Eigentlich hab ich ja alles, sagt Emil

Ich frage Emil noch mal was er sich zum Geburtstag wünscht. Das mit dem Schreibtisch haben wir erst mal Ruhen lassen. Ihr habt mir so schöne, konstruktive Nachrichten zu dem Thema geschickt und es stimmt: Kinder machen ihre Hausaufgaben am liebsten bei Mama in der Küche. Und ich liebe unsere Küche und den großen Tisch und die Vorstellung, dass Emil dort seine Hausaufgaben macht. Ausserdem mag ich die Vorstellung, dass Emil dadurch mehr Platz im Kinderzimmer hat.

Emil denkt nach. Er denkt sehr lange und angestrengt nach. Dann sagt er „Eigentlich hab ich ja alles, was ich mir wünsche.“

Nein, wir haben Emil nicht indoktriniert und nein, Emil ist nicht so erzogen. Wenn ich Ida frage, was sie sich wünscht, dann fallen ihr Tausend Dinge ein. Die meisten davon sind rosa und glitzern. „Von Ida wünsche ich mir einen Brief,“ fährt Emil fort. „Sie soll dir sagen, was drin steht und du schreibst es für mich auf.“

Im Endeffekt fällt Emil aber doch noch etwas ein. Er sagt, er wünsche sich eine „Schleife“. Das sei ein Gerät mit dem man Holz abschleifen kann. Aha.

Parallel schreibe ich an einem Text darüber, was ich aus den letzten (fast) 6 Jahren mit Kindern gelernt habe. Was ich anders machen würde. Und das ich mir wünsche, dass sie die Welt ein bisschen besser machen.

Ich möchte, dass sie eines Tages kopfschüttelnd zu mir sehen und fragen: Habt ihr wirklich zugelassen, dass all diese Tiere in kleine Käfige gesperrt und zu tausenden geschlachtet wurden, nur damit ihr billiges Fleisch bekommt?

Habt ihr all diese Kleidungsstücke für so wenig Geld gekauft, obwohl ihr wusstet, dass sie von Kindern und Frauen hergestellt wurden, die kurz vor dem verhungern waren?

Aber dann stehe ich an der Kasse eines x-beliebigen Geschäftes und vor mir stehen Mütter mit ihren Töchtern, die denen zehn oder fünfzehn T-Shirts kaufen. Haben die keine Waschmaschine? Was vermitteln wir unseren Kindern denn damit? Konsum ist grossartig. Kaufe was dir gefällt. Hinterfrage nicht. Der Mensch braucht einen überfüllten Kleiderschrank, mein Kind, merke dir das. Koste es was es wolle, oder besser so wenig wie möglich. Was dir nicht mehr passt, schmeißen wir weg oder vererben es. Eigentlich ist es egal. Denn wir kaufen einfach neu. Kistenweise Kleidung sammelt sich an. Und anscheinend wundert man sich noch nicht mal. Haben wir das wirklich alles gebraucht? Nein, es ist egal. Wir kaufen neu.

Seit den 50er Jahren floriert die Wegwerfgesellschaft. Feuerzeuge, Zahnbürsten, Verpackungsmüll. Produziert um weggeworfen zu werden. Und wir machen einfach weiter? Als wüssten wir nichts über die Konsequenzen? Und fernab all dieser ökologischen Moral vermitteln wir ja auch noch, dass wir all dieses Zeug brauchen. Kistenweise Spielzeug, Kleidung, Drogerieartikel.

Was wollen wir denn damit sagen? Die Welt ist schöner, je mehr wir besitzen? Und Dinge haben keine Wertigkeit mehr? Was kaputt ist wird ersetzt. Und kleine Mädchen lernen von klein auf: Shoppen ist des Menschen Glück?

Ich bin wütend heute. Manchmal ist das einfach so. Und um dem ganzen Konsumkram eins reinzuwürgen stricke ich Ida jetzt einen Pullover. Wut macht kreativ 🙂

(Der Pullover ist natürlich aus Wolle, die ich in meinem Woll-Konsum Wahn selbstverständlich auch gekauft habe. Und die „Schleife“, die Emil sich zum Geburtstag wünscht, kaufe ich auch. Zehn T-Shirts besitzen meine Kinder allerdings nicht.)

 

 

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7 thoughts

  1. Liebe Miriam, schöne Gedanken und alles sehr richtig. Meine Kinder haben mehr als 10 T-Shirts, aber davon sind 70 % secondhand (weitergegeben bekommen) und 20 % geschenkt bekommen. Allerdings nimmt das auch ab mit höherem Alter, hab ich das Gefühl…ich habe eine sehr gute Freundin, die 2 Töchter hat, die einiges größer sind, sie mistet immer einmal im Jahr aus und schickt mir dann 2 Kartons mit Klamotten für meine Kleine. Das ist echt super! Bei meinem Sohn funktioniert das aber nicht mehr so…vielleicht verbrauchen Jungs auch „mehr“ Klamotten?! 😉
    Ich hab gerade heute morgen nochmal gedacht, dass ich meinem Sohn neue Strumpfhosen kaufen muss und zu H&M gehen will…und dann dachte ich dass er auch eigentlich neue Jeans braucht…jetzt denke ich, die Jeans könnte ich auch im Secondhand-Laden kaufen..danke für diesen Gedankenanstoß…

    Allerdings erfordert sowas auch einfach mehr Zeitaufwand. H&M oder ähnliche Kaufhäuser sind schnell rein, schnell raus…bei SH muss man evtl. verschiedene Läden abklappern, suchen, wühlen…

    LG, Julia

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    1. Liebe Julia, ich weiß was du meinst und Jeans kaufe ich auch neu. Bei Jungs scheint das ja fast ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, diese heil weiter zu vererben. Ich kaufe auch gerne auf Flohmärkten und in Second Hand Läden. Vor allem aber finde ich es wichtig, egal ob gebraucht oder neu, dass es nicht diese Masse sein muss. Woher kommt das, dass man plötzlich von allem Massen benötigt? Wann sollen die Kinder denn das alles tragen? Und vor allem: Wieso? Kann man nicht drei oder vier wirklich schöne Teile kaufen, oder sogar nachhaltige, oder ökologisch unbedenkliche? Anstatt immer von allem gleich zehn? Manchmal schütteln die Leute ja auch den Kopf, wenn sie hören, was ich mal für eine Kinderstrickjacke bezahlt habe. Aber dafür haben sie eben nur eine. Und nicht gleich sechs in unterschiedlichen Farben.
      (Wenn man zwischendurch mal Zeit hat finde ich ja tatsächlich in Second Hand Läden herumstöbern auch ganz meditativ :))
      Liebe Grüße!
      Miri

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  2. Ja, Second Hand dauert halt länger. Ich plane die Kindersachen manchmal ein halbes Jahr vorher und schaue in der Zeit kontinuierlich immer wieder, gibt es gerade eine Matschhose, die nächstes Frühjahr passen könnte. Ein bisschen kann ich verstehen, dass das vielen Leuten zu umständlich ist…

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    1. Ich kaufe ach immer gerne zu groß nur um mich daran zu freuen, wie lange man etwas davon hat 🙂 Und antizyklische kaufen hat ja auch seine Vorteile. Im Wintersale einfach die Sachen für den nächsten Winter kaufen. Ich mache das auch manchmal. Irgendwann wird schon jemand rein passen. Besonders auf Flohmärkten mache ich das gerne. Es gibt so wenig wirklich schöne Teile und wenn die dann noch nicht passen, kaufe ich sie trotzdem. Weil ich mich so freue sie entdeckt zu haben!
      Liebe Grüße,
      Miri

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  3. Diese Thema kann einem aber auch schon Mal wütend machen.
    Nachhaltigkeit kostet halt wirklich Zeit und machmal auch Geld. Und gerade Letzteres hat in dieser Welt einen fast göttlichen Stellenwert.
    Ich finde es auch anspruchsvoll, den eigenen Kindern einen gesunden Umgang mit Konsum zu vermitteln bzw. sie für einen globalere Sicht zu sensibilisieren.
    Da hilft, wie bei so vielen Dingen, glaube ich nur ein konsequentes Vorleben.

    Aber Emils Geburtstagswunsch von seiner Schwester hat mir sehr gefallen!

    Alles Beste!

    Lucas

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    1. Lieber Lucas, das stimmt natürlich. Wir haben mal festgestellt, dass man eh nicht alles richtig machen kann. Die einen fahren nur Fahrrad und schonen damit die Umwelt, die anderen kaufen nur Bio, müssen aber dafür mit dem Auto zum nächsten Bio Markt fahren und dann gibt es die, die Gemüse selber anpflanzen, die nachhaltige Kleidung kaufen und so weiter. Wir machen beileibe auch nicht alles richtig. Ich finde auch eher die Massen so erschreckend. Warum leben wir unseren Kindern vor, dass man sich jeden Monat unbedingt einen kleinen Haufen neuer T-Shirts zulegen sollte? Ich weiß, dass ich manchmal sehr teure Sachen für die Kinder kaufe. Aber dafür haben sie eben auch viel weniger. Und ich glaube, genau wie bei Spielzeug, dass sie die Dinge dann auch viel mehr schätzen und darauf aufpassen.
      Den Geburtstagswunsch den er von Ida hat finde ich auch entzückend. Ich hab nur die Befürchtung, dass Ida mir nur Quatsch diktiert. Sie ist definitiv die albernste in dieser Familie 🙂

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  4. Ich kaufe viel Secondhand, bestimmt 90%. Aber mein Sohn besitzt sicher 10 Tshirts etc
    Manchmal hat er eins nämlich keine Stunde an, da hat er sich schon wieder ein Glas Milch drüber gegossen etc.
    Und gleichzeitig will ich auch nicht eine Halbbildern Waschmaschine anschmeiße, damit mir der Vorrat nicht ausgeht.

    Ich kenne auch einige Erwachsene, (gerade Männer) die kaufen auf einen Schwung für sich 10 neue Tshirts, weil sie gerade in der passenden Größe erhältlich sind und dann werden die getragen bis sie Auseinanderfallen, danach werden 10 neue gekauft.
    Das Bild an der Kasse muss also nicht bedeuten, dass diese Leute jede Woche 10 Tshirts kaufen.
    Na klar, gibt es die, wobei die wenigstens von denen 10 auf einmal kaufen. Diese Leute kaufen eher täglich 1-2.

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