Dänemark – allein reisen mit Kindern Teil 1

img_5806Alleine reisen mit Kindern ist nicht dasselbe wie alleine Zuhause sein. Alleine reisen in ein Haus einsam am Strand an der dänischen Ostseeküste ist auch nicht dasselbe wie alleine im Hotelzimmer in Kopenhagen. Ich wollte ja auch gar nicht alleine reisen. Also alleine mit Kindern. Ich hatte das Haus ja ursprünglich für Paul gemietet. Damit er schreiben kann. Damit eine gewisse Ruhe da ist. Und Platz. Klar, wer Platz braucht um zu entzerren, der bucht selbstverständlich groß. Ich buchte groß. 250qm. Mit Blick aufs Meer. Keine befestigte Straße, keine Strassenlaternen, keine Nachbarn bis auf einen sehr grummeligen Bauern am Ende des Feldweges, dessen Hof man überqueren musste um ans Meer zu kommen.

Schön ist es, das Haus. Mit Kamin, Reetdach, großem Garten. Einsam ist es. Ein bisschen das Haus von dem wir träumen. Fern ab von allem. Kein Konsum, keine Nachbarn, kein geselliges grillen. Keine Regeln, keine Verbote, kein leise sein. Nur Wiesen und Meer, Strand und Felsen. Aber dann passieren Dinge in Pauls Job und er muss doch wieder in die Klinik. Krankschreibungen kann man aufheben lassen.

Da stehe ich vor unserem blauen Bus, dem „flotten Bert“, und grübele wie ich Fahrräder auf den Fahrradträger bekomme. Ich packe Taschen und Hundekörbchen ein und frage mich, wie es sein wird, so ganz allein zu reisen. Ich kaufe essen und merke, dass ich bereit bin mich einzuigeln. Irgendwo im Nirgendwo.

Ich bin schließlich alleine in Dänemark, und nicht in einem Bergdorf in Nepal. Und ausserdem bin ich nicht alleine, sondern zusammen mit zwei Kindern und einem Hund. Ich bin also auf mich allein gestellt, was die Organisation betrifft, aber ich bin nicht einsam. Und das ist ein himmelweiter Unterschied.

Allein reisen mit Kindern heißt erst mal allein ankommen

img_5473Ich hätte die Buchung gerne rückgängig gemacht. Ging aber nicht. Ausserdem freuen die Kinder sich. Warum ist packen immer so stressig? Warum denkt man am Vorabend bereits man hätte alles eingepackt, um dann am morgen noch panisch mehrere Taschen zu befüllen? Kescher, Gummistiefel, Schnitzmesser. Pässe, Kleidung, Essen, Regensachen, Bettwäsche, Badesachen, Handykabel? Finde ich nicht. Autoschlüssel finde ich auch nicht mehr. Die Kinder sitzen im „flotten Bert“ und nerven mich. Ruhig bleiben. Der Schlüssel kann sich ja nicht in Luft auflösen. Halten die Fahrräder? Hab ich Schüsseln für das Hundefutter? Ein altes Handtuch wenn der Hund nass ist? Hab ich den Kürbis für Halloween? Wo muss ich überhaupt hin??

In Hoptrup bei Haderslev muss ich den Schlüssel abholen. 2:20 Fahrtzeit. Mein Navi hat aber für Dänemark gar keine Karte. Hoptrup kennt er nicht. Strassen sowieso nicht. Ich habe gar keine Lust mir darüber den Kopf zu zerbrechen. So riesig ist Dänemark ja nun auch nicht. Ich werde darüber nachdenken, wenn ich die Grenze passiert habe.

Ich halte in 2 Stunden ungefähr hundert Mal an. Die Kinder müssen mal. Der Hund muss mal. Den Kindern fällt gerade DAS Buch runter was sie aber unbedingt lesen wollen. Sie haben Hunger. Sie haben kurz danach Durst. Etwas juckt am Rücken. Sie brauchen ein Taschentuch.

Ich fahre irgendwo von der Autobahn. Haderslev steht dran aber ich weiß nicht weiter. Natürlich sind wir schon wieder drei Stunden unterwegs. Wir halten an einem Wald und gehen spazieren. Eigentlich ist es ja sowieso total egal wann wir ankommen. Gut, Freunde von uns kommen noch für eine Nacht vorbei. Bis dahin sollten wir am Haus sein.

Ich fahre nach Haderslev. Ich fahre einhundert Mal im Kreis. Ich werde angehupt. Ich versuche den blöden, grossen Bus durch wahnsinnig enge Strassen zu manövrieren, die Kinder nölen. Sie fragen hundert Mal: Ist das unser Haus? Oder das?

Wen könnte ich denn mal anschreien? Die Kinder? Oder die hupenden, nervenden Autofahrer hinter mir?

Ja, gut, ohne Navi ist scheiße. Ich rufe Paul an. Der ist kein gutes Navi und sagt immer viel zu spät, wann ich hätte irgendwo abbiegen sollen. Der Hund fiept. Ich bin jetzt vier Stunden unterwegs. „Du erklärst es falsch!“ sage ich wütend und lege auf. Das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Ich fahre wütend einfach irgendwo hin. Es ist mir egal wo. Ich muss nur den Kindern gegenüber so tun, als wüsste ich genau wo ich hin will. Und zack bin ich in Hoptrup. Wer hätte das gedacht. Aber wie komme ich jetzt zu dem einsam gelegenen Haus? Also erst mal in den Ort fahren. Ich fahre wieder eine Dreiviertelstunde herum. Dann rufe ich noch mal Paul an. Ich bin natürlich komplett falsch. Aber diesmal schafft Paul es mich bis vors Haus zu lotsen. Da ist es. Steht in der Herbstsonne. Über hundert Jahre alt, Obstbäume im Garten, Blick aufs Meer.

img_5414Die Kinder springen aus dem Auto. Es ist immer dasselbe. Egal, wie nervig die Fahrt am Ende war, sobald wir ankommen ist alles vergessen. Sie rennen herum, stromern mit dem Hund ums Haus, befinden alles für gut. Drinnen ist es hell und schön. Ich stelle die Kiste mit dem Essen auf den Tisch in der offenen Küche. Ja, hier könnte ich wohnen, denke ich. Ich sehe raus aufs Meer. Der Hund rennt wie von einer Wespe gestochen kreuz und quer durch den riesigen Garten. Ich fange an alles reinzutragen. Taschen und Kisten, Kinderrucksäcke und Kuscheltiere, Hundekörbchen. Der Kescher lehnt schon an der Scheune. Ich kämpfe nur noch mit den Fahrrädern. Emils geht ganz gut, meins kracht mir entgegen, ich halte es noch im letzten Moment, stosse mir die Schulter. Dann stelle ich es auf das Kopfsteinpflaster. Geht, denke ich. Alleine reisen geht.

Die Kinder und ich laufen ein bisschen durchs Haus. Offene Küche, riesiges Esszimmer mit Kamin, zwei Wohnzimmer, oben vier Schlafzimmer. Ich muss ein bisschen warm werden mit dem Haus. Es ist alt. Es wird Geräusche machen. Ich kenne das von dem Haus meiner Eltern. Der Wind wird unter das Reet ziehen. Die Balken knacken. Heizungen fangen an zu brummen. Vögel in den Büschen um das Haus. Hier ist es still und doch voller Geräusche. Tagsüber stört mich das nicht.

Emil und Ida suchen sich ein Zimmer aus und hopsen ein wenig über das weiße Ikea Bett. Ich sortiere ein bisschen Kleidung in die Kommode. Von hier oben hat man einen guten Blick bis ans Meer. Feldwege schlängeln sich nach links und nach rechts. Ich sehe niemanden. Wir sind tatsächlich allein.

Ich weiß, dass ich zwei mal Nachts mit dem Hund raus muss. Aber noch mache ich mir keine Gedanken. In dieser Nacht sind unsere Freunde noch da. Allein bin ich erst ab morgen.

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