Savona – nicht schön aber innig

Wir sitzen ein letztes Mal auf dem Platz in Levanto und fragen uns, ob wir aufbrechen sollen oder nicht. Kann es irgendwo noch schöner sein? Müssen wir nicht bleiben, jetzt, wo wir denken etwas für uns perfektes gefunden zu haben?

Aber war das Ziel nicht zu reisen? Und mehr zu sehen? Oder fühlen wir uns durch unsere Zielsetzung unter Druck gesetzt?

Wir sitzen am Abend vor dem Bus und liegen ein wenig in der Hängematte. Ja, wir werden weiter fahren. Weil wir das perfekte gefunden haben heißt nicht, dass es nicht noch andere wunderbare orte gibt, die wir entdecken könnten. Wir sind unvorbereitet wie immer. Wollten wir nicht ursprünglich mal in die Toskana? Aberdas war, bevor wir stundenlang durch die Cinque Terre gekurvt sind, immer weiter in die falsche Richtung. Immer weiter in die Berge ohne Aussicht auf Wendemöglichkeit. Die Strecke zurück? Niemals.

Also weiter. Richtung Genua. Genua, klingt doch nett, liegt an der Küste. Kann eine Stadt an der italienischen Küste denn nicht schön sein? Das Navi prophezeit uns zwei Stunden Fahrt. Dann sind wir vor dem Mittag da. Und schon wieder im Meer. Das klingt doch vielversprechend.

Es sind knapp 35 Grad im Schatten. Die Ventilatoren laufen auch bei der Fahrt. Sie retten aber auch nicht viel. Das Navi im Bus funktioniert nicht. Wir hätten es updaten müssen für Italien. Macht ja nichts. Wir können ja auch mit Pauls Iphone navigieren. Wenn das klappen würde. Aber Genua ist ja ausgeschildert. Nach den prphezeiten zwei Stunden sind wir in Genua. Die Stadt ist größer als vermutet. Wir fahren und fahren und fahren. Hätten wir uns vorher mal Gednken machen sollen wo genau wir eigentlich hin wollen? Aber bisher haben die Dinge sich ja immer irgendwie von selbst gefunden. Das Navi spinnt. Ständig sagt es rerouting. Das Internet ist so langsam wie in den 90er Jahren. Paul ist ein bisschen genervt. Ich glaube, er hatte erwartet, ich würde ihm jetzt sagen, wo genau wir hin wollen. Ich weiß es aber nicht. Die Stadt ist riesig. Nach einer Stunde starte ich das Iphone mal neu. Ah, jetzt geht es. Die Kinder haben Durst. In Genua können wir nirgendwo anhalten. Der Bus passt in keine Parklücke. Haben wir anfangs noch jedes mal brav gehalten, wenn ich etwas aus dem Kühlschran geholt habe, sind wir jetzt schon längst dazu übergaben auch bei der Fahrt durch den Bus zu marschieren. Irgendwie finde ich keine andere Lösung. Die Kinder sind schon ein bisschen überhitzt.

Vier Stunden unterwegs. Das Navi leitet uns ständig falsch. Wer zur Hölle hat uns diesen Bus ohne Klimaanlage verkauft??? Ich traue mich kaum Paul zu sagen, dass wir schon wieder falsch sind. Rerouting sagt das Handy. Rerouting. REROUTING! Ich kann das Wort nicht mehr hören. Wir fahren ungelogen 4 Mal von der selben Autobahn ab und wieder drauf. Jedes Mal wieder Maut zahlen. Paul kramt schon latent aggerssiv jedes Mal wieder nach dem Kleingeld. Ich glaube, ich sehe 8 Mal den Ikea von Genua. Pauls Laune kippt.

Fünf Stunden. Ich habe jetzt wirklich ein Ziel eingegeben aber das Navi hängt immer so 500 Meter zurück und sagt die Abzweigungen immer mit Zeitverzögerung an. Einmal falsche Ausfahrt und das Spiel geht wieder von vorne los. 35 Grad draussen, ca 42 Grad im Bus. Wieder Maut zahlen. Hitze, falsch fahren, maulende Kinder. Pauls Laune? Im Keller. „Scheiße, wir fahren jetzt ganz woanders hin! Ich hasse Genua!“

6 Stunden unterwegs. Wir versuchen ein anderes Ziel. San Remo. Nizza. Irgendetwas. Wir fahren noch mal falsch. Ich traue mich kaum noch das Wort „rerouting“ in den Mund zu nehmen. Paul ist massiv genervt, weil ich nicht alles so scheiße finde wie er. Dabei stimmt das gar nicht. Ich finde alles mindestes genauso scheiße wie er. Aber es nützt nichts wenn jetzt alle maulen und an allem herummotzen. Zwei Stunden bis San Remo.

Das letzte Verfahren kostet uns noch mal vierzig Minuten. Bei der Abfahrt ist ein Café. Wir fahren zu schnell an der Auffahrt vorbei. „Aber ich will Kaffee!“ sagt Paul. „Wir wollen Eis!“ sagen die Kinder. Paul versucht irgendwo zu wenden. Die Erleichterun ist ihm ins Gesicht geschrieben. Einmal aussteigen. Einmal neu starten. Aber die Strasse zum Cafe´entpuppt sich als Einbahnstrasse. Ich glaube, Paul würde jetzt gerne bis Hamburg durchfahren und den Urlaub ein für allemal abblasen.

8 Stunden Fahrt. Wir erreichen Savona. Das liegt noch vor San Remo. Und wir finden jetzt alles gut was mit Ankommen zu tun hat. Es ist 17:30 Uhr. Wir haben Hunger, sind verschwitzt. Die Kinder haben 8 Stunden still gesessen. Nicht ein einziges Mal haben wir angehalten. Nicht mal eine Raststätte haben wir gefunden. Der angepriesene Campingplatz in Savona ist der Hammer. Keine Schattenplätze, ein paar Plastikstühle stellen das angrenzende Restaurant dar, in den Waschhäusern nur Steh-Toiletten. Ida hat Angst das sie hinein fällt. Ich auch.

Aber dann passiert das, was wir schon auf unserem ersten Roadtrip durch Polen und unserem zweiten von New York nach Kanada festgestellt haben: Kinder sind nicht nachtragend was quälend lange Autofahrten betrifft. Sie quengeln mal, sie haben Hunger, Durst, Langeweile. Ihnen ist heiße, manchmal schlafen sie aus Langeweile ein, sind dann noch quengeliger. Aber so wie wir anhalten, und ihnen das Gefühl vermitteln: Wir sind da. Jetzt lauft, seit frei, erkundet alles! Dann laufen sie los und lachen. Ich erinnere mich an eine solche Horrorfahrt irgendwo in den USA. Und weil wir gar nichts gefunden haben, standen wir im Industriegebiet auf einem Parkplatz. „Yeah! Wir sind da!“ haben wir versucht verzückt zu rufen und die Kinder sind über den nächtlichen Parkplatz gerannt, als sei es das Paradies auf Erden.

Genauso ist es in Savona. Wir stehen mit Blick auf die Felsen zur Brandung. Eigentlich, sagen wir uns, ist es ja auch auf seine Art ganz schön hier. Wir essen draussen, der Himmel ist dunkel, es sieht nach Regen aus. Es fühlt sich schön an, auch mal wieder kühle Luft auf der Haut zu haben. Wir liegen lange auf unserem Bett bei geöffneter Tür und sehen auf die Felsen. „Hört sich schön an,“ sagt Emil. „Wenn die Wellen an die Felsen schlagen.“

Was wir in Savona gemacht haben? Wir haben versucht das beste aus der Situation zu machen. Und das hat besser geklappt als wir dachten. Wir haben die Dinge so genommen wie sie waren. Wir haben nicht gesagt: Wären wir mal in Levanto geblieben. Ja, vielleicht haben wir das gedacht. Aber als wir Abends auf den felsen saßen, und die Luft so angenehm kühl war, da haben wir auch gesagt, wie schön es ist. Die Umstände vielleicht nicht, die Anlage nicht, die Toiletten nicht. Aber hier zu sitzen ist schön. Steine zu werfen ist schön. Und sich Nahe zu sein ist schön.

 

 

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