Kranke Mütter

IMG_6921Eigentlich wollte ich von Griechenland schreiben. Statt dessen schreibe ich über kranke Mütter – eine Erfindung, die es nie hätte geben dürfen. Mütter dürfen nicht krank werden. Vielleicht später mal, wenn sie pubertierende Jugendliche Zuhause haben, die sich freuen, wenn Mama ganze Nachmittage nicht ansprechbar ist oder nervige Fragen über die Schule stellt. Aber mit kleinen Kindern? Nein.

Dabei war ich mir am Montag auf dem Spielplatz noch so sicher, ich hätte einfach nur einen Kaffee zu viel getrunken. Viel Kaffee vertrage ich nicht. Oder die Milch darin nicht. Auf jeden Fall merke ich manchmal (natürlich immer zu spät) der letzte Kaffee war einer zu viel. Bis Abends ging das Gefühl nicht weg. Kind eins ins Bett bringen, Kind zwei ins Bett bringen, die letzten Stufen vom Hochbett runter und mir war klar: Der Kaffee war nicht das Problem.

Bis zwei Uhr Nachts lag ich hauptsächlich im Badezimmer auf dem Fußboden. Mir war alles egal. Paul hatte ich irgendwann schlafen geschickt. Ein Arzt im Haus? Rettet einen leider auch nicht bei simplen Magen Darm Infekten. Tee ging auch nicht. Wasser nicht – nur als Kühlung im Gesicht. Und die schreckliche Vorstellung: Wie soll ich den Tag morgen bloß schaffen?

Um acht stehen die Kinder vor meinem Bett. Paul hatte ihnen vor Verlassen des Hauses eine CD angemacht. Jetzt war die zu Ende. Ich muss die Kinder unbedingt vor neun in den Kindergarten bringen. Sonst können sie dort nicht am Frühstück teilnehmen und die Vorstellung ihnen selbst etwas zu Essen zu machen bringt mich schon wieder zum würgen. Ich versuche sie anzuziehen und gerate dabei schon ins Schwitzen. Es ist ja nicht weit bis in den Kindergarten, sage ich mir wie ein Mantra auf. Schuhe suchen, kurze Diskussion, warum Ida ihr Laufrad nicht mitnehmen kann. Schreien, heulen, das Laufrad bleibt hier. Frische Luft tut gut aber nur im Sitzen.Gehen ist anstrengend. Ich ziehe den Kindern Hausschuhe an und gehe postwendend wieder. Kurz tschüs und weg. Keine Unterhaltung, kein langes kuscheln. Ich muss irgendwie den Weg nach Hause schaffen. Zuhause schlafe ich ein bis Paul mich um eins anruft. „Wie geht es dir?“ fragt Paul. „Echt scheisse,“ sage ich. „Man, das ist blöd,“ sagt Paul. „Ich muss weiter arbeiten. Bis später!“ Man, was für eine Hilfe! Paul hat langen Dienst. Vor 22 Uhr wird der nicht nach Hause kommen. Ich koche mir einen Tee in der Küche. Man, die Küche kam mir noch nie so weit entfernt vor wie heute.

Immer hole ich die Kinder Dienstags um drei direkt an der Turnhalle ab. Sie sitzen dort draussen auf der Treppe und essen Bananen und warten, dass ich um die Ecke komme. Heute zum ersten mal nicht. Bis zur Turnhalle ist es viel zu weit. Bestimmt 10 Minuten zu Fuß. Schaffe ich nicht. Ich schaffe es ja gerade mal in die Küche. Und schon kommt das schlechte Gewissen. Sie warten doch auf mich. Sie sind noch nie nach dem Sport zurück mit zum Kindergarten gegangen. Sie werden immer abgeholt! Was denken sie denn jetzt? Das ich sie vergessen habe? Schaffe ich es vielleicht doch? Aber dann sind sie schon um kurz nach drei Zuhause, und was soll ich dann mit ihnen machen?

Ich schlafe wieder ein. Die Entscheidung war viel zu anstrengend.

Um halb vier gehe ich los und mache einen Umweg über den Supermarkt. Man muss dazu sagen, der ist bei uns am Ende der Straße. Und unsere Straße ist kurz. Ich kaufe Salzstangen und Zwieback. Die Leute nehmen an der Kasse schon Abstand. Verdächtiger Einkauf. Ich bin schon völlig nass geschwitzt. Jetzt noch zum Kindergarten.

Im Kindergarten setze ich mich auf eine dieser kleinen Kinderbänke an der Garderobe und kämpfe mit der aufkommenden Übelkeit. Das war echt zu viel Strecke für meinen Körper. Die Kinder rennen herum und rufen: Ich muss dir noch was zeigen! Jaja, später, denke ich. Emil ist super verständig. Er zieht sich an und fragt immer wieder wie es mir geht. Er ist wirklich schon groß. Allerdings will er mir einen großen Gefallen tun und Zuhause schon mal die Haustür aufschließen, damit ich den Kinderwagen reinschieben kann. Leider geht das Schloss schwer und es dauert manchmal Minuten bis Emil es hinbekommt. Er will aber so gerne helfen. Mir wird nur leider gerade schwarz vor Augen und ich würde mich sehr gerne im Treppenhaus einfach kurz flach auf den Boden legen. Bis in die Wohnung schaffe ich nicht. Und man muss dazu sagen: Wir wohnen im Erdgeschoss.

Emil schafft es irgendwann und mir reicht dann doch die Treppe auf die ich mich setze. Mir bricht der kalte Schweiß aus, ich will einfach nur schlafen. Ich mache den Kindern einen Petterson Film an und lege mich ins Bett. Ich schlafe innerhalb von Sekunden ein. Ein Glück, dass sie nicht mehr eins und drei sind, sondern drei und fünf. Niemand, hinter dem man noch her laufen muss, der sich Sachen in den Mund steckt, oder irgendwo runter fällt. Eigentlich hab ich es schon ganz schön gut.

Nach dem Film wecken sie mich auf. Schon fast fünf. Noch drei Stunden. Das schaffe ich. Irgendwie. Emil und Ida kneten und ich liege in Idas Bett und sehe ihnen zu. Sie kneten mir Pizza und Donuts und Muffins. Ich versuche die Begriffe nicht in mein Gehirn zu lassen und sage nur „Oh“ und „hm“ und „Danke!“. Man muss sein Gehirn wirklich austricksen. Als ich am Abend im Bad lag fiel mir plötzlich ein, dass ich den Brotkranz den Paul gebacken hatte, eigentlich noch hätte in den Kühlschrank stellen müssen. Und kaum war der Gedanke da, hing ich schon wieder würgend über der Toilette. Essen muss man komplett ausblenden. Essen gibt es einfach nicht. Gar nicht. Es ist nicht existent.

Dummerweise haben meine Kinder auch irgendwann Hunger. Von Salzstangen werden sie nicht satt. Ich mache Brote. Das ist immerhin besser als zu kochen. Für die Kinder ist das okay. Sie dürfen die kleingeschnittenen Brote sogar in ihrem Zimmer essen. Hurra!

Und plötzlich ist es kurz vor acht. Wie hab ich das geschafft? Erstaunlich. Ich bringe Ida ins Bett und schlafe dabei ein. Nach zwanzig Minuten wache ich auf und bringe Emil ins Bett. Ich schlafe dabei ein. Um neun klettere ich unbeholfen die Leiter vom Hochbett herunter und schleppe mich durch eine wirklich unordentliche Wohnung. Ich habe fettige Haare und sehe wirklich scheisse aus. Es ist mir egal. Ich gehe ins Bett und schlafe direkt wieder ein. Krank sein mit Kindern geht nicht? Geht irgendwie doch. Kann wohl jede Mutter bestätigen.

 

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11 thoughts

    1. Allen Kindern geht es gut. So heftig wie es am Abend kam war es wohl eher eine Lebensmittelvergiftung. Also nicht ansteckend. Aber das weiß man ja immer erst, wenn man als Einzige betroffen ist. Ich bin aber froh, dass es den Kindern gut geht! Liebe Grüße, Miriam

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    1. Vielen Dank! Aber den Freundinnen möchte ich ersparen, dass sie sich ansteckend. Das wünscht man niemandem, aber am wenigsten den Menschen die man wirklich mag 🙂 (Es hab Freundinnen ihre Hilfe angeboten. Aber ich wollte wirklich niemanden anstecken. Und zum Glück geht sowas ja immer annähernd so schnell wie es gekommen ist). Liebe Grüße, Miriam

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  1. Erschreckend oder traurig… finde ich Deinen Bericht!
    Wenn ich krank bin, nimmt mein Mann Urlaub (oder meldet SICH krank!).
    Wenn das tatsächlich mal nicht geht, rufe ich eine der Omas an. Oder die Babysitter, die wir haben wenn wir abends was schönes unternehmen.
    Wenn das nicht geht, keiner sich frei machen kann, dann rufe ich Freundinnen an, frage Nachbarn oder andere Kindergarten-Mütter, ob sie mein Kind (meine Kinder) mitnehmen können.

    Was bringt einen dazu mit Magen-Darm alles selbst zu machen, sogar den Salzstangen-Einkauf??
    Soziale Isolation oder das nicht-um-Hilfe-bitten-können?

    Wenn mich eine Mama anruft und um Hilfe bittet bin ich immer bereit zu helfen, ich hole Kinder ab, betreue welche (auch aus ganz anderen Gründen: Kita-Streik, Termine usw) – man muss sich doch gegenseitig helfen?

    Ich bin wirklich etwas schockiert… ich wünsche mir eine Welt die sozial ist und wo wir nacheinander schauen und uns um andere kümmern, schade dass es so oft nicht so ist 😦

    Wenn man zum Arzt geht gibt es neuerdings übrigens bei allen KV die Möglichkeit einen Sozialdienst kommen zu lassen, die KV zahlt den größten Anteil und die Kraft macht Kinderbetreuung und Haushalt. Der Arzt muss es nur bestätigen.
    Und in vielen Städten gibt es auch Notdienst von der Caritas o.ä. dafür, die das ganz unbürokratisch und umsonst machen…

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    1. Liebe Tine,
      das mit dem Urlaub nehmen ist leider tatsächlich auf der Intensivstation extrem schwierig. Wenn da jemand spontan ausfällt betrifft das mehr als nur eine Magen-Darm geplagte Person. Und ganz ehrlich? Ich habe tatsächlich niemanden um Hilfe gefragt, obwohl bestimmt genug Menschen um mich herum sind. Ich hätte bei jedem Infekt, jeder Erkältung und jeder Fieberkrankheit tatsächlich direkt meine Freundinnen angerufen. Und auch an dem Tag haben meine Mama und meine Freundinnen mir Hilfe angeboten. Ich bin da vielleicht ein bisschen paranoid, weil ich selber Magen Darm Krankheiten nicht ausstehen kann, aber ich wünsche das niemandem. Und so lange ich nicht weiß wie ansteckend ich bin befreie ich gerne jeden Menschen den ich mag von jeglichen Annäherungsversuchen, auch wenn sie nett gemeint sind. Ich möchte diese Krankheit mit niemandem teilen und ich hätte auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich im Nachhinein von kranken Freundinnen hören würde, die es auch erwischt hat. Vielleicht schließe ich von mir auf andere, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, gerne mit einer ansteckenden Person zusammen zu sein.
      Und Salzstangen am Ende der Strasse kaufen war vielleicht nicht so eine gute Idee, aber ich dachte ein bisschen frische Luft täte mir ganz gut. Hinterher ist man ja immer schlauer.
      Was ich tatsächlich toll fand und mich sehr positiv überrascht hat war die Anteilnahme meiner Kinder. Denn auch für die war es das erste Mal ihre Mutter krank zu sehen. Sie haben sich gekümmert, sie haben sich ihre Brote alleine gemacht, sie sind ohne Gemurre ins Bett gegangen. Vielleicht ist das auch eine Art der Sozialisation. Zu lernen in solchen Fällen Rücksicht zu nehmen. Selber zurückzustecken.
      Ich finde den Bericht nicht traurig sondern Mut machend. Weil er zeigt, zu welchen Dingen wir fähig sind, wenn es darum geht eine Familie zu haben. Eine Aufgabe, die 24 Stunden dauert. Die uns eben auch stark macht. Weil wir eine Verantwortung haben – nicht nur für uns.
      Es war ein Tag der sicher nicht zu meinen liebsten gehörte, aber so schlimm, dass ich dafür einen Notdienst rufen würde sicher auch nicht. Und zum Glück geht ja auch alles wieder annähernd so schnell wie es gekommen ist.
      Liebe Grüße, Miriam

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      1. Dass die Kinder dann Rücksicht nehmen und das auch ein guter Lerneffekt ist stimmt.

        Dennoch sehe ich einen Logik – Fehler: Wenn Deine Kinder um Dich sind, ist die Wahrscheinlichkeit Deine Kinder anzustecken hoch. Holt eine Freundin die Kinder ab, stecken sie sich evtl. nicht an.
        Und wenn sie den Tag mit Dir verbringen und sich anstecken, sind sie am nächsten Tag morgens noch fit, Du schickst sie in die Kita und sie schleppen den Magen-Darm-Infekt in die ganze Kita…

        Ich hasse M-D auch sehr, ich arbeite als Tagesmutter, betreue U3 und mir ist immer unheimlich, wenn die Eltern M-D haben und ich die Kinder betreue – aber natürlich ist das allemal besser als wenn sie zu Hause bei den kranken Eltern sind!

        Ich biete dann auch gerne an, die Kinder länger zu betreuen, bis der gesunde Elternteil oder die Oma abholen kann, damit das kranke Elternteil zu Hause bleiben kann (klassischer Vorteil der Kindertagespflege *g*)

        Die beste und effektivste Hilfe ohne dass DU Leute um Dich hast ist, wenn Freunde auch Deine Kinder von Dir fern halten 🙂

        …für’s nächste Mal (das hoffentlich nicht kommt!!)

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      2. Ja, das mit den Kindern stimmt natürlich. Und wenn ich sie in den Kindergarten gebe habe ich genauso ein schlechtes Gewissen. Aber die Kraft sie Zuhause zu behalten hatte ich auch nicht. Ich glaube, eine richtige Lösung für eine solche Situation gibt es nicht. Kinder die den Erreger bereits in sich tragen mag ich doch genauso wenig meinen Freundinnen geben. Und unsere Tagesmutter hatte auch noch drei eigene Kinder die dem dann ja auch noch zusätzlich ausgesetzt wären. Und die kleinen Kinder meiner Freundinnen.
        ich glaube, ich würde es tatsächlich beim nächsten Mal nicht anders machen, außer das sehr gerne jemand für mich einkaufen gehen kann. Aber ein nächstes Mal gibt es natürlich nicht (toi,toi,toi) Und die Salzstangen hab ich eh erst wieder gegessen, als es mir sowieso schon besser ging 🙂

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