Aufwiedersehen digitale Medien, ich habe Urlaub!

Alles ging damit los, dass die ursprüngliche Ordnung in unserem Bus mit jedem Kilometer mehr zu Nichte ging. Es wurde umgepackt. Es wurde Nachts alles aufgebaut, Betten, Decken, dreckige Kleidung irgendwo hingeworfen. Es wurde morgens wieder aufgeräumt. Wir entdeckten neue Staumöglichkeiten, räumten lange Pullover und Hosen nach ganz hinten, sammelten Wäsche. Trockneten immer und überall nasse Handtücher. Kauften ein. Sammelten Gläser mit Steinen und bunten Scherben, die die Kinder am Strand gefunden haben. Und dabei, ja, bei all diesem Leben auf kleinstem Raum verschwand eines Tages mein Handy. Erst habe ich es noch gesucht. Dann hab ich mich morgens manchmal gefragt wie spät es sei könnte. Das Handy war meine einzige Uhrzeit. Aber es blieb verschwunden. Nach zwei Tagen hatte ich es vergessen. Ja ja, ich wollte ja auch bei Instagram aktiv sein. Aber mein Display besteht nur noch aus Rissen im Glas. Texte tippen geht eh nicht mehr. Und wem bin ich denn verpflichtet? Außer hin und wieder WhatsApp Bilder an meine Mama zu schicken. Ich vergaß das Handy. Nicht weil ich es vergessen wollte. Sondern weil ich es nicht vermisst habe. Schon ganz schnell nicht mehr. Genau wie damals in Kanada. Alle reden davon wie schwer es sei sich aus den sozialen Medien zu befreien. Mir ging das nicht so. Manchmal hatte ich Angst es könne plötzlich wieder auftauchen. Und die Verpflichtung die damit einhergeht. Alle eingehenden Nachrichten lesen, beantworten. Ich wollte das nicht.

Ich hatte ja noch mein Mac Book. Aber außer über den Anschlag in Nizza habe ich es nicht zum lesen genutzt. Paul kann nicht ohne stetigen Informationsfluss. Paul weiß immer alles. Versteht alle Zusammenhänge, hat zu allem eine Meinung. Ich weiß, dass ich anders bin. Ich weiß, was in der Welt passiert, aber ich selektiere stark. Ich lese nur was mich interessiert. Ich habe keine Ahnung von Wirtschaft. Und den Sportteil lese ich auch nie. Dann ging das Internet wieder lange Zeit nicht. Es hat mir nicht gefehlt.

IMG_2605Wir fuhren von Savona nach San Remo. Nur 40 Minuten von Nizza entfernt. Viele Menschen erzählen uns, dass sie auf dem Fest in Nizza waren und eher aufgebrochen sind. Die Stimmung ist still, als läge sich für einen kurzen Moment ein durchsichtiger Schleier über uns alle.

Am Meer donnern die Wellen. Wir können die Kinder nicht alleine ans Wasser lassen. Es macht nichts. Sie suchen sich immer neue Ziele und Träume. Wie wir. Manchmal reden Paul und ich davon ein eigenes Haus zu haben. In den schönsten Farben malen wir es uns aus, mit Tieren, einer Streuobstwiese. Dann träumen wir von unserem Auswandern nach Kanada. Dann träumen wir von einer Weltreise. Dann träumen wir von diesem und jenen. Was nicht wahr wird, wird einfach durch einen neuen Traum ersetzt. So machen die Kinder es auch. Sie rufen und jubeln und wollen unbedingt an den Strand. Wenn das nicht geht jubeln sie, sie wollen Steine sammeln, Fahrrad fahren, auf Bäume klettern. Sie begeistern sich sehr und immer für etwas Neues. Sie sind nicht nachtragend und nur sehr kurz enttäuscht. In ihren Köpfen ist so viel Platz für Neues.

Sie gehen nie vor 22 Uhr ins Bett. Sie essen Melone, dessen Saft ihre nackten Bäuche herunter rinnt. Sie bewegen sich frei. Wir sehen sie oft lange nicht. Diese Freiheit schenkt ihnen ein ganz neues Selbstbewusstsein. Wir schenken ihnen Vertrauen in einem solche Maße wie wir es in Hamburg nicht gewährleisten können.

Wir schaffen Kindheisterinnerungen. Der Geruch nach Rosmarin und Basilikum, der den Bus erfüllt. Das morgendliche beieinander liegen bei geöffneter Bus Tür. Wir beobachten herumstreunende Katzen. Im Schatten der Palmen und Ekalyptusbäume hängt die Hängematte. Wir laufen barfuss. Und wir leben draußen.

Aber was ist mit den langen Autofahrten? Der Hitze? Der Langeweile wenn der Bus sich Stunde um Stunde die Berge der ligurischen Küste hochkämpft?

„Erinnerst du dich denn an die Fahrten als Kind?“ fragt meine Mutter mich später. „Nein,“ sage ich. „Ich erinnere mich nur an all die schönen Dinge“ Und mehr als drei Tage haben meine Eltern sich mit dem kleinen VW Bus damals und den drei kleinen Kindern bis Kroatien durchgekämpft. Ich erinnere mich nur an die wohltuende Hitze, das Meer, den Geruch von Spaghetti Bolognese, wenn meine Mutter in der Enge gekocht hat und an das Gefühl von tropfender Wassermelone auf nackter Haut.

Am letzten Tag in San Remo finde ich zwar nicht das Handy wieder aber das Internet geht und mich erreichen all die Mails die mich wieder in eine Verantwortung ziehen. Anfragen, Aufträge und eine dringende Bitte der „ZEIT“, ich möge ihnen unbedingt ein Foto in der Originalgröße zukommen lassen. Sie wollen es halbseitig in der nächsten Ausgabe drucken. Ich habe es zu spät gelesen. Der Druck ist schon raus. Und ich ärgere mich. Ich wünschte, ich würde von jetzt an ohne Internet weiter leben können. Aber wir sind keine Einsiedler, wir leben in einer digitalen Welt. Die uns mit Informationen füllt, meine Arbeit basiert darauf. Wie soll ich ohne Leben? Aber dann sitze ich wieder morgens davor und lese mich durch all die eingehenden Mails. Und denke mir, wie gerne würde ich das alles abschalten. Für ein Jahr vielleicht. Nie denken: Du musst aber noch all die Mails lesen und beantworten. Du kannst den Computer nicht für zwei oder drei Tage aus lassen. Du hast eine Verpflichtung. Du hast einen Job. Du bist selbständig. Und diese Verpflichtung verfolgt dich. Auch im Urlaub.

Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich das nächste mal mein Handy verliere!

 

 

 

 

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