Gut ist der, der Gutes tut

img_3295Als Eltern will man ja vor allem eines: Vorbild sein. Oder sollte zumindest eines sein. Und ich bin doch selbst die größte Predigerin von Vorbildfunktion, wir wollen unsere Kinder zu besseren Menschen machen. Fair, emphatisch, geduldig. Wenn ich mich dabei beobachte, merke ich, dass ich dem nicht annähernd entspreche.

Manchmal höre ich Emil mit Ida streiten, in seinem Zimmer, und nahezu boshaft und laut sagt er Dinge wie: Ida, es nervt! Wenn du so nicht mitmachst, dann musst du raus gehen!

Und ich könnte vor Scham im Boden versinken. Oder heulen. Denn das ist meine eigene Stimme, die da aus Emil spricht. Ich mache es nicht gut. ich wollte nie sowas sagen. Eigentlich mache ich ständig etwas falsch. Bin ungeduldig, werde laut, bin genervt und zeige das ständig, wenn sie ihre Jacken nicht zügig anziehen, oder mit den Gummistiefeln durch die Wohnung laufen.

Ich bin tatsächlich ja alles andere als ein Vorbild. Ich schimpfe, ich nerve, ich gucke auf mein Handy. Und dann das: Gestern nimmt mich eine Erzieherin aus Emils Kindergarten zur Seite. „Emil hat heute Mittag über dich gesprochen,“ beginnt sie.

Vor meinem geistigen Auge spielen sich die Szenen der letzten Woche ab – ich war genervt. Ich wollte nicht mehr angesprochen oder angefasst werden. Ich hatte nicht mehr so viel Lust zu spielen wie am Anfang der Weihnachtsferien. Ich saß ständig nur irgendwo herum und war genervt, dass sie sich nicht alleine beschäftigt haben. Ich hab geschimpft. Ich war laut. Ich hab bestimmt Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen dürfen. Man darf Kindern gegenüber aber auch gar nichts mehr sagen, die merken sich ja alles! Die erzählen alles weiter! Und wie hat Emil die letzten Tage empfunden? Hat er allen erzählt, wie ich geschimpft habe? Oder das ich morgens manchmal mein Schlaf T-Shirt anlasse, wenn ich ihn in den Kindergarten bringe? Oder das es jeden Abend nur Nudeln pur gab, weil ich nicht kochen kann? Einmal haben sie so lange mit dem Essen gespielt, dass ich ihnen genervt die Teller weggenommen habe. Daraufhin hat Ida geschrien: Nie dürfen wir etwas essen! Haben sie das vielleicht im Kindergarten erzählt? Das sie bei mir nichts zu essen kriegen?

„Oh,“ sage ich also nur, weil mir nichts schlaues zu diesen Horrorszenarien in meinem Kopf einfällt. „Ja,“ fährt die Erzieherin fort. „Es ging darum, dass manche Kinder sich immer so viel auffüllen und wir das dann wegschmeißen müssen. Da hat Emil gesagt, dass es Menschen gäbe, die gar kein Essen haben. Und das er von seiner Mutter gelernt hat, dass es wichtig ist an alle Menschen zu denken, nicht nur an sich selbst. Er hat gesagt, du würdest die Müllmänner manchmal zum Kaffee in eure Küche einladen, und den Männern von der Straßenreinigung bringst du morgens Franzbrötchen in ihren Bauwagen wenn es regnet, weil  du findest, man müsse denen was Gutes tun, wo sie doch bei so einem scheiß Wetter draussen fegen müssen. Und dem DHL Mann hast du etwas zu Weihnachten geschenkt und den Obdachlosen an der Ise Brücke eine Tasche mit Essen und einer dicken Jacke hingehängt. Er hat gesagt, meine Mama ist die liebste Mama der Welt, weil sie versucht an alle zu denken.“

Ich stehe da und bin sprachlos. Das ist der Eindruck dem ich meinen Kind vermittele? Nicht, dass ich oft genervt bin, manchmal laut werde, ständig über Unordnung klage, sondern das ich Müllmänner zum Kaffee einlade?

Ich wünschte, ich wäre nur annähernd so ein guter Mensch, wie Emil denkt, und ich hoffe, dass ich täglich daran denke, was er gesagt hat, und versuche, umzusetzen, was er in mir sieht. Danke, Emil.

 

 

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8 thoughts

  1. Wunderschön ❤ Da hab ich direkt einen Kloß im Hals. Ich hoffe meine Tochter sieht auch die guten Seiten an mir. Die genervten Seiten zeig ich ihr leider auch viel zu oft … Und hinterher tut es mir Leid. Aber man ist nunmal leider auch nur ein Mensch.

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  2. Dein Blogpost hat mir gerade Tränen in die Augen getrieben. Keine Ahnung, warum. Vermutlich, weil ich gerade heute meinen Krümeln an den Kopf geworfen habe, dass sie besonders was das Essen angeht, wahnsinnig nerven und dabei sind sie noch nicht einmal ein Jahr alt! Manchmal geht man als Mama einfach auf dem Zahnfleisch und sagt Dinge, die einem danach leid tun! Hoffentlich spüren auch meine, die Liebe und all die Wärme, die ich Ihnen zu geben versuche. Liebe Grüße Pippa PS: und kochen kann ich auch nicht 😦

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  3. Ein toller Post! Ich hatte auch Tränen in den Augen. Ich hoffe, dass meine Tochter auch einen anderen Blick auf mich hat, als ich selbst von mir.

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