Midlife Crisis Teil 1, wo soll man denn jetzt leben?

Oder: Wie ich einmal darüber nachdachte aufs Land zu ziehen und beim Schreiben des Beitrags erkannt habe, dass ich mich hier doch ganz schön wohl fühle 🙂

Ich sitze draußen im Garten. Garten! Das klingt für viele Hamburger schon absurd. Im Garten ist es still. Er liegt im Hinterhof. Es gibt nur einen einzigen Zugang. Die Kinder können beliebig über die Zäune klettern, von Garten zu Garten. Überall wohnen Kinder. Die Katze läuft nicht Gefahr überfahren zu werden. Sie hat den Ausgang aus diesem Gartenlabyrinth bis heute nicht verstanden. Unser Garten besteht aus einem alten Bunker und einer Rasenfläche, die man kaum Rasen nennen darf. Wir haben Apfel- und Kirschbäume gepflanzt, die Blüten tragen und eines Tages verzweifelt um Platz kämpfen werden. An den Sträuchern neben der Treppe hängen üppig Johannisbeeren, im Hochbeet zeigen sich die ersten Erdbeeren. Die Kinder laufen barfuss durchs Gras. Gestern waren Freunde da zum Grillen. Zehn Erwachsene, zehn Kinder. Platz für alle. Man kann es nicht besser haben in Hamburg. Wirklich nicht.

IMG_3921.jpgMit dem instabilen aber geliebten Gazelle Fahrrad komme ich aus Altona. Emil eifrig hinter mir her. Die Straßen sind voll mit Radfahrern. Wir überqueren die Fahrradbrücke und unter uns ziehen lautlos zwei Kajaks vorüber, verschwinden am Ende unter den dichtgrünen Bäumen, deren Zweige bis ins Wasser hängen. Auf dem Platz der verbrannten Bücher ist „Musik im Park“. Den ganzen Sommer über – immer Donnerstags. Ein paar Menschen sitzen auf Stühlen, andere im Gras und auf Decken. Manche haben Tische mitgebracht, sitzen bei weißen Tischdecken mitten im Park und Essen. Es duftet nach Grillkohle, nach gebackenen Auberginen und nach Sommer.

Im Kaifu Bad ziehen die Menschen ihre Runden durch das kalte Wasser. Im Schatten der riesigen Eichen, Kinderlachen. Überall.

Die Cafés sind voll. Alle. Die Menschen reden, lachen, die Kinder laufen herum. Barfuss auf Gehwegen, streicheln Hunde, essen Eis. Manche stellen ihre Grills und Klappstühle einfach auf den Gehweg vor ihren Häusern. Spielen Gitarre, braten Scampis und Haloumi.

Ich mag hier nicht weg.

Im Park am Weiher isst man bereits zu Abend. Jeder, der hier irgendwo wohnt. Auf Decken und bunten Kissen. Der Reiher stakst nur ein zwei Meter an ihnen vorbei lautlos durch das dunkle Wasser. Die Kinder strecken ihre Füße und Kescher ins kühle Nass. Vom Steg aus kann man seine Beine baumeln lassen.

Ich kann mit dem Rad in die Innenstadt fahren und an die Außenalster. Ich kann den weißen Segelschiffen nachsehen und mich ins Gras fallen lassen. Ich kann mit dem Rad bis zu den Landungsbrücken fahren, kann die großen Containerschiffe und Kreuzfahrtriesen vorüber ziehen sehen. Frischen Fisch vom Kutter kaufen, Möwen in der Luft füttern. Wenn ich will, fahre ich mit der Fähre rüber nach Finkenwerder und wieder zurück. Steige am Elbstrand aus oder nicht. Kann mein Rad mitnehmen und irgendwo neu starten.

Ich kann mit dem Rad bis in die Schanze fahren. Eis essen mit Blick auf die rote Flora, bei Planten un Blomen spazieren gehen.

Ich kann mit dem Rad nach Ottensen fahren, Freunde treffen, großartig essen an jeder Ecke.

Ich kann zum Niendorfer Gehege radeln, Rehe füttern, im Wald Tipis bauen.

Und will ich trotzdem aufs Land?

IMG_4784.jpgWas will ich denn überhaupt? Ich will Platz und Freiheit für die Kinder. Ich will eigentlich, dass sie über Wiesen und durch Wälder streifen so wie ich es als Kind getan habe. Ich wünsche ihnen Abende, an denen sie bis Einbruch der Dunkelheit draußen herum rennen können. Und so viele Stöcker zum Schnitzen wie sie finden können.

Und ich?

Ich glaube, die Frage wo wir wohnen wollen stellt sich immer mal wieder. Vielleicht jetzt, wo ich so vieles neu überdenke, noch mehr. Was will ich arbeiten? Und wie viel? Wie oft? Was will ich sehen, erleben, lernen? Will ich noch ein Kind? Und wo will ich wohnen?

Ich fürchte mich vor der Stille. Ich mag es, wenn ich einsam im Wendland an der Elbe sitze, nur Kraniche und ich. Ich mag es, wenn bei meinen Eltern hinter dem Haus nur der Wald im Wind rauscht. Aber kleine Städte in denen im Sommer eine so bedrückende Ruhe herrscht schüchtern mich ein. Wo sind die Menschen denn? In ihren Gärten? Mit ihren Nachbarn vor den Planschbecken?

Wieso sind die Orte nicht so voll wie in der Stadt. Warum kommen die Leute nicht zusammen? Wieso ist es so still, wo es doch im Sommer besonders laut sein müsste. Ein paar einsam herum rollernde Kinder. Gemähter Rasen, geschnittene Hecken.

In Hamburg findet im Sommer das Leben vor den Häusern statt, in den Kleinstädten hinter den Häusern.

In meiner Vorstellung fährt das wackelnde Gazelle Fahrrad mit mir auf Feldwegen der Sonne entgegen. Ein Kind barfuss auf dem Gepäckträger. Bullerbü.

Aber wie einsam ist Bullerbü?

Wie viel Natur passt in die Stadt?

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IMG_4674Vielleicht müssen wir nur nutzen was direkt vor uns liegt? Wir sitzen so oft am Strand der Elbe, einsam etwas außerhalb der Stadt, wir streunen durch alle Wälder rund um Hamburg, fahren mit dem Rad durch alle Parks, erkunden Straßen, Viertel und Kanäle. Macht uns das Stadtleben nicht auch erfinderisch? Verlassen wir unser Haus und unseren Garten nur deshalb öfter, weil er nicht bietet wonach wir uns sehnen? Platz und Grün?

Und dann nervt sie doch manchmal. Die Enge, der Lärm, die Radfahrer – die geschlossen mit zwanzig oder dreißig Rädern an der Ampel starten und den kleinen Emil abdrängen. Und Emil, der davon träumt Kartoffeln zu pflanzen, Holz zu hacken und Feuer zu machen?

Für uns ist die Entscheidung gar keine aktive Entscheidung. Paul arbeitet wo er ist und muss im Dienst innerhalb von zwanzig Minuten die Klinik erreichen können. Rausziehen? Geht gar nicht. Wir bleiben hier. In unserem winzigen Stadtgarten, in der geliebten Wohnung mit den hohen Decken und nackten Füßen auf Holzböden. Den vielen Menschen und Kindern auf den Straßen, den Parks voller Kinderlachen und dem Lärm, den Autos und der Sehnsucht nach Stille. Die uns dann doch vielleicht irgendwann erdrückt hätte.IMG_4779.jpg

Das ist übrigens auch alles Hamburg

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13 thoughts

  1. Ich mag deine Fotos und auch deinen Stil zu schreiben. Aber manchmal, also manchmal da jammerst du wirklich auf hohem Niveau! Ihr habt es wunderschön, genieß es. Viele Grüße, Annie

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    1. Ich finde überhaupt nicht das ich jammere. Ich schreib doch gerade das Gegenteil dazu! Das ich es hier wunderschön finde und es wahnsinnig genieße! Und sich Gedanken darüber machen, was man vom Leben so will, das tut man doch ständig. Das hab ich auch getan als ich in meiner Studenten WG am finanziellen Limit gelebt habe und hab es trotzdem mindestens genauso genossen. Aber weiter träumen, sich Veränderungen vorstellen oder diese wagen, dass finde ich total bereichernd. Ich fände es schade, wenn man das nicht mehr täte und sich in einem Stillstand befände, in der alles für immer entschieden wäre.
      Liebe Grüße, Miriam

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    1. Ja, viele Dinge sind ja im Kopf von Müttern schöner als in der Realität. Aufgeräumt Kinderzimmer zum Beispiel 🙂 Finden Kinder auch nicht annähernd so wichtig wie Mütter. Ich finde die Vorstellung von einem roten Gartenhaus aber ziemlich schön!!
      Liebe Grüße, Miriam

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  2. Meine Mutter hat auch schon häufig so gedacht: Wäre es nicht viel schöner und idyllischer auf dem Land zu leben? Bei solchen Fragen denkt man häufig nur an die Impressionen, die man auf dem Land gewinnt, aber nicht an die, die man in der Stadt verliert. Gefüllte Spielplätze…Straßen im Morgenlicht…das abendliche Stadtleben. Natürlich sind einige zu jung, um alle diese „Angebote“ zu nutzen, aber sollte man sich nicht über jede Altersklasse und jede einhergehende Möglichkeiten Gedanken machen?
    Btw: Auf dem Baum an der Elbe sind wir früher auch immer geklettert 🙂

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    1. Ja, der Baum ist grossartig! Ich werde ihn auch in keinem Artikel erwähnen, damit es nicht irgendwann furchtbar voll dort wird 🙂
      Die Vorstellung vom Landleben sieht halt oft aus wie bei N3 Dokumentationen und in Zeitschriften. Ich finde ja allein die Tatsache erschreckend, das man nicht mehr alles mit dem Rad erreichen kann.
      Liebe Grüße!

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      1. Das war auch unser Gedanke. Und da wir jetzt durch einen sehr plötzlichen Einschnitt kein Auto mehr besitzen, ist es nur umso besser, dass wir in der Stadt geblieben sind

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  3. Ich bin im Kölner Umland auf einem Dorf groß geworden und war lange Zeit froh, als ich weg war. Mittelstädte habe ich mir ausgesucht zum Wohnen. Mit der Option Großstädte in der Nähe zu haben für Kultur- und Nachtleben. Nun lebe ich wieder in einer kleinen Gemeinde, weit weg von der Heimat. Aber erst in diesem Umfeld war für mich klar, dass auch Kinder in mein Leben gehören. Komisch manchmal, diese Gedanken…

    Nun sind sie da, meine beiden Sommerkäfer – und haben nur halb so viel Spaß an Dreck und Klettern und Flüssen wir Deine beiden Landstreicher. 😀 Sie blicken manchmal neidisch auf große Gärten der Umgebung mit kurzem Rasen, Trampolin und Nestschaukel. Wir versuchen hier damit dagegen zu halten, was ich mir als Kind gewünscht hätte: Holzpferd im Garten. Baumhöhle (https://magiciennes.wordpress.com/2016/04/27/garten-glueck-ganz-viel-natur/), Kletterturm. Der Bach fließt ohnehin direkt in Sichtweite vorbei.

    Vielleicht müssen sie noch ein bißchen älter werden um die Freiheit zu genießen, die sie hier haben. In dem Punkt mit der sommerlichen Einsamkeit stimme ich Dir übrigens auch hier zu. Jeder sitzt für sich in seinem Garten. Einen zentralen Treffpunkt gibt es nicht. Im hiesigen Biergarten sitzen wenig Familien mit Kindern. Wir können uns glücklich schätzen Freunde mit Balkonwohnung zu haben, die uns durch ihre gern gesehenen Besuche immer wieder zeigen, wie toll es doch – neben der Arbeit – ist, im Grünen sitzen zu können. Und dabei seine Ruhe zu haben, wenn man es möchte.

    Und während ich schreibe merke ich, ich wünsche mir immer und immer wieder mehr Platz, weil das Häuschen klein und ungünstig geschnitten ist. Aber den Garten möchte ich einfach nicht missen. Schreiben hilft wirklich. Und jetzt hole ich mir meinen Eiskaffe und setze mich damit raus in die Sonne, um die Ruhe zu genießen.

    Herzlich,
    Sandra

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    1. Witzig, da muss ich an ein Gespräch mit meinem besten Freund denken, der letzt sagte: Wenn ich mal Kinder habe, was mache ich denn, wenn ich die nicht mag? Oder wenn die ganz andere Interessen haben als ich?
      Im Grunde ist es ja ein bisschen so. Ich denke ja auch, wahnsinnig viel Reisen sei unglaublich aufregend. Emil und Ida finden aber ankommen viel aufregender.
      Ich finde sich in andere Situationen hineinzuträumen immer bereichernd. und manche werden wahr, viele nicht. Im Grunde weiß ich, das alles wunderschön ist so wie es ist. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch links und rechts denken darf.
      Ganz liebe Grüße! Miri

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  4. Liebe Miri,
    es ist wirklich interessant, dass diese Frage so viele Leute umtreibt, egal wo sie leben. Wir befinden uns gerade auch inmitten auf der Suche nach der Antwort auf – “ Wo soll die Reise hingehen“. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es für jede Lebensphase unterschiedliche Orte sein dürfen, man die Frage immer wieder neu stellen darf, und weg von dem „hier bau ich mein Nest und bleibe bis an mein Lebensende“, so wie meine Eltern es mir vorleben.
    Ich bin in einem kleinen Eifeldorf aufgewachsen, fand es großartig bis die große Langeweile mich in der Pubertät ereilte. Ich habe es überlebt, in einer Kleinstadt studiert und lebe jetzt in Köln. Und wieder möchte ich weg. Mir ist es zu laut, zu voll, zu eng, zu dreckig. Ein kleines Häuschen mit MiniGarten wäre Traum, aber das stürzt einen hier -und nicht nur hier- in den finanziellen Ruin, also bleiben wir in unserer Etagenwohnung, bleiben genervt von dem Baulärm von morgens sieben bis abends sieben und träumen, suchen, wünschen uns weg, überlegen. Und machen das Beste draus. Aber die Frage mit dem Wohin bleibt. Und es bleibt eben spannend.

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    1. Ich weiß genau was du meinst. Wir arbeiten ja im Grunde auch kaum noch in einem Job bis ans Lebensende. Wir wechseln ständig etwas und ich glaube das tut sehr gut. genauso wie es gut ist sich neue Dinge vorzustellen, ein bisschen zu träumen, sich manche Träume zu erfüllen und andere vielleicht auch wieder zu vergessen. Und wenn ich sehe, was für ein Angebot es in der Stadt gibt, dann weiß ich, dass ich mir als Kind so etwas gewünscht hätte. ich hätte auch gerne die Erfahrung gemacht beim Film dabei zu sein, Theater zu spielen, Sportarten zu lernen, die eben nicht so gängig sind wie Fußball und Reiten. Ich hab meine Kindheit auf dem Land genossen aber ich glaube auch das meine Kinder ihre Kindheit in der Stadt auch genießen.
      Liebe Grüße! Miri

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  5. Du sprichst mir aus der Seele, das Abwägen zwischen Stadt und Land und die ständige Suche nach dem perfekten Mittelweg ist auch hier beherrschendes Thema. Danke für deine Erinnerung an die Schönheiten Hamburgs! Ich sende dir regnerische Grüse, aus der Eimsbüttler Nachbarschaft, mit meiner Ida 😉

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