der getröstet werden will. Der Abends auf meinem Schoß einschläft.

„Es ist schade, dass ich erst so spät in den neuen Kindergarten gekommen bin,“ hat Emil letzt gesagt. „Ida darf drei mal mit auf Kinderreise. Und ich nur zwei mal bevor ich in die Schule komme.“

 

 

 

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One thought

  1. Das erinnert mich an meine eigene Kindheit. Ich war selber ein Kinderladenkind und wir waren jedes Jahr fünf Tage auf Reise. Ich glaube ich hatte am Freitag noch die gleiche Kleidung an, wie Montag. Oder darf man so etwas öffentlich gar nicht sagen? 😉 Es war jedenfalls immer ein Highlight und ich erinnere mich gerne daran. Meine Mutter hat mir Aufzeichnungen von ihr überlassen, die sie vor der ersten Fahrt machte. Ich war drei. Ich sagte zu ihr,dass sie so mal in die Bücherei kann ohne in die Kinderabteilung zu müssen. Ich denke, diese Fahrten sind für alle wichtig, die Kinder und die Eltern. (Natürlich ist die „Kinderladenwelt“ immer ein wenig eine andere. Und wenn ich an meine Zeit denke und deine Erzählungen lese, bin ich traurig, dass sie mein Sohn nicht kennenlernen wird.)

    Alles Liebe und eine gute Reise an die Kinder und irgendwie auch an die Eltern,
    Lara

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