Woran wir uns erinnern

IMG_4682Passen Menschen besonders gut zusammen, wenn sie ähnliche Kindheitserinnerungen haben? Haben wir das Bedürfnis, unseren Kindern etwas zu schenken, was wir selbst einst erlebt haben?

Wenn Paul und ich von Kindheit sprechen fallen sehr häufig die Wörter „Wald“, „Wiese“ und „Freiheit“. Wir erinnern uns an Bäume auf die wir geklettert sind, an Seen in denen unsere nackten Füße Abkühlung fanden, an das Streicheln von Tieren, an Momente der Stille, wenn man inmitten einer großen Wiese lag und in den Himmel gesehen hat. Wir erinnern uns an blaue Himmel und klare Flüsse, in die wir Steine geschmissen haben. Wir können beide schnitzen und wir lieben es Feuer zu machen.

Unsere Kinder kennen meine Kindheit. Sie laufen durch dasselbe große Reetdachhaus, durch das ich schon lief. Sie stapeln Holz in dem Garten am Waldrand in dem meine Brüder schon Holz stapelten. Sie laufen in den Wald meiner Kindheit, streicheln die Katzen meiner Kindheit, fangen die Fische im selben See und rudern über denselben Fluss.

Aber Pauls Kindheit kannten sie nicht. Bis zu dem Tag an dem wir uns endlich auf den Weg in die Schweiz machten.

IMG_4540IMG_4725IMG_4860IMG_4863Woran erinnern wir uns, wenn wir an unsere Kindheit denken? An das Schöne. An Weihnachten, an Schnee, an liebende Menschen und Geborgenheit. An Wiesen die nach Heu duften. Und Paul an Berge. Massive Berge, sanfte Hügel die sich daran hochziehen. Murmeltiere, sehr kaltes Quellwasser. An den Rhein, noch schmal, sprudelnd, umgeben von riesigen Steinen. Und an Freiheit.

Die Kinder stehen vor dem weißen Haus mit den dunklen Fenstern. Ganz still ist es hier. Das Dorf fasst nur ein paar Häuser. Links und rechts der Straße. Dahinter: Pauls Kindheit. Wiesen, Felsen, Murmeltiere.

Aber das Haus gehört längst jemand anderem. Und wir stehen davor und sind irgendwo „Zuhause“, wo längst keiner mehr Zuhause ist. Und nur einer von uns trägt all diese Erinnerungen in sich.

Die Kinder beobachten die Murmeltiere und gießen liebevoll einen schon gefährlich trockenen Regenwurm. Das Gras kitzelt an den Füßen. Jetzt sind wir hier und doch so gar nicht Zuhause. Wir schließen diese Tür nicht auf und lassen unsere Kinder nicht wirklich ein in diese Welt von Paul. Wir stehen davor und dahinter, setzen uns auf eine Bank, die Paul damals mit seinem Vater gebaut hat. So viel persönliches. So viele Erinnerungen. Und jetzt steht man da, vor verschlossener Tür. Jemand anderes füllt dieses Haus schon längst mit seinen eigenen Erinnerungen. Die Orte seiner Kindheit abzugeben, wo man doch selber Kinder hat, mit denen man sich wünscht sie zu teilen, fühlt sich bedrückend an.

Wir fahren hoch auf den Berg und sehen auf das kleine einsame Dorf hinunter. Wie gut man hier Schlitten fahren konnte, erzählt Paul. Und von Bergziegen, von Steinböcken und eiskalten Wintern. Von heißen Sommern und dem Mähen mit der Sense. Emil hört aufmerksam zu. Emil liebt Geschichten von früher. Egal wen er trifft. Immer bittet er die Leute etwas aus ihrer Kindheit zu erzählen. Ida pflückt Blumen. Es duftet nach Heu und Wald. Wir verbinden mit unserer Kindheit ganz andere Regionen, andere Länder, andere Gegebenheiten – und doch dasselbe Gefühl. Etwas, das wir unseren Kindern so viel wie möglich vermitteln wollen, auch in der Großstadt.

Paul könnte hier leben. Ich nicht. Das unterscheidet uns. Ich brauche Platz, und das Meer. Und die Engstirnigkeit der Menschen bedrückt mich. Aber die Sehnsucht nach Platz, nach Freiheit, nach Wiesen, Wäldern und Tieren die bleibt. Immer irgendwo. Auch bei Menschen wie uns, die ganz bewusst in der Stadt leben. Mitten in der Stadt. Die einen hohen Preis dafür zahlen. Die ständig sagen, wir würden niemals raus ziehen.

In uns existiert noch das Bild unserer Kindheit. Vielleicht passt es nicht mehr ganz zu uns. Aber ein bisschen Sehnsucht hinterlässt es. Nach einer Welt jenseits der Stadt. Aber auch jenseits der gepflegten Vorgärten und Reihenhäuser. Ein bisschen wilder, und einsamer und natürlicher.

„Aber wir haben doch so ein Haus,“ sagt Emil eines morgens. „Wir haben doch so ein Haus in Kanada. Und dahin kehren wir doch immer zurück.“

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