Medien Konsum zum wachrütteln

img_6695Paul und ich sehen selten fern. Nicht, weil wir nicht gerne fernsehen, sondern weil so selten etwas kommt. Und meistens, weil wir die Zeit für andere Dinge nutzen. Immerhin beschränkt sich die gemeinsame Zeit doch immer auf die letzten Stunden am Abend. Die letzten Abende aber sehe ich mich durch die Auswahl der Filme zum 3Sat Zuschauerpreis. Wenn Paul sieht, dass 3Sat läuft sagt er immer: Das ist mir zu real.

Und ich lasse mich ein bisschen erschlagen von Realität. Und während ich da sitze, Film für Film, überkommt mich eine wahnsinnige Wut, eine Traurigkeit, eine Frustration, Angst und ein bisschen Hoffnung. Lasse ich mich von den Medien mitziehen? Lasse ich mich beeinflussen? Wie viel Wahrheit ist dran an den Gefühlen, die ich nicht hatte, bevor ich den Fernseher angeschaltet habe? Ich heule mit den Eltern, die ihr Kind bis zur Lebertransplantation begleiten um es dann doch zu verlieren, ich schleiche mit über graue Krankenhausflure, hoffe mit, mit den Eltern und ein bisschen mit den Filmemachern, bitte, lasst ihn nicht sterben. Das verkraftet mein Mutter-Fernsehabend-Herz nicht. „Das ist 3 Sat,“ sagt Paul. „Du glaubst doch nicht, dass da jemand überlebt! Denn dann wäre es nicht real.“

Paul sagt das, vielleicht, weil er selber mal in der Transplantation gearbeitet hat. Vielleicht weil er selber Kinder hat sterben sehen. Ich weine trotzdem. Und ich weiß, warum Paul wieder geht. Die Realität ist ihm zu nah. Mir auch. Aber ich stoppe nicht.

Einmal haben eine Freundin und ich über „Der Pianist“ gesprochen. Und sie hat gesagt: „Ich wollte den nicht zu Ende gucken. Ich konnte das nicht ertragen. Aber dann habe ich gedacht, die haben das alles wirklich erlebt, und ich bin nicht bereit es als Zuschauer zu ertragen? Ich darf davor nicht weglaufen. ich darf die Augen nicht verschließen.“

Und ich gucke weiter. Ich verschließe die Augen nicht. Ja, Kinder sterben. Menschen werden gewalttätig. Das Leben ist nicht rosa. Das Leben ist brutal. Und gemein. Und manchmal hinterhältig. Es ist nicht fair. Es spielt nicht mit offenen Karten. Es schickt keine Vorwarnungen. Es macht, was es macht, wann es will und was es will. Niemand wünscht sich ein krankes Kind, niemand hat eines verdient. Niemand hat einen Fehler gemacht, niemand hat es verdient an der Armutsgrenze zu leben, niemand hat es verdient gemobbt zu werden. Aber machen wir uns nichts vor, so sieht die Welt aus. Vor unserer Tür, neben unseren Vierteln.

Es ist nicht so das mir die Realität wie Schuppen von den Augen fällt. Natürlich wissen wir,  dass das Leben nicht die glückliche mittelständische Kleinfamilie ist. Aber manchmal brauchen wir diese Momente um es noch mal vor uns zu sehen. Und die NSU tritt mit dem Fuß einem Mädchen ins Gesicht und ich denke, wer sagt mir, dass das nicht meine Tochter sein kann. Wer sagt mir, dass sie in zwanzig Jahren nicht zur falschen Zeit auf der falschen Straße läuft? Wer sagt mir, das Emil einen Job finden wird, der ihn absichert? der ihn davor bewahrt, an der Armutsgrenze zu leben? Wer sagt mir, dass heile Welt auch immer heile Welt nach sich zieht? Niemand.

Wir können vielleicht versuchen das Leben unserer Kinder so sicher wie möglich zu gestalten. Aber noch mehr sollten wir versuchen, unser aller Leben sicherer zu machen. Wer nicht nach links und rechts sieht kann nichts verändern. Wir können unsere Kinder nicht einsperren. Nicht vor Mobbing, Neid, Gewalt schützen, solange die anderen nicht in derselben Sicherheit aufwachsen dürfen. Wir vermitteln Werte, die andere missachten. Wir können nicht dauerhaft hinter ihnen herlaufen, sie beschützen, sie aus Konflikten befreien. Wir können sie nur stark machen. In Argumenten. In Kommunikation und Empathie.

In einer Runde unter Freunden sagte eine Freundin frustriert: Gut, was sollen wir machen? Wir können hier über Trump und über die AFD reden, aber wir haben doch kaum Kontakte zu Menschen, die wir überzeugen wollen. Wir sind doch umringt von Menschen, die genauso denken wie wir?

Daraufhin sagte eine andere Freundin: Es reicht aber, die weiter zu bestärken, die bereits so denken wie wir. Es reicht, wenn jeder sich wieder ein bisschen mehr bewusst macht, welche Verantwortung er trägt. Und diese immer weiter gibt. Es ist nicht wichtig, die zu treffen, die anders denken. Es ist wichtig, seine eigene Meinung weiter zu vertreten. Damit die Gruppe groß und stark bleibt.

Die Gruppe derer die mit Liebe aufwachsen, die lernen das Respekt, Rücksicht, Empathie, Mut und Argumente wichtig sind, muss weiter wachsen und in sich gestärkt werden. Sie werden wieder Kinder bekommen, die ihren Kindern dasselbe vermitteln. Sie müssen eine Gruppe werden, die stärker und größer wird. Die nicht nur sich selbst sieht. Sondern auch die anderen, die Ungerechtigkeit erkennt, die bereit ist Dinge zu ändern.

Ich weiß, dass ich meine Kinder trotzdem nicht vor Krankheiten, Unfällen und Ungerechtigkeiten beschützen kann. Und jeden Abend gehe ich ins Bett und frage mich, wäre ich nicht etwas beschwingter ins Bett gegangen, wenn ich mir die Filme erspart hätte? Aber dann denke ich, ich hätte die Augen verschlossen. Ich hätte einmal wieder verdrängt, dass ich nicht die Norm bin. Eine gesunde Familie. Ein Dach über dem Kopf. Keine finanziellen Sorgen. Das ist nicht die Realität. Das ist ein Einzelfall. Ein wunderbares Glück. Und wenn ich es schützen will kann ich das nur, in dem ich versuche, andere daran teilhaben zu lassen. Etwas von dem, was ich habe, zu teilen. Und nicht die Augen zu verschließen vor dem, was sich hinter den anderen Türen abspielt.

Also, Danke, 3Sat!

 

 

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