Allein ist nicht einsam

Jetzt sind wir allein. Es macht nichts. Das alte Haus macht immer noch seine Geräusche. Aber wenn die Kinder schlafen laufe ich Nachts mit dem Hund den Feldweg zum Meer hinunter. Sehe nur was direkt vor mir ist. Eine Taschenlampe habe ich nicht. Der Hund läuft frei. Ich höre ihn, aber sehe ihn nicht. Nachts ist es dunkel, und doch reicht das Licht des Mondes. Man muss sich daran gewöhnen. An das Knacken der Äste im Wald. Manchmal heulen Hunde, Pius heult mit.Eigentlich ist das Leben ganz schön hier. So ohne Angst.

Die Tage sind leer und voll mit Dingen die dauern. Alles dauert hier. Manchmal sitzen Emil und ich morgens um fünf schon in der Küche, mit dicken Socken und nackten Beinen, und essen Popcorn vom Vortag. Ich kann es nicht ändern, dass es fünf ist. Es bringt nichts, sich darüber zu ärgern. Der Hund muss zwei mal raus Nachts. Es stört mich nicht. Vielleicht, weil ich nicht will dass es mich stört. Ich sitze auf der Küchenzeile und esse Popcorn und draussen ist es noch stockfinster. Aber neben mir baumeln Kinderbeine, die zu einem Kinderkopf gehören, der sich immer sehr viele tolle Dinge ausdenkt.

Wir streiten nie. Vielleicht, weil die Zeit so langsam vergeht, dass der Streit sich in all dieser Leere gar nicht zurecht findet. Er findet gar keinen Anknüpfungspunkt.

Ich schiebe jeden morgen sehr langsam mein Fahrrad bis zum Strand. Einen Buggy haben wir nicht mit. Der Kindersitz ist Idas einzige Alternative, wenn sie nicht mehr laufen mag. Ida mag sehr oft nicht mehr laufen. Außer am Strand. Da läuft sie ewig.

Hier ist niemand mehr außer uns. Und ein paar Möwen und Feuerquallen im flachen Wasser. Wir fangen sie mit dem Kescher, heben sie heraus, betrachten sie. Lassen sie im etwas tieferen Gewässer wieder frei. „Wie Blumen sehen sie aus,“ sagt Emil.

img_5780

Das Wetter ist schön. Wir sind umringt von Farben. Wer alleine reist muss vor allem eines: sich selbst zurück nehmen. Ich verzichte nicht auf Internet und meine Bücher, ich stricke sogar noch einen Schal, aber ich verzichte auf eine Art der Kommunikation, wie ich sie sonst betreibe. Ich rede ausschließlich mit Kindern. Und ich lerne, nichts zu vermissen. Kein Coffee to go, keine Freundinnen um mich herum, kein Mann, der sich Abends an einen schmiegt, keine Jobs, kein Blog, kein social media. Ich bin für die Kinder da und das heißt nicht, dass ich von nun an nur Dinge tue die die Kinder sich wünschen. Ich tue, was ich mir wünsche, aber im Alltag viel zu oft vergesse.

img_5723_bearbeitet-1

Wir sammeln Treibholz. Stundenlang. Das Schönste liegt natürlich weiter draussen. Und da ich keine Gummistiefel dabei habe, schicke ich die Kinder. Das Wasser geht sehr lange flach rein. „Wir haben immer sehr wichtige Aufgaben,“ sagt Emil zu Ida. Das stimmt. Ich habe Aufgaben-Kinder. Von Anfang an. Meine Kinder müssen ständig irgendetwas für mich erledigen. Oder helfen. Sie wollen Aufgaben haben. Aufgaben sind für sie die schönste Beschäftigung. Sie sind so erfüllt von Stolz, wenn man ihnen das Gefühl vermittelt,  ohne sie wäre ich wirklich aufgeschmissen. Ohne sie könnte ich die ganzen Plätzchen nicht backen. Ohne sie könnte ich den Salat nicht fertig stellen, dass beste Treibholz nicht finden, ohne sie wüsste ich nie wo mein Schlüssel ist, könnte ich die Fahrräder nicht auf den Fahrradträger bekommen und ja, ich lasse mich ganz optimistisch von Fünfjährigen in ganz enge Parkplätze lotsen. Sie wickeln Wolle ab, sie waschen Geschirr, sie sortieren die Muscheln nach Größe, sie sägen den Kürbis, sie suchen Blumen und Blätter für den Tisch, sie gehen alleine mit dem Hund raus. „Können wir dir was helfen?“ ist die Frage, die ich am Tag am öftesten höre.

Abends sitze ich auf dem Sofa und sehe hinaus, da irgendwo ist das Meer, ich kann es nicht sehen aber hören und riechen. Der Hund liegt zu meinen Füßen, manchmal spitzt er die Ohren. Es ist alles gut, sage ich mir dann. Niemand überfällt eine Frau in einem alten Bauernhaus fernab von jeglicher Zivilisation. Überfallen geht doch woanders viel einfacher. Aber wir gut kann ich mich auf einen 15 Wochen alten Hund verlassen? Der ist doch selber noch ein Kind.

Eines späten Nachmittags gehen wir in der Dämmerung noch mal ans Meer. Ein Mann kommt uns am Strand entgegen. Er hat Kopfhörer in den Ohren. Er beachtet uns nicht. Aber Pius läuft ganz dicht ans Fahrrad und knurrt. Er knurrt und fletscht die Zähne. Er hat das noch nie zuvor gemacht. Ja, denke ich, ich kann mich auf einen 15 Wochen alten Hund verlassen. Der schon bellt wie ein großer. So lange ihn keiner sieht, macht er Eindruck. Wenn jemand am Haus wäre würde er bellen.

Abends steige ich die knatschende Treppe hinauf und sehe in das Zimmer der Kinder. Im Schlaf umarmen sie sich. Ganz oft. Ich stehe da und sehe sie im Schein des Lichts vom Flur. Sie streiten um nichts. Nicht mal um die Muscheln. Sie teilen gerecht. In kleinen Körben. Manchmal sagt Ida: „Oh, Emil, diese ist besonders schön. Die schenke ich dir.“ Und manchmal sitzen wir in der Küche und malen und Emil beugt sich zu Ida rüber und sagt: „Oh, Ida, das hast du aber schon richtig gut ausgemalt!“ Ich sage nicht, dass sie im Umgang miteinander perfekt sind. Ich sage nicht, dass sie nie streiten. Aber sie streiten selten. Und wenn einer weint, ist es immer der andere, der schneller zum trösten da ist als die Mama. Sie halten sich oft an den Händen. Und teilen ihre Geheimnisse. Sie sind nur zwei. Vielleicht wollten wir mal drei. Am liebsten vier. Aber jetzt sind es die beiden. Und sie sind so eng, so verbunden, so liebevoll miteinander. Sie sind die besten Freunde, so vertraut, so lustig, so fair zueinander. Und sie liegen im Bett und halten sich in den Armen. Etwas Schöneres gibt es nicht.

In meinem Zimmer klebt eine riesige, fette, schwarze Spinne an der Wand. Gut, denke ich, ich bin jetzt allein. Paul wird dieses Vieh nicht fangen. Ich muss es wohl selber tun. Ich nehme ein Glas und schubse sie rein. Pius sieht mich bewundernd an. Wenigstens einer, der meine mutige Herangehensweise beobachtet. Ich schmeiße sie aus dem Fenster, der Wind heult, es fängt an zu regnen. Geräusche. Immer nur Geräusche. Das muss so, denke ich. Pius legt sich vors Bett und schläft.

Alleine reisen macht nicht einsam. Nur mit Kindern reden auf Dauer schon. ich lese ein Buch nach dem anderen, aber die Kommunikation mit Büchern ist doch sehr einseitig. manchmal rufe ich Paul an, aber die Verbindung ist schlecht. Eigentlich will ich nicht telefonieren, weil ich nicht mag, dass die Verbindung schlecht ist. Das ist ja sonst immer nur in Psychothrillern der Fall. Lieber nicht telefonieren und nicht darüber nachdenken.

Unser Umgang miteinander ändert sich. Wir blenden vieles aus, was wir sonst so mit uns herumtragen. Vor allem die Eile. Ich sage ihnen nie, dass sie sich beeilen müssen. Das sie jetzt bitte ihre Schuhe anziehen sollen. Ich habe keine festen Essenszeiten, keine Zubettgehzeiten, keinen Alltag, keine Regeln. Wir müssen nicht mit dem Auto irgendwo hin, wir müssen nicht noch irgendetwas einkaufen, wegbringen, abholen, erledigen. Wir müssen hier gar nichts. Und diese Ruhe bringt immer vor allem eins mit, das war in Kanada so, und in der Zeit in unserem Bus und jetzt in Dänemark: Körperlichkeit und Liebe. Ich habe ständig ein Kind auf dem Schoß. Ich habe ständig jemanden, der kurz zu mir rennt und mich umarmt. Mir wird sehr oft gesagt, wie sehr ich geliebt werde. Ich kriege viele Küsse. Manchmal liegen sie beide auf meinem Rücken, manchmal in meinen Armen, manchmal in meinem Bett. Sie fühlen sich ernst genommen. Sie sind nicht ein Teil eines Alltags, der organisiert werden muss. Mit viel Liebe. Aber organisiert wird. Hier sind sie ein Teil einer Gruppe. Die zusammengehört. In der jeder einen gleich großen Raum einnimmt. Bei dem Gedanken freue ich mich jetzt schon auf Kanada.

 

Advertisements

One thought

  1. Liebe Miriam
    Das ist ein wunderschöner Text. Und er trifft mich im Innersten, weil ich an einem Ort lebe, wo es nachts so dunkel ist (im direkten wie im übertragenen Sinne), wie Du es beschreibst. Und ich frage mich, wie ich es schaffe, das, was hier als Ferienerlebnis geschildert wird, wieder besser hinzukriegen im Alltag. Wahrscheinlich: Weniger erledigen. Einige Dinge müssen wir ja halt einfach im Alltag. Aber längst nicht alle, die uns manchmal so dringend erscheinen.
    Herzliche Grüsse und vielen, vielen Dank, Martina
    P.S.: Auch ich durfte mehrfach erleben, wie mein übertrieben freundlicher Hund (Vizsla), der z.B. jeden Handwerker fröhlich begrüsst, in „heiklen“ Situationen immer zuverlässig (vom aufmerksam ruhigen, aber beschützenden Sich-vor-uns-Aufbauen bis hin zu aktivem Knurren) und adäquat reagiert hat. Das war für mich immer sehr eindrücklich.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s