Der Junge der nicht tanzt

img_2780Emil ist auf Lottes Geburtstag eingeladen. Er ist der einzige Junge, den Lotte eingeladen hat. Das ist aufregend. So aufregend, dass Emil sich drei mal umzieht. Dann befindet er sein Outfit für gut.

Der Weg zu Lotte führt über spiegelglattes Eis. Wir sehen eine Menge Menschen fallen. Zum glück harmlos. Ich halte mich am Buggy fest und Emil sich an mir. Er rutscht und schliddert hinter mir her und freut sich.

Emil ist oft auf Geburtstagen eingeladen. Ich glaube, Emil ist ein gut vernetztes Kind, dem der Sinn von Freundschaften bewusst ist. Der Kompromisse eingehen kann, teilen kann, aber auch seine Meinung vertritt. Die anderen Kinder mögen Emil, weil er sehr um Harmonie bemüht ist, niemanden ausschließt und Körperlichkeiten in Form von Rangeln und Raufen nicht mag. Das macht es ihm manchmal schwer, wenn wir zu viele kleine tobende,raufende Kinder um uns herum haben – was für Jungs in seinem Alter ja alles andere als ungewöhnlich ist.

Auf Lottes Geburtstag gibt es ja sowieso keine raufenden Jungs sondern nur Mädchen. Und Mädchen sind in Emils Augen meistens nett.

Abends gibt es eine Aufführung zu der alle Eltern eingeladen sind. Ida und ich schliddern über das Eis zu Lottes Wohnung. Schön ist es dort. Voller Kindergeburtstagszauber, Girlanden, Diskolicht, die Mädchen tanzen und lachen. Emil sitzt alleine in Lottes Zimmer. Emil sieht traurig aus. Und kämpft mit den Tränen.

Zum ersten Mal in seinem Leben hat Emil sich ausgeschlossen gefühlt. Niemand wollte etwas mit ihm machen. Niemand wollte mit ihm spielen. „ Ach Emil,“ sage ich. „ So sind Mädchen manchmal.“ Und das ist kein aufgeschnapptes Geschlechterklischee, es ist einfach so wie es ist. Mädchen, die sich zusammentun können manchmal fies sein. Jungs auch. Aber anders. Mädchen sind subtiler. Sie schaffen es, unbewusst zu ärgern und dabei noch zu lächeln. Emil möchte die Aufführung nicht sehen, aber Ida tanzt schon eifrig mit. Sie ist sehr stolz, dass sie kurz bei den großen Mädchen mitmachen darf. Weil Emil und Ida in denselben Kindergarten gehen und alle Kinder in einer Gruppe sind, sind alle anwesenden Kinder nicht nur Emils, sondern auch ihre Freunde. Ida freut sich wahnsinnig. Sie hüpft und tanzt und lacht. Emil lacht nicht.

„ Warum hat Lotte mich eingeladen, wenn sie dann gar nicht mit mir spielt?“ Ich weiß es nicht. Gruppendynamik kann weh tun.

Sie entspricht aber dem Leben. Sie ist die Realität, wir alle kämpfen ein bisschen mit ihr. Mal mehr mal weniger. Und wir alle suchen ständig nach einer Rolle in dieser Gesellschaft. Wir wissen ganz gut, zu wem wir nicht gehören wollen. Wir lernen, einen Standpunkt zu beziehen, wir grenzen uns von Gruppen ab, suchen uns die, die zu uns passen. Unsere Freundschaften sind heterogen, und doch haben sie einen gemeinsamen Nenner. Wir suchen auch Halt in unseren Freundschaften. Freunde machen uns stark. Aber auch verletzlich.

Teil einer Gruppe zu sein macht uns stark. Menschen, die sich gegenseitig tragen. Voranbringen. Die etwas teilen, eine Gemeinsamkeit. Wenn wir dazu gehören, tragen wir dazu bei und werden getragen. Gruppenzugehörigkeit löst Familie ab. Und sei es auch die kleinste Art der Gruppe – die Freundschaft zu einem Menschen.

Im Inneren suchen wir ständig nach einer passenden Gruppe. Wir scannen unsere Umgebung ab. Wir wechseln den Kindergarten und gucken, mit welchen Eltern wir zusammen passen. Wir ziehen um und wissen bald, welche Nachbarn zu uns passen. Man stelle sich vor, alle anderen Kindergarteneltern schließen einen für zwei, drei Jahre Kindergartenzeit aus. Klar könnte man darüber stehen und sich sagen, mir doch egal, aber nicht dazu zugehören verletzt. Mal mehr und mal weniger.

Wie sehr verletzt es kleine Kinderseelen, die noch nicht gelernt haben mit Abweisung umzugehen? Enttäuschungen kommen. Und wir lernen damit umzugehen, Mal mehr und mal weniger. Aber Kinder, diese kleinen, zarten Menschen mit diesem Gespür dafür, ob man geliebt oder gemocht wird, die empfinden Enttäuschungen und Ablehnung noch viel mehr als wir.

Abends liegen wir neben einander im Bett und Emil kann nicht schlafen. Jede Situation erzählt er mir. Er redet, weil er nicht weiß, was er falsch gemacht hat. „Weißt du,“ sagt er am Ende. „In meinem alten Kindergarten hab ich mal zu einem Kind gesagt: Ich lade dich zu meinem Geburtstag ein! Und morgen gebe ich dir eine Einladung! Da hat das andere Kind gesagt: Deine Einladung will ich nicht. Und wenn du mir eine gibst, schmeiße ich sie in den Müll.“ Er schweigt einen Moment. „Das hat mich sehr traurig gemacht.“

Im alten Kindergarten war Emil zwei, vielleicht Anfang drei. Manchmal zeige ich ihm Fotos und er weiß nicht mehr, wer die anderen Kinder sind. Aber die Geschichte der Ablehnung, die hat er nicht vergessen. Enttäuschungen setzen sich fest. Fester als sie sollten. Leider.

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10 thoughts

  1. Mein Gott, ist das ein schöner Text. Ich könnte heulen. Und ich erkenne meinen Sohn darin so wieder, weil er ein ähnliches Gemüt wie Emil hat. Und ich finde es großartig, diese Art. Diese Weisheit. Und wünschte mir gleichzeitig die Leichtigkeit herbei, mit der andere Kinder das Leben bestreiten.

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    1. Vielen Dank!! Das schöne daran ist, dass Emil sofort gesagt hat: Ich würde das nie mit jemandem machen. Kann sein, dass man das auch wieder vergisst. Aber irgendwo ist es doch verankert. So wie ich mich gefühlt habe, so möchte ich nicht das andere Kinder sich fühlen. Liebe Grüße! Miriam

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  2. Wieder mal ein sehr schöner Text. Und ja, Enttäuschungen setzten sich fest. Unser Wirbelwind kann auch schlecht mit Zurückweisung umgehen. Sie ist sehr beliebt, wird viel eingeladen. Und nun, gestern, hatte sie eine Freundin beim Rodeln vollkommen ignoriert, und sie wusste nicht wieso. Es ist schwer zu verstehen und schwer zu erklären. Und es ist eben in den seltensten Fällen rational. :-/
    LG Wiebke

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    1. Vielen Dank. Wahnsinn, wie sehr es einen auch als Eltern berührt. Wahrscheinlich, weil man so hilflos ist. Man kann mit Liebe so vieles wieder rausholen und aufbauen, aber ein kleiner Stich bleibt trotzdem. Liebe Grüße zurück!

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  3. Guten Morgen, wunderbar geschrieben und mir ist so als säße ich mit in eurem Kinderzimmer. Ja Menschen können fieß sein und leider habe ich das Gefühl unterbuttern diese Menschen viel zu sehr die anderen. Das habe ich mit meiner Großen auch durch, da ging es dann bis zum Mobbing. Emil soll sich seine liebevolle und sensible Art bewaren das brauchen wir in der Gesellschaft. Wir müssen es Ihnen vorleben und in solchen Momenten für die Kinder da sein und mit ihnen reden, ihnen Trost spenden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Die fieße Ader haben die Kinder und Menschen meistens auch vorgelebt bekommen, leider.
    Ich habe im Leben schon oft beschlossen mit manchen Menschen nichts mehr zu tun zu haben. Das lernen wir.
    Emil Kopf hoch du bist toll.
    Lieben Gruß
    Katharina

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  4. Ja, Ausgrenzung ist hart für die Kleinen…und Großen. Ich merke auch immer, wie ich mitleide, wenn meine Tochter sich ausgegrenzt oder ungerecht behandelt fühlt. Das ist wirklich eine harte Lektion. Am liebsten möchte ich natürlich meine Kinder vor jeder Enttäuschung und Verletzung bewahren, weshalb ich mich in diesen Momenten auch so hilflos fühle, weil es nun mal nicht möglich ist.

    Ich finde es auch toll, wie Du mit Emil darüber gesprochen hast.
    Mädchen können so fies sein 😉

    Vielen Dank für diesen Text.

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