Ja, wir sind hier nicht auf dem Land. Ich weiß!

img_4183Ja, mein Hund läuft ohne Leine. Jetzt können schon mal alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und was ist mit den Kindern? Den Joggern? Den Menschen mit Picknickdecken?

Die interessieren ihn nicht. Witzig ist aber, dass es trotzdem diverse Menschen interessiert, dass mein Hund ohne Leine läuft. Der ist jetzt vier Monate. Vielleicht möchte er gerne frei sein? Ja, vielleicht sollte man dann in der Stadt keinen Hund halten. Was sollen die denn überhaupt in der Stadt? Immer durch dieselben langweiligen Parks laufen? Ach nee, machen meine Kinder ja auch. Die sind im übrigen auch nicht an der Leine.

Moment, es geht noch weiter. Meine Kinder laufen auch auf Rasenflächen, wo eindeutig : „Betreten der Rasenfläche verboten“ steht. Und klettern auch auf Bäume, wo manch eine verhärmte Dame schon murmelte: Die sind aber nicht zum klettern da.

Und Abends, auf dem Laternenfest vom Kindergarten, da war der Hund sogar in der finstersten Finsternis auf dem Spielplatz! Dabei steht da nun wirklich ein nicht zu übersehendes Verbotsschild! Jetzt schlägt es aber dreizehn!

Vielleicht sollte ich aufs Land ziehen? Da dürfen Kinder auf Bäume klettern. Und Hunde frei laufen? Obwohl, das wahrscheinlich auch nicht. Sie dürfen nicht jagen,nicht in Naturschutzgebiete. Wir dürfen so vieles nicht. Muss ich meinen Kindern deshalb alles verbieten?

Emil und Ida stehen knietief im Weiher. Es ist November und kalt. Ich weiß, dass ihre Knie nass werden. Oben läuft es bestimmt schon in die Gummistiefel rein. Sie stochern mit Stöcken im kalten Wasser herum. Zerschlagen das dünne Eis. Nicht mehr lang, dann müssen wir nach Hause. Uns etwas trockenes anziehen, vor die warme Heizung setzen. Aber noch sehe ich ihnen zu. Und staune auch ein bisschen. Sie greifen immer wieder ins Wasser obwohl sich die Kälte schon den Ärmel hochzieht. Wie kann man so vertieft sein, dass man es nicht spürt?

img_4288Was Nässe und Kälte betrifft sind meine Kinder unempfindlich. Wenn ich das nicht wüsste, hätte ich sie längst aus dem Wasser geholt. Zwei Winter ohne große Erkältung, ohne Fieber, ohne Hals- und Ohrenschmerzen liegen hinter uns. Sie sind ständig nass. Wenn man sie danach schnell in die warme Badewanne setzt, unter Decken kuschelt, warm anzieht, dann stecken sie das weg. Noch spielen sie. Der Hund läuft am Ufer entlang. Eine Frau, ich würde sie als Dame bezeichnen, kommt mit ihren beiden Windhunden. Die sind selbstverständlich an der Leine, denke ich. Aber sie lächelt freundlich, lässt einen der wahnsinnig zerbrechlich wirkenden Hunde los. Er tobt auf Pius zu. Einen Moment steht sie neben mir, akkurat gekleidet mit Hut. „Wie toll, dass sie ihren Kindern das ermöglichen,“ sagt sie.

Ich sage nicht, Regeln sind da um gebrochen zu werden. Aber ich denke, Regeln darf man hinterfragen. Meine Kinder auch. Warum sollen sie nicht lernen zu argumentieren? Warum sollen sie Dinge so hinnehmen, nur, weil sie schon immer so waren? Vielleicht liegt es ja an uns sie zu ändern?

Ein älterer Herr droht mir, er werde jetzt zur Stadt gehen. Und ein generelles Hundeverbot für den Park fordern. Ich stehe da und habe keine Argumente. Ich habe meinen Hund ja nicht an der Leine. Ich verstosse gegen Regeln. Was soll ich sagen? Hab ich das Recht mich zu streiten, obwohl das Unrecht doch schwarz und weiß auf einem Schild steht?

Ich finde ja. Meine Kinder sollen das auch lernen. Regeln, Gesetze, Verbote sind überall präsent. Die darf man hinterfragen. Man darf nach Argumenten suchen sie zu ändern.

In Unserer Parallelstrasse wurden 4 Bäume gefällt. Vier nebeneinander stehende Bäume, um die Hundert Jahre alt. Davor und danach: keine Bäume. Die Stadt fällt diese vier wunderbaren alten Bäume und argumentiert, die Bushaltestelle müsse dorthin verlegt werden. Es würde sonst den Verkehrsplan stören. Der Bus würde zehn Sekunden zu lang in die eine oder andere Richtung brauchen. Zehn Sekunden! Die Stadt sagt das. Das Verkehrsamt sagt das. Die Regeln sagen das. Aber das darf man hinterfragen! Sinnlosigkeit darf man anzweifeln, diese Regeln muss man brechen dürfen!

Man geht bei grün, man überlässt alten Menschen im Bus seinen Platz, man darf nicht stehlen und anderen Kindern nichts wegnehmen. Man darf nicht mutwillig etwas kaputt machen, man darf nicht schubsen (aber darf man vielleicht doch schubsen, wenn man selbst geschubst wurde?). Aber man darf Regeln ändern, brechen, dagegen argumentieren und protestieren. Sonst würde die Welt sich niemals weiter drehen. Wir müssen aufmerksam bleiben für das, was unseren Alltag, unser Zusammenleben regelt. Und unseren Kindern Gerechtigkeit, Respekt gegenüber der Natur und den Tieren, Empathie und Mut beibringen. Damit sie lernen Entscheidungen zu treffen und nie nur blindlings hinter allem und allen Regeln herzulaufen.

Heute morgen hab ich den Mann im Park wieder getroffen und reumütig den Hund an die Leine genommen. Manchmal bin ich eben nicht mutig genug.

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4 thoughts

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Auch ich lehre meine Kinder Regeln kritisch zu hinterfragen und nicht jeden „Befehl“, jedes „Verbot“ einfach abzunicken und zu befolgen. Manchmal fällt es auch mir schwer, den Mut aufzubringen, aber ich arbeite daran.

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  2. Mir gefällt der Grundtenor deines Beitrags sehr, aber Hunde ohne Leine machen mir trotzdem Angst, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin. Vor allem seit mein 3jähriger letztes Jahr gebissen wurde. Von einem Hund, dessen Besitzer Hundetrainer ist! Und ich schwöre bei Gott, mein Kind hat diesen Hund nicht provoziert, er kam einfach nur neben mir auf dem Fußweg mit dem Laufrad angefahren. Mögen alle Hundebesitzer nun denken, dass könne ihnen nicht passieren, ich traue keinem unbekannten Hund mehr über den Weg (erst Recht nicht ohne Leine)!

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    1. Ich sehe das wie Antonia: die Leine ist als Respekt vor denen zu verstehen, die, aus welchen Gründen auch immer, Angst vor Hunden haben und diese im öffentlichen Raum meiner Meinung nicht haben müssen. „Der tut nichts“ ist so ziemlich die blödeste und respektloseste Antwort, die man solchen Menschen auf ihre Aufforderung zum Anleinen geben kann.

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    2. Das tut mir sehr leid, dass dein Kind gebissen wurde, das ist schrecklich. Ich wiederum hatte 15 Jahre lang einen Hund, der praktisch ohne Leine gelebt hat und für den ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte und habe. Er mochte Kinder, war mit anderen Hunden völlig cool und hat jeden in Ruhe gelassen. Als er starb, wusste ich, dass er das bestmögliche Leben gehabt hat. Jetzt habe ich keinen Hund mehr, aber Kinder, mein Jüngster ist noch keine zwei. Trotz dieser jahrelangen tollen Erfahrung bekomme ich so etwas wie Angst, wenn ein Hund ohne Leine auf meinen Sohn zuläuft, verrückt, oder? Aber mich möchte mir von der Angst nicht vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe. Ich widerstehe also dem Impuls, meinen Sohn in meine Arme zu reißen und nehme in lediglich an die Hand um zu vermeiden, dass er dem Hund am Schwanz zieht oder ähnliches. In fast allen Fällen geht es gut, davon bin ich überzeugt. Und so schlimm es klingt: Unfälle passieren. Auch im Straßenverkehr. Trotzdem verzichten wir nicht darauf, die Straße zu betreten oder Auto zu fahren.

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