Angekommen.

Der Himmel ist die Ewigkeit,

in diesem Augenblick.

Wenn wir uns mal verlieren

gehe ich den ganzen Weg zurück.

a233.JPGAn einem Samstag im August, einem von vielen, stehe ich um kurz vor sechs auf. Der Kater schnurrt leise, meine Mitbewohnerinnen schlafen fest. Ich dusche, ziehe mich an und gehe meinem Studentenjob nach, den ich immer noch habe, obwohl ich gar keine Studentin mehr bin. Eigentlich müsste ich mir Gedanken darüber machen, was aus meinem Leben mal werden soll. Ich bin dreißig. Nicht mehr so frei wie mit Anfang zwanzig, oder Mitte zwanzig.

Ich habe ein Studium abgeschlossen und arbeite als freie Fotografin, mal für die Deutsche Welthungerhilfe, für Viva con Agua, mal für mich. Ich reise durch die Welt und finanziere mir damit den nächsten Monat. Wenn der um ist, stehe ich wieder hinter dem Tresen der kleinen Bäckerei – meinem ehemaligem Studentenjob.

Ich war acht Jahre allein. Das geht. Das fühlt sich gar nicht so schrecklich an wie es klingt. Man lernt sehr viel über sich selbst, vor allem was man will und was nicht. Mit Anfang zwanzig war ich mit einem Jura Studenten zusammen. Ich Lehramt, er Jura. Das hätte beständig werden können. Ein Haus, Kinder, ein Hund. Sicheres Einkommen, wenig hinterfragen. Erst als das vorbei war hab ich gemerkt, dass das nicht alles sein kann. Beständigkeit? Wünsche ich mir gar nicht. Stillstand? Alltag? Lehramt? Möchte ich alles nicht.

Aber jetzt stand ich da an einem Samstag im August, hatte einen Freund, der auf Kuba lebte, hatte mich bereits um einen Job Im Goethe Institut in Havanna gekümmert und würde auswandern. Es war ein ganz normaler Samstag im August, warm und langweilig. Brötchen verkaufen, Kuchen verpacken, wissen, dass der Tag ab Mittags mir gehören würde. Und da stand er.

IMG_3434Mehrere Jahre stand er da, morgens, fast immer um dieselbe Zeit. „Der junge Chirurg“ nannten die anderen ihn. Dann kicherten sie. „Der findet dich toll!“ Für einen Chirurgen wirkte er zu jung, für mich wirkte er zu weit weg. Die Frau aus der Bäckerei und der Chirurg? Klang nach Sat 1 Film. Jeden morgen das gleiche freundliche lächeln. Manchmal hätte ich ihm gern entgegen geschrien: Ach übrigens, ich hab auch was studiert! Ich arbeite hier gar nicht Vollzeit!

Aber was wollte ich damit sagen, dass ich etwas Besseres bin? Das ich mich schäme hier zu stehen? Ich stand ja aus einem guten Grund hier – weil ich meine Reisen finanzierte. Weil ich kein Bedürfnis hatte mir einen richtigen Job zu suchen. Wollte ich das jemandem sagen der Nachts Organe transplantierte? Während ich mit Freunden in Bars saß, hier, oder irgendwo anders auf der Welt?

Wie viel Zeit braucht es um sich zu verlieben? Wie lange warten wir aufeinander oder auf den richtigen Moment? Wie viele Schritte planen wir im Kopf um endlich zu sagen was wir uns nicht trauen? Wie oft stehen wir uns gegenüber und spielen Szenen im Kopf ab, die in der Realität so unmöglich erscheinen.

Ich wische einen Tisch ab, der im Schein der Sonne regelrecht blendet, ich sehe hoch und da steht er. Es gibt kein zurück und kein nach vorn. Nur den einen Moment, der danach schreit genutzt zu werden. Dunkle Haare, bernsteinfarbene Augen – ich hab aber ja jetzt einen Freund. Der gerade nach einer Wohnung für uns sucht. In Havanna.
Einen Abend später sitzen wir uns gegenüber im Garten des „Hatari“. Mein Kater schleicht um unsere Beine. Paul kommt zu spät. Transplantation bei einem Kind. Ich werde eines Tages Kinder von diesem Mann haben. Absurd. Unmöglich. Fremd und wahnsinnig aufregend.

Ich kann keine Entscheidung treffen. Ich bewege mich für kurze Zeit in einer Parallelwelt, die keine Entscheidungen braucht. Ich treffe mich manchmal mit Paul, meinem Freund in Havanna sage ich wochenlang nichts. Aber wie funktioniert denn eine Beziehung mit jemandem, der um die 60 Stunden die Woche arbeitet? Dessen Telefon unentwegt klingelt, der einen Job hat der sehr erwachsen klingt.

Der Sommer ist noch da. Wir gehen viel abends weg. Ich frage mich, ob er keinen Schlaf braucht? Er sagt nein.

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Ich weiß, ich muss eine Entscheidung treffen. Zwischen zwei Leben. Weggehen, neu anfangen, in einem fremden Land leben. Hierbleiben, mit einem Mann, der kaum da ist. Hals über Kopf fange ich einen neuen Job an. Arbeite jetzt mit Profisportlern zusammen, organisiere Pressekonferenzen, bin damit beschäftigt mich da zu Recht zu finden. Flucht nach vorn. Ich trage auf einmal Kleider, bin nicht annähernd so wichtig wie es aussieht, trinke Abends Bier mit Profifußballern. Eine Welt die mir nicht fremder sein könnte. Für jemanden, der keinen Stillstand mag, fühlt sich das gut und richtig an.

Wer nimmt einen neuen Job an, wenn er weiß, dass er demnächst auswandern wird?

In unserer Straße steht eine kleine Bank, mitten an der Kreuzung. Manchmal sitzen Paul und ich da morgens für eine halbe Stunde zusammen, trinken Kaffee aus Pappbechern. Er kommt vom Nachtdienst – ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Kleine Momente, die erschreckend innig sind, inniger als ich mir es eingestehen möchte. Dann sehen wir uns wieder tagelang nicht. Manchmal schlafe ich bei ihm, aber häufig klingelt das Telefon nachts. Dann steht er auf und verschwindet. Ich ziehe morgens die Tür hinter mir zu. Bin fremd in einer fremden Wohnung. Eigentlich kennen wir uns kaum. Nur der Kater geht bereits bei ihm ein und aus. Hat schnell verstanden, dass er jetzt auch hier Zuhause ist.

IMG_1438.JPGDie Vorstellung die man von eigenen Leben hat verändert sich im Laufe der Jahre. Der Traum von Mann, Haus und Kindern wird zu einem anderen. Fotografie? Reisen? Auswandern? Bücher schreiben, Nachts mit einer Flasche Wein an der Elbe sitzen, etwas bewegen. Von einer Kunstausstellung zur nächsten, Konzerte, Lesungen, Freunde. Bei Paul und mir treffen Welten aufeinander. Der Preis dafür? Noch weniger Schlaf. Paul organisiert Patientenübergaben telefonisch, in stillen Ecken hinter Bars in der Schanze, mit schwarzem Kapuzenpullover, das Handy in der einen und Bier in der anderen Hand. Ist das der Preis den ich ihm abverlange? Der Preis, den er zu zahlen hat wenn er diesen zermürbenden Kampf gegen den Konkurrenten aus Kuba gewinnen will?

Ich habe mich längst entschieden. Ich kann mich gar nicht mehr wehren. Ich sage ständig: Heute habe ich keine Zeit. Nur um dann Abends vor seiner Wohnungstür zu stehen. Süchtig nach Nähe. Der Kater liegt bereits auf Pauls Sofa.

Vier Wochen nach unserem ersten Treffen breche ich Kuba endgültig ab. Sechs Wochen nach unserem ersten Treffen sitzen wir in einem Flieger nach New York. Wir werden so viel Zeit zusammen haben wie noch nie zuvor. Kein Job, kein Handy, keine Übergaben. Keine Patientenberichte auf dem Küchentisch.

Ich weiß nicht, was er gerne frühstückt. Ich weiß nicht, ob er gerne lange schläft, wo wir essen gehen, ob wir uns Pläne machen oder einfach drauf los laufen werden.

Aber New York wird der Beginn einer großen Liebe. Wer zusammen reisen kann, der kann alles zusammen.

Wenn die Liebe groß genug ist, kann ich mit jemandem zusammen sein, der kaum Zuhause ist.

Wenn die Liebe groß genug ist, kann ich jeden Moment in mich aufsaugen. Kann genießen. Sehnsüchtig warten. Und nebenbei mein eigenes Leben führen.

Ich kann warten, akzeptieren und bewundern.

Sechs Monate später sind wir in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen. Ein imposanter Jugendstilaltbau im Grindelviertel. Über vier Meter hohe Decken, Stuck mit Fasanen und Engeln, Flügeltüren bis fast unter die Decke. Wir haben da geschlafen, lange bevor die Möbel kamen. Abends haben wir im Wohnzimmer zu Feist getanzt.

Gestern haben wir wieder getanzt. Zu Leonard Cohen, in einer Küche in Eimsbüttel, die Decken nicht mehr ganz so hoch, auf dem Herd Essen für Freunde. Erst Paul und ich. Dann Ida an einem Bein, dann Emil am zweiten. Am Ende Pius mit den Pfoten auf Pauls Schultern.

Angekommen.

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5 thoughts

  1. Toll festgehalten! Ich stimme dir so zu …auf Reisen lernt man sich am besten kennen! Wir haben anfangs jedes zweite Wochenende woanders verbracht, mal kürzer mal länger, ganz nah und weiter weg!
    Und auch heute liebe ich diese intensive Zeiten (nicht nur auf Reisen)
    Habt eine tolle Zeit und liebe Miri höre nie auf uns mit deinen Texten zu bereichern!
    Fühl dich gedrückt, liebste Grüße nadine

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  2. Oh ich liebe diesen Beitrag!!!!❤️
    „Leben ist das, was passiert, während wir eifrig dabei sind, andere Pläne zu machen.“ hat mal Jemand Weises gesagt.
    Alles Gute weiterhin für Euch und Eure Familie!

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  3. Vielen vielen Dank für Deine Offenheit und Ehrlichkeit, was für ein berührender Beitrag! Ich lese Dich wahnsinnig gerne und freue mich immer, wenn in meinem Mail-Eingang wieder eine Benachrichtigung über einen neuen Beitrag erscheint. Es ist wunderschön, an einem fremden Leben so teilnehmen zu dürfen. Danke.

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