Seepferdchen macht stark und Maja macht schwach

Etwas erstaunliches ist passiert: Wir sind auf Rügen und Emil schwimmt auf einmal ganze Bahnen. Ja, er schwimmt so wie er rennt und Rad fährt. Wenn Emil einmal etwas kann, dann richtig, ausdauernd, voller Energie. Emil fährt endlose Strecken mit dem rad. Gestern ist Emil 9 km gewandert ohne auch nur das Kleinste Zeichen von Ermüdung zu zeigen, und jetzt auf einmal schwimmt er.

Wer dies schon länger verfolgt weiß, das Emil sich furchtbar unwohl in seinem Schwimmkurs gefühlt hat. Er war zwei mal da. Er stand zwei mal eine Stunde weinend im Wasser. Dann haben wir aufgehört.

Emil ist also Autodidakt. Wie in so vielen Dingen. Wir haben tatsächlich etwas lapidar gesagt: „Dann lerne es halt alleine.“ Und das gar nicht so abwertend gemeint wie es klingt. Eher unspektakulär. Ohne große Worte. Schwimmen kann man alleine lernen. Ich hab das. Viele haben das. Ob es besser, schneller oder langsamer geht weiß ich nicht.

Emil ist ein Autodidakt, weil er schlecht verlieren kann. Nein, er ist ein Perfektionist, aber Dinge die er nicht auf Anhieb beherrscht verunsichern ihn sehr. Beim Leichtathletik war er den Tränen nahe, als er beim Slalom einmal falsch herum gelaufen ist. Es ist, als hätte er das Gefühl, in dem Moment würden alle ihn anstarren und sehen, das er etwas falsch gemacht hat. Das er etwas nicht kann. Er. Emil. Der klettern, Rad fahren, schnitzen und am schnellsten von allen rennen kann. Wenn Emil etwas nicht kann, dann will er allein sein. So lange bis er es kann.

IMG_1918Warum Emil auf einmal aus drei Schwimmzügen 60 machen kann weiß niemand von uns. Auch Emil nicht. Aber da das Schwimmbad gegen 18:00 annähernd leer ist, fragen wir den Bademeister ob Emil sein Seepferdchen machen kann. Er kann.

Emil schwimmt weiter als gefordert, taucht tiefer als er soll. Er ist der Mensch gewordenen Stolz. Er sagt es gar nicht. Er zittert regelrecht vor Aufregung. Aufregung über sich selbst. Ich kann etwas alleine. Ich habe mir das alleine beigebracht. Es hat lange gedauert. Ich habe viel ausprobiert. Jetzt habe ich es verstanden. Und ich bin gut darin.

Als Emil alle Aufgaben bewältigt hat, fällt er Paul um den Hals. Sein immer noch so kindlicher Kopf liegt auf Pauls Schulter, die Augen geschlossen und ein seliges Lächeln. Emil ist heute sein eigener Held.

Ida und ich spielen im kleinen Becken. Es sind noch mehr Kinder da. Sie haben wirklich viele Dinge dabei. Einen Eiskönigin Schwimmreifen, mehrere Puppen, aufblasbare Tiere, Hello Kitty Eimer. Ida steht dazwischen und staunt. Wenn sie höflich fragt, ob sie sich etwas ausleihen darf, bekommt sie es. Sie freut sich.

„Ihr habt aber viele Sachen mit,“ sagt sie einmal.

„ Ja, zehn oder so,“ sagt ein Mädchen. Ich glaube nicht, das sie gezählt hat, sondern eher das zehn eine ganz imposante Zahl ist.

„Ich hab auch zwei Sachen mit,“ sagt Ida stolz. Sie hat einen Bambus Becher mit, der eigentlich zum Campinggeschirr in unserem Bus gehört. Was anderes hatte ich auf die schnelle nicht gefunden. Und ihre Badepuppe Maja. Ihr ganzer stolz. Maja trägt sie die ganze Zeit im Wasser. Ida zeigt ihren Becher aber niemand sieht ihr zu. Sie wirkt im ersten Moment verunsichert, versucht aber das nicht zu zeigen und geht einfach noch mal dichter an die Gruppe der anderen Kinder heran.

„ Ich hab auch zwei Sachen mit,“ wiederholt sie. „Einen Becher und meine Puppe Maja.“

Niemand sieht sich um.

Ich überlege was ich lieber täte, Ida in den Arm nehmen oder die anderen Kinder kurz schütteln. Irgendwann dreht sich ein Mädchen um. Der Blick verletzt mich noch mehr als Ida. „Deine Puppe ist nicht so schön,“ sagt sie nur.

Ida und Maja stehen in der Mitte des kleinen Beckens. Es hat vielleicht 4 Quadtratmeter, aber es muß wie eine riesige Einsamkeit für sie sein. Aber viel mehr schmerzt es mich zu sehen wie sie kämpft. Sie will nicht das ich Teil dieser Enttäuschung bin. Das ich sehe, was ihr gerade passiert. Sie versucht einen Schein zu wahren. Mit drei Jahren. Wir lernen mit drei Jahren bereits Schmerz nicht zu zeigen. Zurückweisung nicht an uns heran zu lassen.

Den einen hat dieser Tag stark gemacht und die andere schwach. Es kommen andere Tage. Ida trägt Maja aus dem Becken und trocknet sie ab. In ihr arbeitet es. Ich glaube, sie versucht herauszubekommen, ob Maja tatsächlich nicht so schön ist. Sie läßt sich beeinflussen und sie ist unsicher.

Wir haben das Bedürfnis akzeptiert zu werden. Und dazu zu gehören.

Wir können uns noch so oft sagen, das es uns egal ist und egal sein sollte, was andere über uns sagen und denken. Aber wir wissen alle wie schwer uns das manchmal fällt.

Beim Abendessen steckt Ida Maja in meine Tasche. „Maja will heute einfach gerne mal in der Tasche schlafen,“ sagt sie. Überall an den anderen Tischen sitzen Kinder.

Maja bleibt in der Tasche.

Aber heute werde ich sie wieder rausholen. Wir werden sie anziehen, so wie wir es immer tun und sie mit zum schwimmen nehmen, wie wir es immer tun. Auch wenn sie mich jetzt immer an einen doofen Satz erinnern wird.

 

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8 thoughts

  1. Liebe, veröffentliche meinen Kommentar nicht. Du hast im Text Emil einmal aus Versehen Oscar genannt. Falls das sein richtiger Name ist möchtest du das sicher ändern?! Allerliebste Grüße!

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  2. Du hast eine einfach wunderbare Art zu schreiben.
    Ich bewundere Deine Art, Deine Kinder zu beobachten, sie selbst sein zu lassen und ihre Erfahrungen – auch die schmerzlichen – selbst durchzustehen. Du inspirierst mich und dafür Danke ich Dir sehr!
    Lucas

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  3. Liebe Miriam
    Danke für all deine einfühlsamen Texte, die mich oft zum Weinen bringen, und die wunderschönen Fotos! Ich erkenne mich, uns so oft wieder in Situationen und Gefühlen. Heute leider in der Ida-Situation. Echt schwierig, da als Eltern einfach zuzusehen! Ganz herzlich, Susanne

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