Social Media Abstinenz

 

IMG_3939.jpgDie selbstauferlegte social Media Pause, ja, die ist schneller vorbei als geplant. Also 6 Tage eher als geplant. Ich weiß nicht, ob ich das unter „scheitern“ verbuchen würde. Kann ich wirklich nicht 14 Tage ohne soziale Medien leben?

Ich habe dennoch vieles daraus gelernt: zwei Dinge besonders A) ich bin absolut mega uninformiert ohne Facebook und müsste mir eine ganz neue Informations Strategie überlegen und B) Social Media klaut einem wahnsinnig viel Zeit, die man woanders viel effektiver einsetzen kann.

Ich gucke tatsächlich fortwährend mal fix zu Facebook oder Instagram rüber wenn ich am Computer arbeite. Mit fortwährend meine ich jede Stunde einmal. Warum? was soll sich da in der Zeit so weltbewegendes getan haben? Nichts. Oder doch?

Ich hatte mal ein Gespräch mit der Mutter einer Freundin, einer absolut überzeugten Facebook Gegnerin. Sie verbuchte ihre Kritik hauptsächlich unter dem Standpunkt: Selbstdarstellung, Grenzüberschreitungen der Privatsphäre und einem RTL2 angemessenen Interesse am Leben anderer Menschen.

Tatsächlich habe ich Facebook nie so betrachtet und habe das Gefühl, die meisten Menschen über 17 tun das nicht. Für mich ist Facebook tatsächlich das auf mich am besten abgestimmte Informations-Tool. Überbewerte ich damit die Qualitäten von Facebook nicht ein wenig? Doch. Ein leben ohne Facebook funktioniert auch ganz gut. Man muss sich nur erst mal wieder reinfuchsen.

Ich bündele auf meiner Startseite alle Interessen die ich habe, und bin somit (so schrecklich es klingen mag) so gut informiert wie nie zuvor. Ich bekomme nicht nur die aktuellen News über die wichtigsten Nachrichtenseiten denen ich folge, sondern dadurch auch noch kontroverse Meinungen und Darstellungen zum selben Thema. Ich weiß immer was gerade in den Theatern läuft, die ich liebe, ich weiß, welche kulturellen Events anstehen, was für Projekte meine Freunde gerade machen. Ich bekomme Informationen über Ausstellungen, Lesungen, Kinderfeste, Theater- und  Zirkusaufführungen, ebenso wie ich erfahre ob Freunde von mir, die im Tierschutz aktiv sind gerade Geld sammeln für Pferd XY, Freunde die im sozialen Bereich mit Flüchtlingen arbeiten gerade Aushilfslehrer suchen oder jemand einen Bus für den Umzug braucht, den wir dann zur Verfügung stellen können.

Ob gerade jemand geheiratet hat, in Spanien am Strand liegt oder den Film „The Minions 3“ anpreist interessiert mich überhaupt nicht, aber das kann ich ja rausfiltern.  Was andere große Mütterblogs gerade beschäftigt interessiert mich schon und wenn der ein oder andere aus meinem Freundeskreis auswandert, ein Start up Unternehmen gründet oder beschließt Müllfrei zu leben, dann finde ich das auch spannend.

Ich habe tatsächlich versucht mich allmorgendlich wieder durch Spiegelonline zu scrollen, aber bei den unterschiedlichen Theatern weiter zu machen war mir dann doch schon zu viel. Also fehlten mir diverse Informationen, die ich tatsächlich vermisst habe. Ist Facebook verwerflich? Kommt es nicht darauf an wie wir es nutzen?

Was ich statt dessen gemacht habe? Das ist tatsächlich spannend. Ich habe nicht einmal im Beisein der Kinder auf mein Handy gesehen und ich habe es bewusst hin und wieder ganz Zuhause gelassen. Im Schwimmbad zum Beispiel. Da liegt man dann da in der Sonne, unter alten Eichen und zwei planschende Kinder vor sich und denkt tatsächlich noch am ersten und am zweiten Tag: Was für ein schönes Bild für Instagram.

Seltsam, was unsere Gedanken so beschäftigt. Woher habe ich das Bedürfnis diesen Moment mit Fremden zu teilen? Will ich denen etwas beweisen, oder mir selbst? Zeige ich eine nicht authentische Schönheit im Leben mit zwei Kindern oder gebe ich den Anreiz das Leben schöner zu machen? Wie viel Einfluss habe ich und wie viel Druck kann ich ausüben? Seht, wie schön wir es immer haben. Keinen Streit. Keine Unordnung. Nie gestresst.

Oder zeige ich unbewusst etwas ganz anderes: Das Leben ist schön. Wir müssen es nur sehen wollen. Wir müssen bereit sein. Wir müssen all die Dinge festhalten, die schön sind, damit sie uns über die weniger schönen einfach hingetragen können. Vielleicht mache ich das gar nicht für andere sondern für mich? Muss ich mir nicht auch hin und wieder vor Augen halten wie gut es mir geht? Wie schön alles ist? Das Streitigkeiten, Wutanfälle, die ganze Wäsche, der ständig dreckige Hund. Ist es das Wert sich darüber zu ärgern oder aufzuregen. Kann ich mir nicht immer wieder die schönen Dinge vor Augen halten. Und vielleicht anderen auch?

Was ich im übrigen auch noch geschafft habe ist viel öfter zum Sport zu gehen. Und ich habe zwei Bücher in 6 Tagen gelesen, weil ich Abends nicht mehr aufs Handy geguckt habe. Ob das wirklich an der Social-Media-Abstinenz Zeiteinsparung lag weiß ich nicht. Vielleicht wollte ich einfach nur dran glauben. Aber ich bin viel öfter Mittags laufen gegangen statt ein bisschen im Internet herum zu tüdeln. (Tüdeln ist im übrigen ein Hamburger-Wort, dass meine Autokorrektur nicht anerkennt).

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One thought

  1. Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen! Ich habe gerade auch eine relativ lange Fast-Abstinenz hinter mir (wobei lange ja relativ ist… Zwei Wochen waren es in etwa), nachdem meine Oma gestorben war. Und ich habe mich bei ähnlichen Gedanken ertappt: Das wäre jetzt ein feiner Schnappschuss für Instagram! Einerseits hat es mich ziemlich erschreckt, dass mein Leben scheinbar in Insta-Kategorien gepresst wird. Andererseits habe ich gerade dank des Blogs und der Social Media Kanäle so viele Erinnerungen gespeichert, so viele Bilder gemacht, die ich sonst wohl nie geschossen hätte. Fast eine Art kleines Tagebuch ist es und dient mehr dem Austausch mit anderen, Gleichgesinnten als dem Run nach Geld. Meine Feeds sind ebenfalls zum Einen gefüllt mit Nachrichten und Kultur, zum Anderen mit Personen (ob nun großer Blogger oder kleines Hobby-Profil), die mich inspirieren, deren Texte mich zum Lachen und Nachdenken bringen und ihre Bilder zum Träumen (wozu dein zauberhafter Blog auch gehört :)).

    Daraus sind sogar schon Freundschaften im echten Leben entstanden. Insofern denke ich: Social Media ist, was man selbst daraus macht. Und wenn ich im Home Office Modus einmal die Stunde Insta oder FB checke, um der ein oder anderen etwas zu schreiben oder zu kommentieren, sehe ich das ein bisschen wie den Austausch im Büro, wenn man sich in der Teeküche kurz zum Schnacken trifft 😉

    Liebe Grüße ins wunderschöne Hamburg! Wir haben dort 12 Jahre gelebt, bevor es uns nun an den Starnberger See verschlagen hat. Vermissen tu ich es aber noch immer 🙂
    Martina

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