Vertrauen endet an der Haustür

img_7153Eigentlich denken wir ja, wir machen relativ viel richtig. Nicht so Alltagskram, da machen wir auch relativ viel falsch. Reagieren oft falsch, entscheiden ständig über die Köpfe unserer Kinder hinweg, sind müde, wenn sie wach sind, genervt, wenn zum zweiten Mal Apfelsaft umgekippt wird und mit den Gummistiefeln durch die ganze Wohnung gestapft wird um sie dann im hintersten Zimmer auszuziehen und in die Ecke zu schmeißen.

Aber andere Sachen machen wir richtig – oder sie haben zumindest einen sehr hohen Stellenwert. Dazu gehört Vertrauen. Ewiges Vertrauen. Eines, auf das man immer zählen kann. Egal was kommt. Und manchmal schmunzeln lässt, wenn die Kinder kleinlaut jeden ihrer Fehler vor uns ausbreiten. „Gestern habe ich übrigens heimlich mit Jonah die ganzen Gummibärchen aus der Tüte gegessen.“ Ich hatte nicht mal eine Ahnung, dass wir eine Tüte besessen haben.

Am Ende sollen sie wissen das sie alles sagen können. Jetzt und später. Und lernen, dass kleine und auch große Streits niemals etwas an unserer Liebe füreinander ändern. Das Wut nichts mit verlierendem Vertrauen zu tun hat. Das wir zusammen gehören, komme was wolle. Das wir sie immer lieben werden. Und das wir niemals mehr ohne sie sein könnten.

Dann gehe ich mit Pius spazieren. Ich habe ihn an der leine, weil er momentan nicht hört. Also gar nicht hört. Pius hat seine Trotzphase erreicht und die sind in Großstädten für Hunde sehr kontraproduktiv. Pius findet leinen doof und ich finde doof, dass er nicht hört. Er tapst n der Dämmerung der Stadt neben mir her und auf dem Gehweg kommen uns zwei Väter mit Kindern entgegen. Drei der Jungs fragen, ob sie Pius streicheln dürfen. Sie knien sich hin, Pius freut sich über so viel Aufmerksamkeit. Sein kleiner Schwanz hört gar nicht auf zu wedeln. Der vierte Junge bleibt mit etwas Abstand stehen. Er traut sich nicht. Er hadert. Er würde gerne, aber der Mut reicht nicht ganz. Die großen bedanken sich höflich und laufen hinter den beiden Männern her zur Wohnungstür. Sie liegt zwischen zwei Wohnhäusern. Ich sehe sie nicht mehr, nur den kleinen Jungen. Er ist vielleicht drei. Er läuft ein paar unsichere Schritte hinter mir her. „Darf ich ihn doch mal streicheln?“ „Klar,“ sage ich. Wir hocken beide neben dem Hund. Der Junge platzt vor Stolz. Das Gefühl seine Angst zu überwinden scheint noch beschwingter zu sein, als den Hund streicheln zu dürfen. „Danke,“ lächelt er und läuft zurück. Ich sehe ihn zwischen den beiden Häusern verschwinden.

Dann höre ich ihn weinen, eher schreien. Pius spitzt die Ohren. Er schreit furchtbar. Gestürzt? Ich warte auf die Stimme der Väter aber ich höre nichts. Pius zieht an der Leine. Er will nachsehen. Ich auch. Wir treten um die Hausecke und da steht er. Ein kleiner dreijähriger Junge von dem ich glaube, dass auch er Vertrauen gelernt hat. Von dem ich einfach einmal annehme, dass er einen Vater hat, der ihm suggeriert, dass er wichtig ist. Das er ihn liebt. Und niemals vergessen würde. Aber jetzt steht er da, dieser kleine Junge, und die Haustür ist zu und er fühlt nichts anderes als das Gefühl jemand habe ihn vergessen. Jemand habe ihn vor der Tür vergessen. Und das Gefühl ist gar nicht zeitlich begrenzt. Jeder Erwachsene Mensch wüsste, dass man nicht für immer vor einer verschlossenen Tür stehen muss. Aber Kinder wissen das nicht. Eine zugefallene Tür ist eine zugefallene Tür. Ich halte ihn kurz in den Armen. Er zittert. Er kann nicht begreifen, was gerade passiert ist. Vertrauen bis in die Ewigkeit? Vertrauen endet manchmal schon an einer verschlossenen Haustür. Ich sehe den Vater die Treppe herunter laufen. Vor der Wohnungstür hätte er gemerkt, dass einer fehlt.

Zuhause denke ich darüber nach. Zwei Kinder habe ich eingewöhnt bei der Tagesmutter, danach im Kindergarten. Ida hat nie geweint. Emil sehr wenig. Zwei Kinder die ich schon mal zu spät abgeholt habe, Emil auf Grund eines Missverständnisses sogar gar nicht. Nie haben sie geweint. Nie haben sie daran gezweifelt, dass man sie wieder abholt. Aber dann fällt mir ein, dass Ida auch schon mal ins Treppenhaus gelaufen ist und nur die Wohnungstür hinter ihr zufiel. Und keine Sekunden hat es gedauert, bis sie vor Panik und Angst geschrien hat.

Vertrauen endet manchmal an der Haustür. Alles, was wir aufbauen ist nicht weg. Aber hilft auch nicht gegen die plötzliche Angst. Wir haben drei, vier oder fünf Jahre gezeigt, dass wir sie niemals irgendwo vergessen würden. Niemals alleine lassen würden. Immer für sie da sind. Wir haben fünf Jahre Erfahrungswert gelegt. Aber die reichen nicht, für diese kleinen Köpfe, diese kleinen Herzen, die immer noch Angst vor einem Verlust haben. Egal, wie irrational das gerade scheint. Sie brauchen uns so wahnsinnig. Sie verzweifeln bei dem Gedanken, man könne sie vergessen. Und das sie so denken und fühlen, dass sollten wir nie vergessen. Sie brauchen Zeit. Und jeden Tag das Gefühl, dass sie das Wichtigste für uns sind. Das wir sie niemals alleine lassen werden, niemals vergessen werden und sie immer wieder rein lassen, wenn eine Tür zufällt.

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5 thoughts

  1. Gestern habe ich auch wieder eine Mutter gesehen, die im H&M ihrer dreijährigen Tochter ein Glitzerkleidchen anprobierte, was die Kleine dann natürlich nicht wieder ausziehen wollte. Verzweifelte Mutter: „Dann gehe ich eben ohne dich!“ und marschierte Richtung Ausgang. Ich kenne diese Hilflosigkeit, wenn das Kind sich komplett verweigert, aber: Macht das bitte nicht!! Auch wenn Trösten und Verhandeln mehr Zeit und Geduld benötigt: Denkt daran, wie sich das Kind fühlt. Bei diesem Artikel, besonders den letzten Sätzen, kamen mir die Tränen. Verlustangst ist oft so groß und existenziell bei Kindern und man kann ihnen nicht oft genug sagen, dass man immer für sie da sein wird.

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  2. So schön und wahr! Hab erst kürzlich eine ähnliche Erfahrung gemacht und meiner Tochter gesagt, dass egal was passiert und wie sauer Mama manchmal ist, sie wird dich immer lieb haben. Immer. Und sie hat es verstanden. Ich hoffe das endet nicht an der Haustür…

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