Liebe Rebecca,

dies wird ein offener Brief. An Dich, obwohl wir uns nicht kennen.Heute morgen habe ich Deinen letzten Beitrag gelesen „Ich habe keinen Atem mehr„. Er hat mich berührt, abgeholt, bestätigt und traurig gemacht.

img_5730_bearbeitet-2Du teilst einen Teil Deines Lebens mit uns. Wir alle tun das, wenn wir bloggen. Die einen mehr, die anderen weniger. Wir setzen uns selber Grenzen, überschreiten die manchmal, legen sie auch neu. Wir erfinden uns vielleicht ein bisschen neu, verändern uns durchs Schreiben. Das ist keine Selbstdarstellung, sondern ein Prozess. Manchmal erkennen wir uns selbst erst, wenn wir schreiben. Und manchmal schreiben wir Dinge, die wir nicht geplant haben. So wie du heute. Wir schreiben etwas, was uns erst im Nachhinein bewusst wird. Wir lassen etwas frei, was uns bedrückt. Wir reflektieren. Und begreifen manchmal erst im Prozess des Schreibens was uns wirklich bewegt. In unserem Inneren.

Aber du warst mutig heute. Du hast einen Entschluss gefasst, du trennst dich von Etwas, dass du aufgebaut hast. Das dich erfüllt hat. Du zahlst einen hohen Preis für ein Leben, dass möglich sein müsste. In einem Land wie diesem. Selbständigkeit und Kinder? Kann ich allem gerecht werden? Kann ich das alles auf meinen Schultern tragen und was ist mit mir? Werde ich in all dem irgendwann untergehen?

Liebe Rebecca, Leben kann man nicht miteinander vergleichen. Ich will das auch gar nicht. Mein Leben ist ein anderes als deins. Aber die Umstände sind verbindend. Wir wollen alles schaffen und können nur von uns selbst gestoppt werden. Ich arbeite selbständig als Fotografin. Ich habe zwei Kinder und einen Mann, der mehr mit der Klinik als mit mir verheiratet ist. Ich habe gelernt zu organisieren. Von Anfang an. Ich erwarte dafür kein Lob. Ich organisiere sehr gerne. Aber Pläne verschieben sich. Und Organisation kann bröckeln. Wir räumen auf, arbeiten auch Nachts noch, wir wollen so gerne eine schöne Wohnung, aber wir sitzen manchmal über den Trümmern und heulen. Wir wollen vor allem uns selbst beweisen, dass es so funktioniert. Das wir alles schaffen können. Vor allem als Mütter. Wir wollen da sein, aufmerksam, liebevoll, zuhörend, emphatisch, geduldig. Und wir schaffen das. Meistens. Weil wir wissen, dass das größte Glück vor uns sitzt, oder steht, oder schläft. Aber in unserem Inneren tickt eine andere Uhr. Laufen Pläne ab. Was muss ich noch erledigen? Wem muss ich noch schreiben? Was muss ich noch rausschicken?

Ich liebe meine Arbeit. Meine Familie liebe ich noch mehr. Aber wie sehr liebe ich mich in dem Ganzen?

Ich möchte manchmal aufhören. Aufhören Mails zu lesen und zu beantworten, Aufträge hin und her zu schieben. Zu organisieren. Was wäre, wenn wir nicht mehr organisieren würden? Was wäre, wenn wir alles hinter uns lassen würden?

Aber stattdessen bekomme ich Mails mit Aufforderungen, Erinnerungen, Fragen. Und ich trage die mit mir herum. Im Kopf die Liste der Dinge die ich noch erledigen muss. Und vor mir Kinder mit Gedanken, Geschichten und Talenten, die ich schätzen, hören, lieben will.

Wir teilen unser Leben und machen uns verletzbar. Wir haben so viel geschafft. Sollen wir jetzt zeigen, dass wir das Gefühl haben gescheitert zu sein? Weil wir es nicht schaffen allen gerecht zu werden? Wir teilen unseren Alltag, wir geben zu das Dinge manchmal nicht klappen. Aber das Große und Ganze halten wir zusammen. Das kriegen wir hin. Und die Anerkennung, die trägt uns ein Stück. Aber sie ist zu kurzlebig. Sie verfliegt so schnell.

Ja, Vereinbarkeit ist ein ewiges Thema. Aber es geht nicht nur um Zeit. Um Organisation.Es geht um Wertschätzung. Die Dinge, die wir tun, vielleicht die Kunst, die wir beherrschen, die wir so schwer aufgebaut haben. Für die wir Dinge aufgegeben haben. Sicherheit vor allem. Wir wagen etwas. Trennen uns von festen Gehältern, vom Alltag, vom Feierabend. Wir sind frei und auf einmal gefangen in unseren Ansprüchen. Und dann, wenn wir es geschafft haben, dann fallen wir wieder tief, weil jemand unsere Ideen klaut. Sie als seine verkauft. Unsere Kunst in ihrem Wert auf einmal auf ein Minimum schmälert. Was ist mit Skrupeln? Was ist mit Fairness? Was ist mit euren Köpfen, können die sich nicht selber etwas ausdenken?

Ich habe mir im Sommer gesagt, dass ich einfach aufhören werde. Weil ich es nicht mehr ertragen und tragen kann, dieses ewige Wettstreiten. Diesen Berg von Aufträgen der mich Nachts an den Schreibtisch zwingt. Aber dann habe ich doch weiter gemacht. Vielleicht reichte das Gefühl zu sagen, jetzt ist Schluss. Ich bewege mich langsamer.

Aber tief in mir ist das Gefühl, dass das nicht reicht. Das wir alle an ein System gebunden sind, das uns weiter treibt. Vielleicht mal mehr und mal weniger. Aber wir stehen am Abend vor dem Geschirr, vor der Wäsche, vor den heulenden Kindern. Wir tragen die letzten Teddys in den Korb, küssen die warme Haut, ziehen die Decken hoch. Wir sind das Wichtigste in ihrem Leben. Das wissen wir. Und wir wissen, dass es umgekehrt genauso ist. Und wir wissen auch, dass wir sie auch wieder rausschicken werden in eine Welt des Erwachsen seins in der unsere Freiheit doch beschränkt ist. Wie leben? Wie überleben? Welchen Grad können wir finden zwischen Passion, Familie, Sicherheit?

Liebe Rebecca, vielen Dank für Deine berührende Ehrlichkeit. Vielen Dank für den Schritt zu sagen, wie verletzlich du bist. Und wir alle. Wie ambitioniert, kraftvoll, kreativ und müde. Wie zerrissen in unserem Sein als Mütter. In unserem Anspruch so hoch, in unserer Umsetzung so aufopfernd und dann doch am Ende aufgebend – auf kleinem Wege. Vergiss nicht, welche Kraft in dir ruht. Sonst wärest du nie so weit gekommen.

Liebe Rebecca, fühl dich umarmt,

Miriam

 

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2 thoughts

  1. Ihr seid großartige, starke, tolle Frauen! Den Gedanken hat ich heute morgen als ich bei Rebecca las ebenso, wie nun bei dir! Ihr seid nicht hier um perfekt zu sein,- sondern um hier zu sein!
    Ganz liebe Grüße und auch dir eine Umarmung

    Gefällt 1 Person

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