Der Wind treibt uns zu schnell voran

Es stürmt nicht mehr.

Aber es ist auch nicht windstill. Wir treiben nicht im ruhigen Fahrwasser dahin.

Es flattert in den Segeln und der Wind treibt uns zu schnell voran.

IMG_9249Gestern habe ich diesen Beitrag von Ute (Ahoikinder) gelesen und mich zurück versetzt gefühlt. Und das mit nur zwei Kindern. Ständig stürmte es. Kein böser Sturm, aber einer der herumwirbelt. Einer, vor dem man manchmal Schutz suchen musste. Anstrengung, Kräfte zehrend, Wogen, die sehr emotional waren. Kann ich dem Sturm trotzen? Kann ich alles schaffen, obwohl es ständig schaukelt – ich und meine Kinder auch? Kann ich allen gerecht werden und das Boot trotzdem noch in die richtige Richtung lenken? Manchmal fuhr man in kleine sichere Häfen. Aber man wusste, es geht weiter. Der Sturm würde zurück kommen. Einen an manchen Tagen regelrecht umhauen. Wie soll man das schaffen, alle zu halten, jede Wut zu verstehen, wenig zu schlafen, alle zu tragen, das Gepäck zu schützen. Drei (oder in meinem Fall ja nur zwei) kleine Kinder die 24 Stunden da sind. Die Ansprüche haben. Die durch diesen Sturm trudeln, der sich Leben nennt. Die alles sehen, begreifen und lernen wollen. Aber nur eine Mutter, die alle halten, alles erklären, alle trösten muss. Die für alle genügend Essen, genügend Ersatzkleidung, genügend Arme und genügend Geduld haben muss. Stürme tragen einen gut voran. Und sie gehen vorbei. Sie kommen aber auch zurück. Ich glaube, wir lernen immer besser mit ihnen umzugehen. Wir lernen aus Erfahrung. Und auf einmal können wir alles tragen, alles organisieren, alles managen. Wenn wir Zeit hatten uns an die neue Situation zu gewöhnen.

Und nachdem ich den Artikel zu Ende gelesen habe denke ich: Wo ist unser Sturm eigentlich geblieben? Und eigentlich habe ich gerne über solche Tage geschrieben, zum Beispiel das erste mal mit Emil und Ida im Schwimmbad , oder die vielen Wutausbrüche von Emil. Wie lang mir manche Tage vorkamen, wieviel ich getragen, geschoben und essen verteilt habe, mehrmals am Tag Kinder umgezogen, wenn sie in Pfützen fielen, Kinder getröstet habe, schlafend auf dem Rücken durch den Wald geschleppt habe. Ist der Sturm wirklich vorbei oder habe ich mich an ihn gewöhnt?

Nein, hier herrscht kein Sturm mehr. Oder meine Matrosen sind selbständiger geworden. Morgens alleine die Schuhe an, die Jacken. Alleine duschen, alleine spielen, alleine Fahrrad fahren. Allein schaukeln, allein irgendwo rauf- und wieder herunter klettern. Kann man den Sturm vermissen, wo er doch so Kräfte zehrend war? Hat mich der Sturm nicht auch das ein oder andere mal in die Knie gezwungen und zum weinen gebracht? Mir manchmal gezeigt: ja, siehst du, du kannst auch nicht alles schaffen!

Der Sturm ist weg. Vielleicht sammelt er sich nur irgendwo. Vielleicht lässt er uns ein bisschen Zeit neu zusammen zu finden. Nicht, weil wir auseinander geraten waren, sondern weil wir uns verändert haben. Die Familienkonstellation, jeden Tag. Ein schleichender Prozess. Aber wir sind nicht mehr dieselben wie noch vor ein paar Monaten. Wir sind aneinander gewachsen. Wir haben neue Stärken entdeckt. Die Kinder sind nicht mehr zwei sondern drei, nicht mehr vier sondern fünf. Sie wollen nicht mehr behandelt werden wir vor ein paar Monaten. Sie wollen andere Dinge sehen, lernen, begreifen. Sie wollen zeigen was sie schon können. Sie testen ihre Grenzen gerade woanders aus. Kann ich schon auf diesen Baum klettern? Traue ich mich mit dem Laufrad den Hügel hinab? Traue ich mich vom Beckenrand zu springen?

Unser Fahrwasser ist nicht ruhig geworden. Es flattert in den Segeln, der Wind treibt uns voran. Ich finde zu schnell. Er trägt uns und unser Leben vor sich her. Jagd uns vorwärts. Wie lang kamen mir manchmal die Tage vor, wenn die Kinder müde waren, nur an meinem Bein hingen und getragen werden wollten. Jetzt rast die Zeit einfach los. Die Tage, die Wochen. Die Kinder steuern das Boot weitgehend mit. Sie haben eine Vorstellung von der Richtung. Sie wollen vorwärts, noch mehr sehen, noch mehr entdecken, noch mehr lernen. Und ich würde das Boot so gerne anhalten. Einfach mal den Anker werfen. Und einen Moment innehalten. So, wie es gerade ist. Denn morgen können sie noch mehr. laufen sie noch schneller, noch eigenständiger.

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3 thoughts

  1. Du hast ja so recht, liebe Miriam! Auch bei uns hatte sich der Sturm mit meinen zwei großen Jungs (6 und 3) schon gelegt, und das Baby pustet wieder jede Menge Wind in die Segel und lässt die Wellen manchmal hoch schlagen. Danke für den Text. Denn, das stimmt ja wohl auch: Der Wind wird auch uns viel zu bald viel zu schnell wieder vorantreiben …

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