Busfahren ist immer wieder ein großer Spaß!

IMG_2780Wir haben ja offiziell kein Auto mehr. Gut, wir haben noch den Bus, aber ganz ehrlich? Damit parken? In Hamburg?

Wenn ich einen Parkplatz habe bleibe ich da stehen so lange ich kann. Der Bus ist nicht für die Stadt. Und da wir immer noch kein Lastenfahrrad erstanden haben, muss ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren bis sich etwas ändert. Muss? Nein, eigentlich darf ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Ich verurteile das gar nicht. Es ist ja auch sehr lobenswert wenn eine Stadt so gut erschlossen ist wie Hamburg. Irgendwie komme ich überall hin. Warum ich trotzdem hundert Mal lieber Fahrrad fahre, wurde mir bei meinem letzten Fototermin wieder ganz deutlich bewusst.

Es gibt Menschen, die wohnen an Buslinien, die mal mehr mal weniger gut besucht sind. Und es gibt den 4er und den 5er Bus. Der fährt nicht nur in die anscheinend heiß beliebte Innenstadt, sondern auch zum Hauptbahnhof, den man ja auch hin und wieder mal benötigt, und zusätzlich auch noch zum Bezirksamt UND zur Uni. Der ist also dementsprechend immer voll. Ich habe einen Fotoauftrag direkt an der Uni. Ich nehme mit: Einen Reflektor, eine riesige Kameratasche, eine Lampe, eine Stativ. Einen Emil mit Rucksack, eine Ida mit Rucksack und einen Puppenwagen samt zweier kleiner Plüschigel darin. Das ist nicht sonderlich vorausschauend gedacht, oder doch? Im Bus wird es eng werden, aber wenn wir erst mal da sind, müssen meine Kinder sich mehr als drei Stunden beschäftigen. Da überwiegt ja wohl der Drang, Rucksäcke mit Büchern und Spielzeug und Essen zu befüllen und einen Puppenwagen mitzunehmen.

Der 4er Bus hat selbstverständlich an unserer Haltestelle KEINEN Ticketautomaten. Ausserdem kommt er – mindestens genauso selbstverständlich – aufgrund der vielen Baustellen auch nicht pünktlich. Und bis er kommt, ist genug Zeit verstrichen um eine kleine Menschenansammlung zu fabrizieren. Und jetzt möchte natürlich jeder in den Bus. Koste es was es wolle.

Ida steigt ein, schiebt den Puppenwagen vor sich her. Emil steigt ein. Einhundert andere Menschen steigen ein. Ich steige ein und kaufe ein Ticket.

„Stehen sie bitte auf!°“ höre ich eine ältere Dame sehr energisch sagen und ungeniert mit dem Finger auf eine freundlich blickende Studentin zeigen. „Stehen sie auf!“ wiederholt sie barsch. „Das ist ein Behindertenplatz! Ich möchte da sitzen!“

Neben der etwas konsternierten Studentin sitzt Ida. Emil kann ich nicht mehr sehen. Der Bus fährt los. Die Studentin lächelt selbstsicher, steht auf und sagt betont: „Sehr gerne!“

Die alte Dame schnauft. „Ich kann so nicht durch!“ Die ersten Passanten drehen sich um.

„Ihr Kind muss da weg!“ Sie deutet auf Ida. Die Studentin fühlt sich gar nicht angesprochen. Wieso auch. Sie hat ja gar kein Kind dabei.

„Das Kind muss seinen Puppenwagen da wegnehmen!“ brüllt sie. „Sagen sie ihm das!!“

„Entschuldigung,“ versuche ich durch ungefähr acht Rücken hindurch zu brüllen. „Das ist mein Kind.“ Ich komme nicht weiter, weil ich mit dem Stativ, der Tasche, der Lampe und dem Reflektor hängen bleibe. Mich hört aber sowieso niemand.

Jemand ist so freundlich und versucht den Puppenwagen aus dem Weg zu räumen. Ida ist den Tränen nahe. Ich glaube, sie befürchtet, er würde ihr weggenommen.

„Nimm deine dreckigen Gummistiefel weg!“ quakt sie Ida an. Aber Idas Beine sind sehr kurz. So sind Beine von kleinen Mädchen wenn sie drei sind. Sie baumeln nicht herunter. Sie stehen nun mal steif ab, wenn man sich nach hinten auf den Sitz schiebt. Ida weiß vor Schreck nicht was sie machen soll. Zum Glück ist ja noch die Studentin da, die man zur Rechenschaft ziehen kann. „Sagen sie ihrem Kind, dass es seine dreckigen Stiefel da wegnehmen soll!“ Die Studentin hat jetzt auch keine Lust mehr. „Das ist nicht mein Kind!“ wiederholt sie. „Das ist mein Kind,“ murmele ich. Aber mich hört ja eh keiner. „Das ist meine Schwester,“ höre ich Emil sagen. Wie mutig er ist. Er drängelt sich zu Ida und hilft ihr, die kleinen Beine unter Kontrolle zu bringen. Die Dame schiebt sich endlich an ihr vorbei. Und schnaubt.

„Du hast ja zwei süße Igel,“ sagt die Frau gegenüber von Ida. Ich glaube, jeder würde gerne die Situation wieder entschärfen. Ida versteckt die Igel unter ihrer Jacke. „Mögen die nicht rausgucken?“ fährt sie freundlich fort. „Nein,“ flüstert Ida. „ Sie mögen die anderen Menschen hier im Bus nicht.“

Ein freundlicher Herr hinter mir nimmt mir das komplette Equipment ab. „Gehen sie mal lieber zu ihren Kindern. Ich passe drauf auf,“ sagt er. An der nächsten Haltstelle steigen Menschen aus. Und andere wieder ein. Wieder versucht jemand an dem Puppenwagen vorbei zu kommen. „Warten sie kurz,“ murmele ich. „Ich klappe ihn zusammen.“ Natürlich hakt er. Das war klar. „Man,“ stöhnt sie genervt. „Vorher war es besser!“ Und steigt umständlich über den Puppenwagen.

An der Uni versuche ich alle Dinge wieder einzusammeln. Aber den Mann, der auf mein ganzes Equipment aufpasst, erreiche ich partout nicht. Zu viele Menschen stehen im Weg. Ich nehme den Puppenwagen, Idas Hand, schiebe Emil zum Ausgang. Die beiden Igel fallen heraus und kullern unter den Bus. Ida schreit vor Entsetzen. Ich komme noch mit der Hand dran. Hinter mir erscheint der Mann mit all meinen Sachen. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm danken soll. „Kein Problem,“ sagt er freundlich. „Ich fahre einfach mit dem nächsten Bus weiter.“

Danke!

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2 thoughts

  1. Oh Mann! Da wird mir schon nur beim Lesen ganz heiß vor lauter Aufregung. Ich hätte wahrscheinlich auch noch angefangen zu heulen, an deiner Stelle. Zum Glück gibt es hin und wieder noch nette Menschen, die gern helfen.

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  2. Tja, manche Leute sind eben einfach schon gross geboren worden. Da bekomm ich vom Lesen schon einen Hals. Aber wie man sieht, gibt es ja auch super nette Menschen. Daran muss man sich auch immer wieder erinnern.

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