Liebe und Wut

img_3193-kopieDie Liebe ist immer da. In uns. Die Liebe wächst, obwohl wir dachten, sie hätte das Größte, das Stärkste, das Ultimo längst erreicht.

Manchmal versteckt sie sich. Nicht so, dass man sie nicht mehr sieht. Eher so, wie Kinder sich verstecken. So offensichtlich. Die Liebe versteckt sich niedlich. Sie macht das mit Absicht, damit man nie an ihr Zweifeln muss.

Die Liebe läuft nicht abhängig von Geduld und Hingabe. Sie ist auch in der Wut noch da. Wäre sie sonst so groß, die Wut?

Emil ist manchmal voller Wut. Jedes Kind ist mal wütend. Selbst die ständig in sich und ihrer putzigen Frechheit ruhenden Ida. Aber in Emil steckt sie fest. Er würde sie so gerne raus lassen. Aber wie?

Am Abend sage ich, das es Zeit ist ins Bett zu gehen. Paul ist für ein paar Tage auf einem Kongress. Der Hund fiept die ganze Zeit, wenn ich ihn aus den Kinderzimmern sperre, aber wenn ich ihn mit rein lasse, rennt er vor Freude bellend ums Bett herum. Aber jetzt schläft er zum Glück.

Ida krabbelt unter ihre Decke. Emil kommt nicht. Ich sage es ihm noch mal. Emil mault. Ich sage den ganz schrecklichen Satz „Wenn…, dann….“ Ich hasse das, aber manchmal rutscht es mir raus. „Wenn du jetzt nicht kommst, dann musst du alleine deine Zähne putzen gehen, weil ich jetzt erst mal Ida ins Bett bringe.“

Emil wird wütend. Er ist sehr müde. Zu müde, ich weiß das. Wir haben alte Fotos angesehen und dann hat Tante Ann aus Kanada angerufen. Ich habe die Kinder hingehalten und zu lange telefoniert. Dann war es auf einmal spät. Aber es wäre unfair gewesen, das Album nicht zu Ende zu gucken. Immerhin haben sie die ganze Zeit auf mich gewartet.

Jetzt ist Emil übermüdet. Seit der Hund da ist steht er regelmässig um 5:30 Uhr zusammen mit ihm auf. „Wenn…,dann…“ Sätze mag Emil nicht. Sie bringen ihn zur Rage. Zu recht ja auch. Passiert aber mal. Emils Wut wird größer. Wir finden schon lange den Auslöser nicht mehr. Ich sage noch mal was falsches (egal was, ich weiß es tatsächlich nicht mehr) Emil wird wütender. Ich mache den nächsten Fehler und sage: Wenn du jetzt weiter so schreist, dann…

Es ist ein Teufelskreis. „Wenn du weiter so schreist, dann weckst du den Hund. Dann bellt und jault der die ganze Zeit und ich kann keinen von euch in Ruhe ins Bett bringen!“ Emil schreit und weckt den Hund.

Emils Körper bebt. Jegliche Emotionalität schlägt wie Wellen über ihm zusammen. Es ist schrill und laut. Jetzt bloß nicht mit schreien. Ich bringe Ida ins Bett. Der Hund bellt.

Ist sie noch da die Liebe? Hat sie sich versteckt? Nein. Sie sitzt ganz sicher an ihrem Platz. Sie wartet ganz geduldig, bis die anderen Gefühle ihr wieder aus dem Weg gehen. Ihr die Bahn frei machen.

„Ich liebe dich so schrecklich sehr,“ flüstert Emil, als ich ihn zum Hochbett trage. „Ich bin nur so schrecklich müde.“

Ich weiß, denke ich. Der Hund jault.

Ich setze mich aufs Sofa. Ich bin alleine. Paul schickt WhatsApp Nachrichten. Warum vermissen wir so sehr, wenn jemand nur kurz mal fehlt? Warum glauben wir ständig noch viel mehr zu lieben, wenn wir merken, dass etwas fehlt?

Der Hund kommt und legt sich zu meinen Füßen hin. Als er ganz schläft fest schleicht sich auf Samtpfoten die Katze vorbei. Springt lautlos auf meinen Schoß. So viel Liebe, von so unterschiedlichen Geschöpfen. Jeder gibt und nimmt. Mal der eine mehr, mal der andere. Aber es fühlt sich gut an. Nichts macht so Stark wie die Liebe.

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