Der Junge mit dem Hund

img_3603-kopieAuf unserer kurzen Reise an die Ostsee haben Paul und ich sehr viel Zeit sehr viel zu reden. Wir sitzen auch Abends gerne zusammen und reden. Aber diesmal ist es geballt. Drei Tage lang. Zeit über Dinge zu sprechen, die sonst so im Alltag in fünf Minuten passen müssen. Wandern wir nach Kanada aus? Bleiben wir in Hamburg? Wollen wir ein Haus kaufen? Wollen wir Karriere machen? Und dann sagt Paul einmal ganz unbedarft:

„Du magst keinen Stillstand. Nie.“

Und er hat Recht. Paul sagt das nicht wertend. Und wenn dann positiv. Ich mag keinen Stillstand. Und ich mag keinen Alltag. Ich mag keinen nine-to-five Job. Ich mag nicht jeden Abend vor dem Fernseher sitzen. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, für immer in dieser Wohnung zu leben, obwohl sie doch so perfekt für uns ist. Und das ist der Grund, warum Pius zu uns kam.

Ich weiß, ich sage oft: Wir brauchen. Oder ich wünsche mir. Ich wünsche mir ein Kind. Dann noch eins. Ich brauche eine Katze, denn ich hatte immer eine Katze und ohne kann ich nicht. Ich wünsche mir einen Bus, damit wir herum reisen können. Ich brauche einen Garten, damit ich etwas pflanzen kann. Ich wünsche mir Gänse und ein Haus am Meer. Ich muss dringend reisen! Und dann, eines Tages, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich brauche einen Hund.

Ich hatte noch nie einen Hund. Paul hatte immer Hunde. Aber mir war klar, ich brauche einen Hund. Und noch viel mehr: Unsere Kinder brauchen einen Hund. Vor allem Emil. Emil braucht einen beständigen Freund. Der Kindergartenwechsel, jetzt wieder alle Freunde aus den Augen verloren, weil sie in die Vorschule gehen. Emil geht nicht in die Vorschule. Emil soll spielen und toben und keine Verpflichtungen haben.

Emil braucht Beständigkeit. Und Vertrauen. Und Selbstbewusstsein. Emil traut sich vieles nicht. Nicht klettern oder schnitzen oder schwimmen- Dinge die er alleine macht kann er super. Er traut sich nicht in fremde Gruppen von Kindern. Er traut sich nicht Dinge auszuprobieren, aus Angst zu scheitern. Emil braucht Selbstvertrauen. Wälzen wir jetzt unsere Aufgabe an einen Hund ab? Können wir unser Kind nicht selber stärken? Ihm Selbstvertrauen geben?

Ein Hund ist das schwächste Mitglied einer Familie. Manchmal befürchte ich, glaubt Emil, das er das schwächste Glied sei. Ida kann alles noch nicht, weil sie klein ist. Von ihm erwarten wir viel mehr. Und manchmal wird er dem nicht gerecht. Wir wissen das. Wir wollen das nicht. Aber Strukturen entstehen. Wir sagen manchmal kränkendes, ohne es zu merken. Wir erwarten manchmal etwas von ihm, was er nicht kann. Alltägliches. Kleines. Kleine Aufforderungen, die wir gar nicht bemerken.

Aber jetzt ist er der Hundeflüsterer. Wir geben ihm Verantwortung. Für ein Tier, dass gross werden wird. Und ihn von nun an begleiten wird. Wir geben ihm damit eine neue Nähe. Einen unabhängigen Vertrauten. Wir zeigen ihm, dass er etwas Besonderes ist. Jemand, dem wir so eine Aufgabe zutrauen. Jemand, der einen Freund wie Pius verdient hat. Aber auch das Gefühl: Du bist ab jetzt der Junge mit dem Hund. Denke daran. Wenn andere dich ärgern. Oder nicht mitspielen lassen. Du bist der Junge mit dem Hund.

Kann ein Tier unsere Aufgabe übernehmen? Nein. Aber es kann einer Familie eine neue Struktur geben. Neue Aufgaben. Neue Impulse. Wer passt hier eigentlich auf wen auf? Wer ist für wen verantwortlich? Ein Wesen mehr, das Liebe gibt. Und Liebe bekommt.

Ida sympathisiert momentan sehr mit der Katze. Sie bevorzugt das Stille, das Ruhige, das Sanfte. Der Hund ist gerade mal drei Tage hier und erst neun Wochen alt. Aber er hat sehr feine Antennen für Stimmungen. Er springt alle an, nur Ida nie. Wenn sie kommt, setzt er sich still vor sie. Er räumt jedem einen anderen Raum ein. Und jeder merkt für sich, was er sich wünscht und was er braucht.

Für uns fühlt es sich gut an. Komplett. Wir wussten es nicht, aber er hat noch gefehlt. Jetzt ist er da, mit all seiner Liebe, seiner Lebensfreude und seiner Energie.

Und vom ersten Tag war klar: Emil ist der Junge mit dem Hund. Und sehr, sehr stolz darauf.

 

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3 thoughts

  1. Oh ja. Genauso war es bei uns auch. Und ein Hund gibt Kindern unglaublich viel. Gerade Kindern, die nicht völlig in sich ruhen und mit Zweifeln an sich und den Anderen daherkommen.
    Liebe Grüße
    Suse

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  2. Hallo, ich lese zum ersten Mal deinen Blog, und mag ihn. Vor allem: haben wir auch einen 9 Wochen alten Welpen, weil ich, wie du, Stillstand hasse, unser Sohn wenig Selbstbewusstsein hat, usw… aber seine kleine Schwester muss sich ordentlich vor dem Tier wehren. Ich gestehe mir beschämt ein, dass der Hund mir persönlich auch viel gibt, was mir wohl vorher gefehlt haben muss.

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