Zwischen wollen und tun

Die Welt ist kein Paralleluniversum. Leider. Man wünscht sich mehr als 24 Stunden, dann würde man alles schaffen, alles sehen, alles genießen, alles entdecken können. Es gibt aber nur 24. Davon schlafen wir acht. Wenn es gut läuft. Kinder sogar zehn oder mehr. Was bleibt muss man nutzen. Wir wissen das. Aber Kinder auch? Ihnen fehlt das Zeitgefühl und auch die Kunst Prioritäten bewusst zu setzen. Warum auch. Im hier und jetzt ist es doch sowieso am schönsten? Zumindest wenn man die Entscheidungsfreiheit hat.

Am Weiher halten die Kinder nach dem Reiher Ausschau. Wir haben ihn Cord genannt – nach Opa. Meistens steht er reglos im Schilf, wartet auf Fische, bewegt sich ganz fragil. Heute ist er nicht zu sehen. Leichte Regentropfen fallen auf unsere Jacken. Vier Gänse schwimmen nahezu synchron vorbei. Wenden ihre langen Hälse. Suchen nach kurzem Blickkontakt. Machen dann kehrt. Im Schilf sitzen die flügge werdenden Küken. Sie haben noch ganz flaumige Federn. „Die male ich gleich,“ sagt Emil. „Alles male ich. Den Reiher, die Enten, die Gänse. Dann schneide ich es aus und klebe es auf ein Bild mit einem See.“ Ida beugt sich über das Geländer des Stegs. „Ich male eine Schildkröte,“ sagt sie. „Die klebe ich auch auf.“ Die Enten klettern die Böschung hoch, die Kinder mit den Gummistiefeln ins flache Uferwasser. Sie sind sich sehr Nahe. Die Kinder bewegen sich ebenso achtsam wie die Tiere. Als wüssten sie um das fragile Band zwischen ihnen. Ein Schritt zu viel und die Enten würden zurück ins Wasser springen. Eine Hand zu Nahe, und die Gänse würden zuschnappen. Aber sie bewegen sich parallel und vorsichtig. Auf beiden Seiten.

Nach einer Stunde stellen wir uns unter einen Baum. Der Regen prasselt auf den Weiher. „Solche Kreise male ich auch,“ sagt Emil. „Dann sieht man das es auch auf meinem Bild regnet.“ Ida sagt sie wird auch Kreise malen. Sie hält Emils Hand. Manchmal machen sie das ganz unbewusst. Wir halten uns unsere Jacken über den Kopf. Ida kriecht unter das schützende Dach des Kinderwagens. Ich sage, wir könnten heute noch selber Brötchen backen. Die Kinder rufen juchuh!

IMG_6012Im Supermarkt treffen wir Freunde. Aus ein mal nur Quark holen wird eine längere Geschichte. Ida kann jetzt Roller fahren. Sie fährt sehr langsam und mit bedacht. Wie alles was sie tut. So hat sie auch laufen gelernt. Immer ganz langsam. Immer alles ausbalancierend. Ich kann mich kaum an Stürze von ihr erinnern. Als wir den Teig kneten ist es achtzehn Uhr. Die Kinder wollen vor dem Ofen warten. Und die fertigen Brötchen essen. Sie wollen ein Foto-Buch angucken wo sie noch klein sind. Dann eines von unserer Zeit in Kanada. Dann die anderen Reisen. „Jetzt aber Zähne putzen,“ sage ich. Emil und Ida sehen mich überrascht an. „Wir haben noch nicht die ganzen Tiere gemalt und ausgeschnitten. Und aufgeklebt.“  Völlig naiv sage ich: „Machen wir morgen.“Aber man kann Dinge nicht auf morgen verschieben, die man für heute vorgesehen hatte. Man kann nicht verstehen, dass irgendeine Art von vorgeschriebener Zeit fortgeschritten ist, die uns sagt, bis hierhin und nicht weiter. Jetzt wird geschlafen. Jetzt seid ihr müde.Emil hat Tränen in den Augen: „Du hast gesagt, wir malen und basteln heute noch.“

Die beiden tragen Stifte aus dem Arbeitszimmer in Idas Zimmer. Soll ich sie bremsen? Soll ich ihnen erklären, so ist das Leben eben. Der Tag hat nur eine bestimmte Anzahl verfügbarer Stunden? Soll ich sagen: Ja, hättet ihr nicht so lange die Enten angeguckt, dann,…. Oder hättet ihr nicht den Brötchen beim backen zugesehen, dann…. Überlegt euch, was ihr wollt. Das ist eure vorgegebene Zahl an Stunden, wie ihr sie füllt müsst ihr euch selber überlegen. Wenn die Stunden voll sind sind sie voll.

Sie sitzen am Tisch und malen Schildkröten. Nein, ich bremse sie nicht. Sie malen bis kurz vor 21 Uhr.

Am morgen wacht Emil zeitgleich mit Paul um sechs auf. Ich höre die beiden in der Küche. Ida liegt neben mir und schläft tief und fest. Als ich eine halbe Stunde später aufstehe sitzt Emil auf dem Sofa mit Kopfhörern und sieht die „Sendung mit der Maus“ App. „Ich bin jetzt wach,“ sage ich. Emil nickt. Vor unserem Haus fahren die ersten LKWs vor. Unsere Strasse scheint absolut prädestiniert für Filmdrehs zu sein. Vielleicht weil sie so schön ist. Vielleicht auch, weil es eine Einbahnstrasse ist die selten genutzt wird. Die Filmcrew baut Scheinwerfer am Nebenhaus auf, der Wagen mit dem Catering versorgt die ersten Menschen. „Guck doch mal, Emil,“ sage ich. Emil nickt nur.

Später sitzen Ida und ich in der Küche auf der Fensterbank und sehen dem Treiben am Set zu. Ida staunt. Sie kommentiert wer gerade etwas isst, wer einen Scheinwerfer hält und wer ein Polizist ist. „Das sind keine echten Polizisten,“ sage ich. „Die haben sich nur verkleidet.“ Emil sieht hoch und sagt: „Ich will auch die Polizisten sehen.“ Er kommt zum Fenster und wird wütend. „Das ist alles schon aufgebaut! ich wollte sehen wie die das aufbauen!“ Ich sage, ich hätte ihm Bescheid gesagt. Aber er hätte die Maus App gesehen. Emil ist hin und hergerissen. Und wütend. Ich merke, dass er enttäuscht über sich selbst ist. Das er hätte eine Entscheidung treffen müssen. Das er sich für das eine entschieden hat, dadurch aber das andere ohne ihn weiterlief. Jetzt würde er das gerne rückgängig machen. Aber das geht nicht. Und weil er das weiß frustriert es ihn. Er weint und läuft vom Fenster weg. Er weiß nicht wohin mit seiner Frustration und verpackt sie in Wut. Er ist wütend auf mich. Und auf Ida. Und auf das Filmteam, das ohne sein Beisein schon aufgebaut hat.

Wir wissen schon lange dass wir uns täglich, stündlich für etwas entscheiden müssen und damit Alternativen ungenutzt lassen. Wir wissen, dass wir Prioritäten setzen müssen und das Leben stetig weiter läuft. Wir wissen, wie es ist, Dinge zu verpassen und wir haben gelernt damit umzugehen. Das Gefühl, das wir nicht alles haben, nicht alles gleichzeitig sehen können. Erfahren können. Unsere Kinder nicht. Sie wollen das eine und das andere auch noch. Sie wollen, dass die Welt auf sie wartet. Damit sie genug Zeit haben alles zu sehen, zu erfahren, zu begreifen. Und die Erkenntnis, dass das nicht möglich ist ist frustrierend. genauso wie die Erkenntnis dass man keinen Schuldigen findet, nur sich selbst. Entscheidungen treffen und sich damit bewusst gegen Alternativen entscheiden kann schwer sein. Manchmal klappt es, wie beim malen, manchmal klappt es nicht. Weil die äußeren Umstände einen Fortgang einfach nicht verhindern können. Das Filmset ist aufgebaut und ich kann sie wohl kaum darum bitten es für meinen fünfjährigen Sohn doch bitte noch mal ab- und wieder von vorne aufzubauen.

Wir ziehen unsere Jacken über und schlendern übers Set. Emil freut sich. Er sagt jedem „Hallo“ und alle freuen sich mit. Er darf in alle LKWs sehen und beim Catering zugucken. Er ist wieder im jetzt angekommen. Bis die nächste Entscheidung bevorsteht. Und für kleine Menschen die fünf sind kann das ganz schön anstrengend und frustrierend sein.

 

 

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