Was machst du eigentlich den ganzen Tag Teil 1

Morgens um sechs höre ich Schritte auf dem Holzfußboden. Und Pfoten. Keine leisen Pfoten, sondern die eines aufgeregt tapsenden Hundes. Hund und Kind stoßen im Halbdunkel aneinander. Ein Schwanz wedelt wild. Die kalten Füße krabbeln bei mir mit ins Bett. Oh, noch fünf Minuten, denke ich sehnsüchtig.

„ Ich hab aber wirklich sehr viel Hunger,“ murmelt es leise neben mir. Fünf Minuten, denke ich sehnsüchtig. Komm, fünf Minuten noch. „Als hätte ich gestern den ganzen Tag nichts gegessen,“ flüstert die Stimme weiter. Okay, fünf nach sechs. Emil und ich stehen auf.

Katze füttern, Hund füttern, Emil füttern. Emil redet ohne Unterlass. Hunger und Redebedürfnis scheinen sich über Nacht aufgestaut zu haben. Der Hund hat in den Flur und ins Bad gepinkelt. Ich wische das weg, Emil klebt an meinem Rücken und redet pausenlos. Ich glaube, ich weiß jetzt wirklich ALLES was jemals in seinem Leben passiert ist.

Ida wacht auf. Sie findet es zu kalt zum aufstehen. Wenn es nach ihr ginge, möge ich sie doch bitte unter der Bettdecke anziehen. Pius bellt. Er glaubt, wenn man unter der Bettdecke ist, ist das ein wahnsinnig lustiges Spiel. Emil findet keine Socken die zum T-Shirt passen und keine Jeans die hauteng ist. Emil und seine Kleidungs-Vorstellungen sind manchmal tatsächlich gewöhnungsbedürftig.

img_4420Der Hund muss raus, er klaut alle Schuhe und ist außer Rand und Band. Kurz nach sieben – eine gute Zeit für einen Spaziergang im Morgenlicht. Die Kinder rennen vor, Ida hat Pius an der Leine. Sie ist wahnsinnig Stolz! Seit der Hund da ist gehen wir jeden Morgen eine Stunde um den Weiher. Ein erstaunlich guter und frischer Start in den Tag. Um die Uhrzeit ist das Licht wunderschön, der Reiher steht ganz still im Schilf, die Gänse ziehen ihre Kreise ganz dicht über der Wasseroberfläche. Um kurz nach acht erreichen wir den Kindergarten, die Kinder mit geröteten Wangen, der Hund jault fürchterlich. Abschiede mag er nicht.

Paul bastelt sich ein veganes Frühstück und setzt sich dann an die Habilitation. Ich habe einen Auftrag, der unbedingt fertig muss (heißt so viel wie: seit Tagen hätte abgegeben werden müssen) und muss noch Bilder aus dem Druck holen. Das Frühstück räumt selbstverständlich mal wieder niemand weg.

Um elf laufe ich zum Druck, Paul läuft auch irgendwo hin (ich glaube, ein bestelltes Buch abholen). Sich auf der Straße in der Herbstsonne verabschieden als würde man sich erst in drei Wochen statt in dreißig Minuten wiedersehen fühlt sich sehr schön an. Mit Schrecken und überschwappendem Adrenalinstoss habe ich heute morgen noch Bücher aus der Bücherhalle hinter einem Regal gefunden. Oha. Die hätten ja schon seit Wochen zurück gemusst. Also da auch noch schnell vorbei rennen und Zuhause dann a) merken, dass Paul den Schlüssel hat und b) das man keine CD Etiketten mehr hat. Also noch mal aufs Rad.

Auftrag schon mal in den Umschlag stecken, das fühlt sich gut an. Dann alle Fehldrucke wegschmeißen und sich von allem befreien. Abgeschlossen. Das fühlt sich so gut an! Paul ist in die Klinik gefahren (Warum? Hab ich nicht zugehört?) und ich setze mich an die Bilder vom letzten Backen. Das Backbuch macht so wahnsinnig viel Freude. So viele tolle Menschen die mitmachen, so viele tolle Ideen und am schönsten: So wunderbare, einzigartige, sagenhaft fröhliche, glückliche Kinder, die backen, essen und voller Teig sind.

Der Hund gräbt derweil den Vorgarten um. Ich versuche die letzten Hortensien vor ihm zu retten. Ich hab ja schon wenig Ahnung was Unkraut und was „richtige“ Pflanzen sind, aber der Hund hat tatsächlich noch weniger Ahnung als ich. Wenn man unbedarft im Vorgarten herum wütet hat man den positiven, wenn gleich auch Arbeitsbremsenden Nebeneffekt, dass man Menschen trifft die gerade vorbei kommen und sich allzu gerne in ein Gespräch verwickeln lässt. Eine befreundete Schriftstellerin, eine Nachbarin mit Hund, eine Kindergarten Mutter. Jetzt aber schnell wieder an den Schreibtisch damit es so aussieht als wäre ich mega fleißig wenn Paul aus der Klinik zurück kommt. Mein Arbeitsplatz ist im übrigen vom Arbeitszimmer wieder an den Sekretär in die Küche gezogen, weil der Hund nicht allein sein mag. Da das Arbeitszimmer aber seit jeher Refugium der Katze ist, und um die beiden gütlichst zu trennen, sitze ich jetzt am Küchenfenster. Arbeitsplätze hin und wieder zu wechseln ist im übrigen kreativitätsfördernd. Finde ich.

Ich mache mich schnell auf den Weg zum Paketshop 1 (Nein, Hermes nehmen wir nicht) und dann zu Paketshop 2 (Nein, Hermes nehmen wir nicht. ) und zu Paketshop drei. Schnell noch einkaufen, Theaterkarten bestellen, Hund schnappen und los. Der Hund mag die Leine nicht, aber ohne ist es an der Straße viel zu gefährlich. Kurzerhand setze ich ihn in den Buggy. Sonst komme ich zu spät zum Kindergarten.

Da unser Kindergarten kein Außengelände hat sind die Kinder Nachmittags immer im Park. Egal ob bei Sturm, Wind, Schnee oder Eis. Ich glaube, sie gehen öfter raus als die Kinder die einen Kindergarten mit Garten haben. Der Hund darf nicht mit auf den Spielplatz und legt sich mit diversen anderen Hunden an. Ich finde, er ist ein bisschen zu offensiv. Ich treffe meine beste Freundin, aber ständig zieht ein Kind an meiner Hand oder wahlweise an meiner Strickjacke. Das ist wie mit dem telefonieren. Die ganze Zeit beschäftigen sie sich hochkonzentriert woanders, bis sie merken, dass man a) telefoniert oder b) eine Freundin getroffen hat. Dann tauchen sie aus den finstersten Löchern wieder auf, stehen stramm neben einem und reden ohne Unterbrechung dazwischen. Emil glaubt ja zumindest es wäre höflich dann ununterbrochen zu flüstern.

Mit Spielplatz, Park, Weiher, Hund, beste Freundin, noch mehr Hunde, Stöcker werfen, auf Bäume klettern, Kastanien sammeln und bunte Blätter auflesen sind wir dann doch erst um halb sechs wieder Zuhause. Oh, das Frühstück steht ja noch da. Na, was soll’s. Jetzt kann man es ja auch direkt wegräumen, wenn man Platz für das Abendessen braucht. Erst mal die Kinder in die Badewanne und Tee kochen.

Ein Telefonat und sehr viele Nachrichten später steht fest: Es wird eine dritte Person geben, die am Backbuch mitwirkt! Ich freue mich tierisch!

Wir bauen einen Kuschelplatz auf dem Sofa und ich lese über eine Stunde vor. Man merkt, das mit dem Wechsel der Jahreszeiten auch ein Wechsel an Ritualen eingeht. Während wir im Sommer bis Abends draußen waren, machen wir es uns jetzt gemütlich. Nach dem letzten Buch ist bei Emil natürlich nicht Schluss. Auch gemütliche Abende gehen hin und wieder mit Geschrei zu Ende. Während wir Idas Zähne putzen, noch mal den Geschirrspüler anstellen und kochen hängt er hinter uns und schreit und heult, ich solle noch ein Buch vorlesen. Ich finde ihn unglaublich undankbar. Und ich befürchte, man merkt das an meiner Laune. Emil schreit, wenn ich nicht mehr vorlese, dann darf ihn heute niemand ins Bett bringen. „Yippieh,“ murmeln Paul und ich begeistert.

Um acht schlafen alle und Paul durfte Emil sogar ins Bett bringen. Glück gehabt, Paul!

 

 

 

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