Das Leben ist keine Generalprobe

IMG_5436Paul und ich haben uns tatsächlich ein bisschen unser altes Leben zurück erobert. Nicht, dass es uns in den letzten Jahren gefehlt hätte. Wir waren so erfüllt und beschäftigt mit Eltern-sein. Wir waren auch zu müde. Und zu ausgefüllt mit anderen Dingen. Wir haben uns Abends mit anderen Eltern getroffen, waren im Sommer viel draussen essen und grillen. Als die Kinder klein waren schliefen sie im Kinderwagen, jetzt laufen sie einfach mit. Meine Freundin Tina hat es gerade ganz gut auf den Punkt gebracht: Ich feiere dieses Jahr zum ersten Mal meinen Geburtstag nicht. Denn egal was ich mache, es wird eine Kinderparty. Mache ich ein Brunch kommen mehr Kinder als Erwachsene und feiere ich Abends bringen auch alle ihre Kinder mit.

Es ist nicht so, dass wir alle das nicht schön finden. Wir haben es nur die letzten fünf oder sechs Jahre so gemacht. Aber jetzt kommt immer mehr ein bisschen „früher“ zurück. Paul und ich haben Emil bekommen, als wir gerade mal eineinhalb Jahre zusammen waren. Es gab gar nicht so viel Miri-Paul Zeit. Wir waren damit beschäftigt uns kennenzulernen, zu verstehen, wie es sich anfühlt zusammen zu wohnen und schwups waren wir zu dritt.

Ich mag es mit Paul auszugehen. Ich bin die glücklichste Mama der Welt, aber ich mag es, dass niemand das weiß. Ich stehe zwischen anderen Erwachsenen und niemand weiß, ob Paul und ich in eine Studentenwohnung heimkehren oder zu unseren Kindern. Es spielt keine Rolle. Aber auf der Straße in der Kälte eine Bratwurst zu essen und sich ein Bier zu teilen fühlt sich sehr lebendig an. Die Welt bewegt sich noch und hat uns gar nicht vergessen. Einmal aufs Rad gestiegen und in der Nacht durch die Schanze fahren und es ist, als wären wir nicht weggewesen.

Wir trinken noch mehr Wein und reden. Und wir wissen, wir reden immer irgendwann über dasselbe. Warum sind wir nicht schon vor Jahren nach Kanada gegangen? Warum haben wir das nicht direkt gemacht. Was hält uns hier? Wieso diskutieren wir immer wieder darüber. Muss man es dann nicht einfach machen? „Lass uns gehen,“ sagt Paul. „Wir werden nicht glücklich, wenn wir es nicht ausprobieren.“

Aber das Leben ist keine Generalprobe. Wir haben nur dieses eine. Wir müssen uns entscheiden. Ständig. Und ich habe doch gerade über Entscheidungen geschrieben, die man revidieren kann. Kann man auch. Aber dadurch wird sich immer etwas ändern. Veränderungen sind gut. Aber sie ziehen auch Konsequenzen nach sich. Wir hätten auswandern sollen. Schon lange. Wir hätten die ersten Jahre gehen soll. Jetzt wird Emil bald sechs. Warum haben wir die sechs Jahre nicht genutzt? Warum sollten wir jetzt gehen und nicht in vier Jahren? Wären wir gegangen, wären wir jetzt vielleicht pünktlich zum Schulanfang zurück? Was lassen wir zurück wenn wir gehen und was bekommen wir?

“ Wenn Emil in die Schule kommt, dann sitzen wir in einer Stadt in Kanada genauso fest wie wir hier in einer Stadt festsitzen.“

Ändert das Land unser Leben denn tatsächlich? Oder wollen wir das nur glauben? Wir trennen unsere Familien von unseren Kindern. Was ist mit Oma und Opa? Und der gemeinsamen Zeit? „Und dann fragen wir uns in zwei Jahren und in vier und in acht und in zehn und immer wieder, warum haben wir das eigentlich nicht gemacht?“

img_6320Was wollen wir denn eigentlich? Wir wollen mehr Zeit für uns. Mehr Zeit in der Natur. Wir wollen Platz und Freiheit und Tiere. Berge und Seen und Bären und Wälder. Wir wollen ein anderes Zusammensein. Ein entspannteres. Wir wollen nicht ewig nur arbeiten und organisieren. Wir wollen vor allem eines: Uns am Ende sagen: Wir haben das meiste richtig gemacht. Wir haben uns in unserem Leben ziemlich oft richtig entschieden.

Das wäre schön. Aber das Leben ist keine Generalprobe.

 

 

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3 thoughts

  1. Puh, ein „Kanadaleben“ wie Du es Dir erträumst habe ich hier evtl. In Deutschland gefunden: Ein altes Backsteinhaus mitten in der Natur mit 3 Kindern, Pferden, Hund, Katzen, Hasen, Hühnern, Laufenten, Panzi der Schildkröte und jede Menge Arbeit. Wir sind nonstop nur am rödeln! Alles zwischen Schule und Arbeit noch unter einen Hut zu bringen! Natürlich schöne Arbeit im und ums Haus. Allerdings frag ich mich oft das Gegenteil: Habe ich jemals schon mal in Ruhe auf der Veranda sitzen können? Hätten wir nicht viel mehr Zeit für Kinder und Familie in einem kleinen Reihenhäuschen?
    Schon komisch das Leben.
    Der flotte Bert samt Anhang ist gerne mal eingeladen zum Probewohnen im schönen Westerwald.
    Die andere Miriam

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  2. Du schreibst mir aus der Seele.
    Mehr Raum, mehr Natur, mehr Zeit, nicht immer nur arbeiten – mehr Zusammensein.

    Genau diese und andere Gründe ließen uns unsere vorherige Heimat verlassen. Wir ließen Freunde und Bekanntes zurück. Wir mussten öfter unserer Tochter erklären, warum wir in Berlin nicht glücklich waren und warum wir ihre Freunde zurückgelassen haben.

    Das Ankommen in einem neuem Lebensraum ist nicht immer leicht. Aber schon diese Frage geklärt zu haben, „hätten wir es nicht einmal ausprobieren sollen?“, gibt uns zur Zeit sehr viel Kraft, Motivation und Auftrieb.
    Aber was soll ich sagen?! Wir haben Berge, Tiere und tolle frische Luft, doch bin ich auch den ganzen Tag weg, auf Arbeit, was in mir neue Ziele und Sehnsüchte weckt. Mehr Freiheit, mehr Lebenszeit.
    Ich kann euch nur raten, wenn euch seit langem eine Sehnsucht begleitet, folgt ihr. Ihr habt sie nicht umsonst.
    Es lohnt sich, auch wenn die rosafarbene Brille mit den verbundenen Herausforderungen oft verrutscht.

    Ihr werdet Euch richtig entscheiden.
    Alles Gute dafür.

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