Körperkontakt-Aggressionen

img_3455Körperkontakt-Aggressionen! Was für ein schöner Titel – spiegelt er doch so gut wieder, wie ich mich gerade fühle. Die Kinder sind jetzt seit 14 Tagen Zuhause.Das heißt, dass sie nicht nur zwölf Stunden am Tag ununterbrochen mit mir reden, sondern dass sie mich gefühlt auch zwölf Stunden am Tag berühren.

Morgens um sechs geht es los. Der Tag beginnt ja nicht mit kuscheln und langsam aufwachen, sondern mit kuscheln und Fragen. „Mama, gab es in Hamburg auch schon mal Krieg?“ „Mama, wie viele Tage dauert es bis aus einem Sonnenblumenkern eine Sonnenblume wird?“ „Mama, können Füchse besser sehen oder besser riechen?“

Kaffee im Bett, ich werde gekuschelt und parallel wird im Bett gehopst. Der Kaffee schwappt zu allen Seiten. Ich sage. „Och, manno!“ Ich werde zur Entschuldigung geküsst. Ich sage „Ich gehe mal duschen.“ Seit 14 Tagen erwidert Ida darauf: Oh, ich komme mit! Wollen wir zusammen duschen, Mama, das wäre schön, oder?“

Zusammen duschen sieht wie folgt aus: Ida hat ständig das Wasser, ich nie. Ich friere. Wenn ich das sage, klammert sie mein nasses Bein und fragt: besser? Mit fortgeschrittenem täglichen Duschvergnügen wünsche ich mir mal zwanzig Minuten duschen alleine. Man, wäre das schön. Parallel kommt Emil rein und raus und muss kurz was fragen. Er lässt selbstverständlich danach immer die Tür auf. Unser Badezimmer ist sehr klein, wie in den meisten Hamburger Altbauwohnungen. Und es zieht wie Hechtsuppe.Ida stört das nicht, sie steht ja unter dem heißen Wasser. Nur beim Verlassen der Dusche ist ihr so kalt, dass sie selbstverständlich zurerst abgetrocknet und angezogen wird. Ich laufe nackt und nass herum und suche Kleidungsstücke zusammen.

Wir gehen mit dem Hund. Ich höre hundert Mal :Arm!

Wir frühstücken, ich höre hundert Mal: Schoß!

Ich mache ein genervtes Gesicht, als Entschuldigung werde ich gekuschelt und geküsst. Ich mache irgendetwas, hier kann man wahlweise so ungefähr alles einsetzen, was einem gerade so einfällt: aufräumen, Wäsche waschen, Baum schmücken, Geschenke einpacken, backen, kochen, auf die Toilette gehen, einkaufen, Emails lesen, Fotografieren, und alles andere. Dabei steht Ida immer vor meinen Füßen, oder der Hund, oder die Katze, oder Emil der etwas fragen will. Es ist ja nicht so, dass sie sich nicht alleine beschäftigen. Ich finde sogar, dass sie sich schon extrem gut und lange alleine beschäftigen. Ich höre sie sehr oft untereinander, aber auch in getrennten Zimmern mit sich selber reden, dabei sägen, hämmern, Puppenwagen schieben und in der Kinderküche kochen. Aber wenn sie nicht direkt vor mir, neben mir oder auf mir sind, dann ist es immer entweder der Hund oder die Katze.

Nachts schläft Emil neben mir. Paul hat Nachtdienst, Emil geniesst das sehr. Egal wo ich liege, Emil robbt hinterher. Mindestens ein Arm und ein Bein versuchen meinen Körper zu umschlingen. Ich bin bewegungsunfähig. Und kurz davor ihn aus dem Bett zu schubsen. In meinem Kopf spielen sich gespenstische Szenen ab. Mein Gott, bin ich wirklich so wenig für das Familienleben geschaffen?

Paul ist auch keine Hilfe. Arbeitet schon lange wieder. Immer Nachts. Schläft den ganzen Tag und sagt so absolut absurde Dinge wie: Ich würde auch gerne mal wieder neben dir liegen. Ah! Nicht noch mehr Körperkontakt, denke ich. Ich habe Körperkontakt-Aggressionen!

Heute beim Abendessen raste ich aus. Ida steht von ihrem Platz auf und steht mit ihren großen Augen vor mir: „Schoß!“ ruft sie. „Jetzt kuschle ich dich, Mama!“ Ich drehe durch. „Nein!“ schreie ich und könnte vor Scham im Erdboden versinken. Rabenmutter! Liebesentzug! Das ist mein Körper! Der möchte jetzt gerade mal eine halbe Stunde nicht gekuschelt werden! Ich stehe auf und setze mich erschöpft ins Arbeitszimmer. Keine Ida, kein fragender Emil. Wie still. Wie angenehm.

Die Katze kommt und springt auf meinen Schoss und schnurrt.

ENDE

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21 thoughts

  1. oh, ich versteh das! Ich habe auch Geräuschabsonderungs-Aggressionen. Warum müssen Kinder immer plappern, Lärm machen, brummen wie Autos, heulen wie Wölfe, reimen, Laute machen, immer, immer. Aber, psst. Dass mich das nervt, sag ich nur dir. Verrate es ihnen nicht! Jetzt, wo sie leise schlafen, tut es mir auch schon wieder leid …

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    1. Ja, das geht dann irgendwie immer total schnell! ich bin manchmal auch tierisch genervt, weil Emil furchtbar lange braucht um einzuschlafen. Er redet und wühlt und redet. Und manchmal dauert das eine Stunde und ich bin irgendwann total unfair, genervt, kotzig. Aber so wie er eingeschlafen ist denke ich; och, wie süß er ist. Und: warum war ich eigentlich gerade so ungeduldig?

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  2. Ich verstehe Dich! Hast Du sehr schön und unterhaltsam geschrieben. Ich lasse mein Jungs jetzt immer baden wenn ich in Eure duschen möchte. Funktioniert halbwegs…. Aber sie müssen den Wasserhahn auslassen sonst steh ich im kalten Wasser :😂
    Nen guten Rutsch euch! LG, Bettina

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  3. Ich kann das voll nachvollziehen, auch das mit dem Laerm! Die Sehnsucht nach Stille!
    Man muss Lernen auch mal Grenzen zu ziehen!!! Mama duscht alleine- zusammendusche ist eine Ausnahme.
    Mama schlaeft alleine! Ich kann micht das Kuscheltier fuer alle sein. Beim Essen sitzt jeder auf seinem Platz und nicht auf meinem Schoss, usw.
    Wenn die Kinder Deine Grenzen nicht kennen, werden sie sie weiterhin ignorieren.

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    1. Ja, das stimmt. Aber dann denke ich, ich dusche ja jeden Tag allein wenn sie im Kindergarten sind. Und trinke meinen Kaffee allein. Und vielleicht ist dieses Übermaß an Liebe an solchen Ferientagen dann doch verständlich. Ich bin eher erschrocken über mich selbst. Das mich das nach so kurzer Zeit schon an den Rand des Wahnsinns bringt. Aber jetzt – nach einer Nacht schlafen – finde ich es auch schon wieder schön.

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  4. Oh ich kenne das. Wir haben seit neuestem ein 2,70 Meter breites Bett. Trotzdem wacht meine Tochter regelmäßig auf und sagt: „Mama, kein Platz!“ Sie meint damit nicht den Meter Platz zwischen mir und Papa, nein, sie meint: Mama, auf DEINEM Kopfkissen ist ja gar kein Platz mehr für mich, also rutsch mal! Dabei will ich doch nur mal wieder ne Nacht alleine auf meinem Kissen verbringen. Von allein aufs Klo gehen red ich ja nicht mal…

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  5. Ich kann dich so gut verstehen! Meine Tochter (2) ist ein großer Kuschelfan, und zwar rund um die Uhr. Gerne krault sie mir nachts so gegen drei Uhr eine bis zwei Stunden lang den Rücken, auch mit kratzen…..dann noch „Gesichtsmassage“. Sie ist unglaublich ausdauernd und beratungsresistent, wenn ich „Nein!“ sage, dann wird sie wütend und heult, auch nachts. Es ist unglaublich anstrengend, mich meiner Haut zu erwehren und immer wieder Grenzen zu setzen. Kleinkinder haben ja auch ihren eigenen Charme. Oftmals kann ich die Dauerbestreichelung nicht mehr ertragen und werde auch richtig wütend und muss das Zimmer verlassen. Und ja, mein Mann möchte natürlich auch regelmäßig seine Streicheleinheiten. Und ich habe auch ein schlechtes Gewissen. Beiden gegenüber. Was mich tröstet ist, das meine Tochter von mir lernt, Grenzen auch für ihren Körper zu setzen und das Neinsagen lernt.

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    1. Der letzte Satz ist aber schön! So hab ich das noch nie gesehen. Emil hat schon immer zum einschlafen in meinen Haaren gewühlt. Manchmal hat er aber extrem klebrige, schwitzige Hände. Dann fühlt es sich an als würde jemand mit einem Radiergummi durch die haare fahren. Auch immer wieder schön 🙂

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  6. OH wie gut geschrieben! Mir gehts genauso und das mal 3! Ich kuschle sehr, sehr gerne und sehr viel mit meine Kindern und liebe es auch, aber irgendwann ist es auch genug, da will ich für mich sein und alleine kuschelig auf dem Sofa liegen einen Film für mich geniessen und nicht ständig kalte Füsse wärmen oder krabbeligen Händchen überall spüren- und im gleichen Moment fühle ich mich wie eine Rabenmutter – wie kann ich nur meinen KInd(ern) sagen NEIN ich will jetzt nicht! Lg Dana

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  7. Oh ich versteh dich sehr sehr gut. Ich liebe meine Kinder, ich liebe eine ehrliche herzerfüllende Umarmung von ihnen aber dieses 24/7 ist einfach manchmal zu viel. Oft sind das ja auch keine zärtlichen Berührungen… sie sind ungelenk, ruppig, überschwänglich wie es eben von Kindern zu erwarten ist. Wie oft sind meine Haare eingezwickt… wird auf meinem Busen rumgehüpft oder auf meinen vollen Bauch… da fahre ich auch aus der Haut, in der Situation vielleicht völlig überreagiert, aber das ist dann eben der berühmte Tropfen der das Fass zum überlaufen bringt. Ich glaube wir sind sehr wohl für all das gemacht. Ich denke aber heute auch dass Frauen in der jetzigen Zeit oft alleinkämpfer sind… über Jahre… 24/7. Früher gab es mehrgeberationenfamilienverbände, jeder mit seinen Aufgaben und rollen. Mütter wurden eher entlastet. Der heutige druck ist enorm. Und unter Druck entsteht Dampf… der hin und wieder ein Ventil sucht. Du machst alles richtig!

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  8. „Wer bin ich, wohin gehe ich, und mit wem?“ fragt ein zeitgenössischer Autor und Analytiker, und postuliert diese drei Fragen, in genau dieser Reihenfolge beantwortet, als entscheidend für ein zufriedenes Leben. Für viele Frauen erledigt sich die Beantwortung dieser Fragen mit ihrer Mutterschaft, in einer symbiontischen Auflösung in ihren Kindern, die weder den Kindern gut tut, noch der Mutter. Da entstehen Aggressionen gegenüber denen, die sie da plötzlich als annähernd einzigen Lebensinhalt vereinnahmen. Vielleicht noch ein Hobby nebenher, Yoga, Fotografie, Reisen, ein kleiner Nebenjob, Liebhaberei, aber mehr ist da auch nicht zu schaffen neben dem Muttersein. Kein Einzelfall, sondern von meiner als Lehrerin tätigen Frau und mir in meiner Praxis immer häufiger zu beobachtende Regel. Ein Blog, in dem die Mutter unter dem Pseudonym ihrer Kinder schreibt, dokumentiert das gut. Wir wünschen Ihnen Kraft, sich wieder auf die Suche nach Ihnen zu machen, Sie sind zweifellos mehr als übermüdete, geforderte, betont mit ihrem vermeintlich einzig möglichen Schicksal zufriedene Mutter. Ein frohes neues Jahr Ihnen und Ihrer Familie!

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    1. Lieber Tim, das ist ja ein spannender Kommentar, ob ich ihn so unterschreiben will weiß ich nicht. Zum einen geht es ja gerade um Kindergartenferien im Winter, eine Zeit, in der alle mehr als sonst in die vier Wände gefesselt sind und um eine Mutter, die keinen Nebenjob hat sondern hauptberuflich als Fotografin tätig ist, selbständig und mit einem künstlerischen Anspruch, den ich mir selbst auferlegt habe, aber der mich natürlich unter Druck setzt. Seitdem ich die Kinder habe, habe ich tatsächlich eine Innere Ruhe für mich entdeckt, die ich in den 20ern nie hatte. Ich weiß auf einmal wer ich bin, was ich will und auch wohin ich will. Ich bin selbstsicherer, anspruchsvoller und mir selbst gegenüber viel ehrlich geworden. Ich habe mich komplett und bewusst von meiner „Laufbahn“ getrennt, denn auch ich bin Lehrerin, um den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Das kostet Kraft und Mut, und dabei zwei Kinder neben mir zu haben, denen ich eine Kindheit schenken möchte, die sie mit Liebe, Freiheit und Vertrauen verbinden werden, bedarf einiges an Organisationstalent. Nebenbei sind wir als Paar kulturell engagiert und sozial gut vernetzt.
      In einem Familienblog geht es weder um Selbstmitleid noch um Selbstdarstellung, sondern vor allem um Wiederekennungswert – und anscheinend haben sich mehrere Tausend Leser in dem Text wieder erkannt. Welche Schlüsse jeder daraus zieht liegt in der interpretatorischen Freiheit des Lesers.
      Ihnen auch ein frohes neues Jahr!
      Liebe Grüße von einer tatsächlich gar nicht müden Mutter 🙂

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