A star is born Part 2

Wenn man es besonders eilig hat bewegen Kinder sich ganz besonders langsam. Das ist ja kein Geheimnis. Eigentlich hatten wir es auch gar nicht so eilig, denn wir mussten erst um elf am Set sein.

Ich versuchte ein allerletztes Mal Emil dazu zu motivieren, einmal den Liedtext zur Melodie zu singen. Aber ich gab auf. Bevor ich ihn noch mehr demotivieren würde, Augen zu und durch. Fakt ist: Emil kann den Text aber nicht die Melodie. Zweitens, Emil und Rhythmus sind anscheinend (noch) keine Freunde. Bis gestern hatte ich noch ein total schlechtes Gewissen. Dem Regisseur gegenüber und vor allem Emil gegenüber – würde ihn das nicht schrecklich bloß stellen, wenn er merken würde, dass es nicht klappt? Würden sie ihm freundlich und kindgerecht mitteilen, dass er leider doch nicht geeignet sei?

Aber morgens dachte ich mir voller Selbstüberzeugung: Der Fehler liegt ja bei der Castingagentur. Wie kann man denn aus so einer Auswahl ein Kind casten, dass weder singen kann noch mag!

Ich würde Emil da durchbringen. Ich würde es schaffen jeder Niederlage etwas positives abzuringen. Ich war hochmotiviert. Aber erst mal mussten wir mit dem Hund raus und dann, während ich die Leine am Halsband festmachte ein kurzer Blick aus den Augenwinkeln auf meinen Handrücken. Mist, gestern Abend hatte ich dort panisch mit Kugelschreiber noch „Longsleeve!!“ drauf geschrieben. Ja, da war doch noch was. Wir sollten für den Dreh noch ein weißes Longsleeve besorgen. Um elf am Set sein, wo bekam man denn jetzt noch ein weißes Longsleeve her?

IMG_0897.jpgEimsbüttel ist wirklich schön, vielleicht vor allem weil es nicht über diese ganzen, gleichen Modeketten verfügt. Kein Zara, kein H&M, kein Esprit. Nur kleine wunderschöne Läden mit ausgewählter Kinderkleidung und ein wirklich schlechter Karstadt. Gut, dann also Karstadt. Vorher nutzte Pius aber die Gelegenheit (während alle sich in Zeitlupe bewegten) in den Weiher zu springen. Richtig zu springen. Mit Schwung. Als er raus kam war er immer noch schwarz, aber diesmal vor Schlamm. Er stank wie drei Kübel Müll.Also musste Karstadt kurz warten und erst mal der Hund geduscht werden. Danach notdürftig das Bad schrubben. Dann wieder los. In Zeitlupe versteht sich. Jeder Stein musste aufgehoben werden, jeder Aufkleber an der Ampel begutachtet, jedes Schaufenster musste inspiziert werden. So gut in der Zeit wie ich dachte war ich irgendwie doch nicht mehr. Und (Überraschung!) natürlich hatte Karstadt keine Longsleeves mehr, denn jetzt kam ja die Sommerkollektion.

Zuhause durften die armen Kinder schnell im stehen ihre Brote essen und ich kramte verzweifelt in Emils Kleiderschrank. Ging auch blau? Wie groß ist denn so der Unterschied zwischen weiß und blau?

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IMG_0900.jpgFilm hat übrigens sehr viel mit warten zu tun. Gut, dass hört und liest man ja immer wieder. Und ich dachte mir so, naja, warten kann ja auch schön sein. Lesen, reden, Kaffee trinken. Aber ehrlich gesagt, nach der ersten Stunde wird das schon langweilig. Emil und Ida rannten durch den Konferenzraum als gäb’s kein morgen mehr. Hingen am Fenster und sahen den Filmaufnahmen zu, malten diverse Bilder, halfen dem Catering Personal die Tische aufzubauen und langweilten sich.

Aber dann kam irgendwann der ersehnte Anruf. Und wir bestiegen zu dritt den Wagen der uns zum Set fahren würde. Wenn jetzt nichts mehr schief laufen würde, dann hätte Emil den einen letzten Schritt geschafft einmal etwas zu wagen. Bis zum Ende. Eine Sache abzuschließen. Sich selbst einen Wunsch zu erfüllen, von dem er zwischendurch schon wieder verunsichert war.

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IMG_0917.jpgAls Ida und mir die Kälte am Set zu sehr in die Knochen zog suchten wir uns einen Platz im Zelt der Agentur. Auf dem Fernseher konnte man direkt sehen, was die Kamera gerade aufzeichnete. Ida stand einen Moment ganz still vor dem riesigen Bildschirm. Dann drehte sie sich verzweifelt um. „Emil ist traurig,“ flüsterte sie verzweifelt. „Mama, wir müssen ihn da wieder wegholen.“

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Da überkam mich so ein riesiges Gefühl der Erleichterung. Und der Liebe für die arme kleine Ida. Alle Menschen im Zelt waren ganz bestürzt. „Nein, nein,“ beruhigten sie Ida. „Emil soll nur so tun als sei er traurig.“ Emil konnte das. Emil machte das super.

Tatsächlich ist es so, dass ich es (auch) schön fände, Emil würde sich für etwas anderes begeistern. Aber wir alle merken irgendwann, was wir können und was uns Spaß macht. Ich wollte immer Geige spielen als kleines Mädchen. Aber es klang schrecklich. Ich war glaube ich das unbegabteste kleine Geige Mädchen Niedersachsens. Dann schenkte meine Oma mir ein Klavier.  Und ich merkte, dass ich etwas kann. Das der Traum das eine ist und die Realität das andere, dass aus der Realität aber manchmal ein neuer Traum wird. Wenn man etwas kann macht es einem Freude und Freude motiviert einen weiter zu machen.

Wir sind erst um 17 Uhr wieder Zuhause. Die Sonne scheint. Wir gehen Eis essen. Wir sitzen in Elenas Eiscafé und erzählen uns ein bisschen vom Tag. „Alle haben geklatscht als ich aus dem Auto ausgestiegen bin,“ bemerkt Emil. „Ich glaub ich hab das ganz gut gemacht.“ Ich nicke. „Das hast du.“ Er schmeißt seinen Becher in den Müll. „Du, Mama, brauchst du noch ein Brot?“ Keine Ahnung. „Ich würde dir sonst kurz eins kaufen gehen.“ Von Elenas Eiscafé kann man die Bäckerei sehen. Die besagte Bäckerei wo Pauls und meine Liebe begann. „Okay,“ sage ich und gebe ihm Geld.

Etwas hat sich verändert. Vielleicht ist es die Sonne die uns bestärkt.

Aber vielleicht ist es auch dieser riesige Schritt, den er heute gemacht hat. Er hat etwas geschafft. Er hat etwas mit Erfolg zu Ende gebracht. Er hat sehr viel Anerkennung von fremden Menschen bekommen. Und ich glaube er weiß, dass er etwas gefunden hat was ihm Spaß macht. Ich sehe ihm nach wie er über den Zebrastreifen rennt. Er ist jetzt sechs.

Zuhause ist Ida müde. Sie hat so viele Stunden damit verbracht zu warten und leise zu sein. Sie hat das wirklich super gemacht. Jetzt will sie spielen. Emil wünscht sich Bratkartoffeln zum Abendessen. Ich habe keine Kartoffeln mehr. „Macht nichts,“ sagt er freundlich. „Ich kann ja welche einkaufen gehen.“

Am Ende lasse ich ihn gehen. Den kleinen Rucksack auf dem Rücken. Das Geld sicher verwahrt in der Jackentasche. Er winkt noch mal am Fenster. Der Supermarkt ist eine Straße weiter. Er ist sechs, denke ich noch mal.

Ein einziger Tag hat ihn so verändert.

Hat ihn so mutig gemacht.

Und selbstbewusst.

Und am Ende haben wir Bratkartoffeln gegessen.

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4 thoughts

  1. Wie oft sehen wir sie als kleine Mäuse, wir wollen sie schützen, halten und auch gern der Held sein für sie. Und dann kommen diese Mäuse und setzen uns Schach matt mit ihrer Kraft. Wahnsinn! Emil ist großartig und Ida mit ihrem Gefühl für ihren Bruder und der Kraft so lange etwas für ihn aushalten können genauso.

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