One year ago

Vor einem Jahr war Indian Summer. Es war kein Herbst – und das soll keine Abmilderung sein. Denn ich liebe den Herbst. ich liebe auch die ersten Regentage, Kerzen, Hamburger Wind. Aber letztes Jahr war Indian Summer. An der Ostküste Nordamerikas. Indian Summer in Kanada. Manchmal sind Paul und ich losgefahren nach Myers Cave. Dahin, wo es am buntesten war. Wo die Bäume leuchteten. Letzte Woche haben wir Myers Cave bei Google Maps gesucht. Ich weiß nicht, wie lange wir zoomen mussten. Wie kann ein Land so groß sein wie Kanada? Wie kann etwas so unendlich erscheinen? Und so vielfältig?

Ich bin immer gerne gereist. Ich mag Großstädte. Ich könnte mir nicht vorstellen aus Hamburg raus zu ziehen. Ich kann nicht über Speckgürtel, Randgebiete, Vororte diskutieren. Ich fühle mich wohl hier. Außer, ja, außer Kanada.

Ich mag Havanna, New York, Rom und sogar Kampala – die Hauptstadt von Uganda. Dreckig und voll und laut war es da. Aber mich hat es irgendwo im inneren berührt. Vielleicht mag ich einfach Menschen. Nicht alle. Nicht jeden. Aber Menschen bewegen immer etwas. Und in Städten bewegen sie eben zentriert. Ich kann es besser wahrnehmen und fühlen. Sie verstecken sich weniger als in ihren großen Häusern auf dem Land. Sie tragen vielleicht mehr nach außen.

img_6508In Kanada in der Wildnis gab es nur uns. Und Doris und Ray. Die lebten zeitweise in der alten Goldgräberhütte unten im Wald. Die Kinder mochten sie sehr. Doris und Ray haben sehr viel Rinde für uns gesucht um unser Tipi zu Ende zu bauen. Und von Bären und Kojoten erzählt. Die Kinder haben sie nicht verstanden und es hat überhaupt keine Rolle gespielt. Am meisten haben sie mit ihren fröhlichen Augen gesprochen.

Manchmal sind wir nach Kaladar gefahren und haben uns ganz verwegen gefühlt. Hier gab es den besten Burger Laden der ganzen Umgebung. Niemals sitze ich irgendwo herum und denke über einen Burger nach. Aber in Kaladar war es auch ein kurzes Eintauchen in die kanadische Welt. Die Leute fahren mit Pickups vor. Sie haben große Hunde, tragen Holzfällerhemden und haben ein Gewehr im Kofferraum. Sie sind der Inbegriff des kanadischen Klischees. Sie haben Bärte und lachen viel. Sie mögen die Kinder. Meine Freundin aus New York hat einmal gesagt, die Kanadier seien die Skandinavier Nordamerikas. ich finde sie hat das ganz gut getroffen. Zumindest in Kaladar.

Ich habe nie darüber nachgedacht wie es wäre nicht in der Stadt zu leben. Und dann merke ich, ich würde (fast) alles aufgeben um hierher zu ziehen. Ich stehe auf der Terrasse des hellblauen Holzhauses von Tante Ann und sehe den Kindern zu wie sie eigenständig durch den Wald streunen. Ida ist gerade zwei geworden. Sie bewegt sich wie eine Katze. Manchmal setzt sie sich einfach auf den Waldboden und beginnt Tannenzapfen zu sortieren. Emil hilft das Feuer zu machen. Am anderen Ufer liegen die Kanus der Indianer. Wir sehen sie nie, aber manchmal ihre Boote.

img_6320Abends heulen die Kojoten und die Hunde heulen mit. Der Weg vom Feuer zum Haus ist nah, und dennoch müssen wir rechtzeitig zurück ins Haus. Die Dunkelheit hier verschlingt einen. Und die Farben des Indian Summer erschlagen einen regelrecht mit ihrer Pracht.

Paul und ich sind sehr verschieden. In ganz vielen Dingen. Aber bei anderen Dingen sind wir uns erschreckend ähnlich. Wir entscheiden sehr viel aus dem Bauch heraus. Wir grübeln nie lange. Wenn wir etwas wollen setzen wir es um. Am Abend sitzen wir zusammen und sagen, wir könnten sofort hierher ziehen. Wir könnten hier leben. Es sind zwei Sätze die uns beschäftigen.

Das Leben ist keine Generalprobe. Wir können nicht üben und uns dann für die beste Version entscheiden. Wir müssen es genau jetzt so leben, wie es am besten ist. Die Entscheidungen treffen, die wir für richtig erachten. Abwegen.

Wir fahren nach Kingston, die Stadt ist geschmückt mit Kürbissen. Wir schlendern über einen Farmers Markt und trinken heißen Kakao. Riesige Fische ziehen unter den Brücken durch den Ontario See. Die Kinder liegen bäuchlings da und sehen ihnen zu.

Wir sammeln angespülte Scherben und schöne Steine. Als Tante Ann im Frühling darauf zu uns nach Hamburg kommt bringt sie Steine mit. Sie sind in einem kleinen, weißen Leinensack. Sie sind das schönste Geschenk. Die Kinder hüten sie immer noch wie einen Schatz.

img_5510Wir ziehen nicht nach Kanada. Nicht jetzt. Nicht im nächsten Jahr. Vielleicht nie. Es ist nicht der Job, der uns hält. Nicht der Aufwand. Nicht die größte dieses Schritts. Wir bleiben wegen unserer Familien. Es hält uns. Die Distanz ist riesig. Keine gemeinsamen Geburtstage, Weihnachten, Spaziergänge durch den Wald. Die Kinder von Oma und Opa trennen? Unmöglich. Ich möchte es beiden nicht nehmen.

Das Leben ist keine Generalprobe. So wie es ist muss es sich richtig anfühlen. Ich werde im nächsten Jahr alleine nach Kanada gehen mit den Kindern. Für zwei Monate. Ein letztes Mal bevor Emil in die Schule kommt. Und dann? Dann entscheiden wir neu. So haben wir es immer getan.

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