Machs gut, kleiner Emil!

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Mit sechs kommt man in die Schule. Dann kann man irgendwann lesen. Und die Freunde auch. Und die, die vielleicht nicht wirklich die Freunde sind, die können das auch. Deshalb hat man mit sechs eine andere Privatsphäre als mit fünf, oder vier, oder sogar drei.

Das stimmt nicht? Ja, vielleicht stimmt das nicht. Aber ich kann über Geschichten schmunzeln in denen ich drei war. Und bis heute erzählt meine Mutter gerne die Geschichte als mein kleiner Bruder so einen furchtbaren Wutanfall hatte als sie im Bioladen war. Und das sie danach furchtbar weinen musste, weil es sie so angestrengt hat. Ich glaube zu wissen, dass mein Bruder nicht jedes Mal voller Gram nach Hause fährt und sich denkt: Mann, Mann, Mann, meine Mama, holt immer diese FURCHTBAR peinliche Geschichte raus. Denn wir haben alle Kinder. Und irgendwie fühlen wir uns gut, wenn wir erfahren, dass es den meisten nicht anders geht. Gute und schlechte Zeiten, und selbst meine Mutter hat mal geweint. Ich dachte immer die sei immer nur fröhlich mit uns durchs Leben gehopst. Ist aber nicht so.

Wenn sie ständig berichten würde, dass ich im Gymnasium eine Phase hatte wo ich es mega cool fand in geringelten langen Unterhosen zum Unterricht zu erscheinen, dann würde ich irgendwann denken; ja, lach doch da nicht ständig drüber! Damals war ich ja vielleicht auch einfach nur mutig und nicht albern?

Wir nehmen uns ja auf einmal selber wahr. Besser als mit drei. Wir verstehen auch retrospektiv das vieles ein Prozess war. Vielleicht haben mich die langen Unterhosen ja irgendwo hingebracht (ausserdem muss man ja noch mal entschuldigend sagen, dass sie aussahen wie Leggins…). Vielleicht haben sie mich mutig gemacht mal andere Wege auszuprobieren. Vielleicht haben sie mich rebellisch gemacht? Vielleicht haben sie mir gezeigt, dass es mal ganz gut ist etwas zu wagen und sich abzugrenzen. Vielleicht lache ich deshalb nicht darüber. Und würde es auch nicht hören wollen, als eine der vielen „putzigen“ Geschichten aus meiner Kindheit.

Bei Emil denke ich genauso. Im Grunde hab ich ohnehin schon viel zu sehr über sein kleines Leben bestimmt. Teile seiner Kindheit öffentlich gemacht. Ich habe nie einen Tagebuch Blog geschrieben, weil es mich so oft erschreckt hat zu lesen was ich über all diese anderen Kinder so alles weiß. Was sie morgens anziehen, wie ihre Kinderzimmer aussehen, wo sie was spielen, wann sie zum Sport und zum Musik Unterricht gehen. Wann sie gut und wann sie schlecht schlafen, ob sie schon trocken sind, was sie zum Geburtstag bekommen, wie viele Freunde da sind, ob sie in der Schule gut mitkommen. Das kann man mal ganz amüsant lesen, sich mal abgrenzen, mal schmunzeln, aber das Wissen ist da. Wenn ich das Kind auf der Straße sehe, glaube ich es zu kennen. So wie man mich wahrscheinlich „kennt“ wenn man mich trifft. Das ist ja eine bewusste und willentliche Öffnung nach außen. Ich könnte ja meine ganzen Meinungen auch einfach für mich behalten.

Aber Emil kann das nicht. Sein Leben fließt durch meine Worte. Und wenn man sechs ist dann hört das für uns auf. Und jeder in seiner Schule könnte es nachlesen. Und Wissen kann man auch gegen jemanden verwenden. Auch davor wollen wir ihn schützen.

Aus „Emil und Ida“ wird nicht „Ida“. Aber ich werde Emil von jetzt an einen anderen Raum in diesem Blog geben. Er wird mit uns reisen, mit uns leben, uns und den Blog mit seinen wahnsinnigen Gedanken und Ideen weiterhin bereichern. Aber ich wünsche mir für Emil eine Schulzeit die keine Medienpräsenz mit sich zieht. Kein Kind, über das man etwas nachlesen kann, was persönlich ist.

Machs gut, kleiner Emil und Herzlich Willkommen, großer Emil!

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8 thoughts

  1. Das finde ich wirklich eine gute und richtige Entscheidung. Ich überlege auch schon seit einiger Zeit, wie lange meine Käfer im (Blog-) Mittelpunkt stehen dürfen, und wann es einfach reicht. Der 6. Geburtstag ist ein schöner Zeitpunkt, der sich richtig anfühlt. Zeit des Umbruchs, die mit dem Schulstart ohnehin genug Aufregung mit sich bringen wird. Da braucht man nicht noch zusätzlich Öffentlichkeit.

    Ich freue mich weiterhin auf neue Blogbeiträge. Und wunderschöne Fotos ❤

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  2. Dieselben Gedanken hatte ich, als meine Große (jetzt 6,5 Jahre) in die Schule gekommen ist. Bei uns sieht es aber ein klein wenig anders aus, weil ich meine Blogposts auf deutsch schreibe und daher keiner der Mitschüler (und deren Eltern!) in London die Blogposts lesen.
    Ich möchte mir auch nicht vorwerfen lassen, „peinliche Dinge“ über die Kids ins Netz zu stellen.

    Die Kritik, die ich wegen meiner Blogposts mal mitbekomme (zum Beispiel finden meine Schwiegereltern es unmöglich, dass ich meinen Mann als „Ordnungshüter“ betitele), betreffen dann eher Dinge, die ich über uns Große schreibe 😀

    Liebe Grüße aus London,
    Uta

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  3. Eine gute Entscheidung wie ich finde. Die Kleinen sollen unbefangen ihre eigenen Wege gehen dürfen und auch ihre „Privatsphäre“ haben. Auch wenn ich deine Beiträge sehr schön geschrieben fand, so glaube ich auch das es der richtige Zeitpunkt ist etwas zu ändern. Respekt für diese Entscheidung!

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