Und gleich am Anfang kommt alles anders als geplant

 

Wir haben einen wirklich guten Plan! Wenn Paul morgens um sieben vom Nachtdienst kommt steigen wir alle direkt in den Bus und fahren los Richtung Harz. Dort wohnt mein Bruder mit seiner Familie. Die Kinder können da den ganzen Tag zusammen spielen, sind dann hundemüde, schlafen selbstverständlich im Bus und wir fahren bis nach München. Oder weiter!

Als Paul um sieben vom Nachtdienst kommt muss er nur noch schnell den Fahrradträger anbauen. Das sieht auch echt simpel aus auf der Anleitung. Und die Fahrräder dann drauf. Sieht auch echt simpel aus. Natürlich ist es das nicht – zumindest nicht, wenn man es noch nie zuvor gemacht hat und die ganze Nacht kein Auge zugetan hat. Und dann die Reisepässe. Ja, die braucht man eigentlich nicht, aber meine Eltern wurden gerade an der kroatischen Grenze abgewiesen. Weil meine Mama glatt ohne Perso losgefahren war. Das soll uns natürlich nicht passieren!

Um zehn suche ich immer noch. Ich hatte die doch aufs Klavier gelegt! Vielleicht doch schon im Bus? Wir räumen den ganzen Bus aus und um und suchen. Keine Pässe. Die Kinder toben über die Sitze. Die Stimmung kippt gerade.

Kurz nach zehn, die Reisepässe finde ich in Emils Hochbett. Unter der Decke. Natürlich hat NIEMAND die da hingeräumt. Jetzt schnell losfahren. Keine zehn Minuten später ruft mein Bruder an. Alle haben Magen Darm. Und jetzt?

Wir wollten ja flexibel sein in unserer Reiseplanung. Also setzen wir das um. Wir fahren bis nach Hannover und ich verbringe den Tag mit den Kindern am See. Die Sonne zeigt sich mal mehr mal weniger. Ich sitze da und sehe den Kindern zu die nackt herumplanschen. Ausser uns ist niemand hier. Sie suchen Steine und bauen eine Burg. Sie denken sich Geschichten aus, von riesigen Schlangen und versunkenen Schiffen. Paul schläft währenddessen ein bisschen im Bus. „Der Bus ist wie ein Schneckenhaus,“ hat Emil einmal gesagt. Das stimmt.

Gegen Abend finden wir eine Burgruine. Ich habe keine Ahnung wo wir sind. Ich sehe das Schild und folge ihm. So funktioniert reisen. Ziel und Strecke spielen keine Rolle. Emil klettert bis zu einem kleinen Bach runter. „Wenn noch kein Kind vor mir hier war, dann finde ich vielleicht noch Dinge, die die Ritter damals hierhin geworfen haben!“ Sein Zeitempfinden ist so naiv und entzückend zugleich. Wir halten mit dem Bus mitten in einer Blumenwiese. Ich schäle Äpfel und sehe den vorbei fliegenden Bienen zu. So still ist es. Ich liebe das.

Am Abend schaffen wir es bis nach Ulm. Ich kann nur sagen, glaubt niemals dem Falk Routenplaner! Die Fahrtstrecken die der berechnet sind utopisch. Wir stellen uns zwischen die LKWs auf einen Rastplatz. Wie winzig er ist, unser kleiner Bus. Und wir sind jetzt schon voller blauer Flecken. Ständig stösst man sich das Knie oder den Kopf. Die Laune trübt das nicht. Ich hebe die schlafenden Kinder aus ihren Sitzen und lege sie oben auf das Hochbett. „Oh,“ seufzt Emil. „Wie gemütlich wir es haben.“ Es ist nach Mitternacht. Paul und ich sitzen nebeneinander in unserem Bett und blicken auf die Autobahn hinaus. „Hier drin ist unser eigenes kleines Paradies,“ sagt Paul.

Am Morgen weckt uns die Sonne und die startenden LKWs. Schön ist es hier nicht, aber das spielt keine Rolle. Die Kinder sitzen im Bus auf dem Bett und essen Zimtröllchen. Ich höre sie kichern. Durch die Fenster sehen sie den LKWs zu. Es fühlt sich geborgen an. Nach einer ganz intensiven Zeit. Und nach dem Gefühl, Kindheitserinnerungen zu schaffen. Ida hat immer noch nicht verstanden was Urlaub ist. Die Definition ist ihr völlig unklar. Als wir am Vortag vom Altwarmbüchener See wieder aufgebrochen sind hat sie nach gut zwanzig Minuten im Bus auf einmal entsetzt gerufen“ Oh nein, wir haben unseren Urlaub vergessen!“

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Urlaub ist etwas Greifbares. So etwas wie Besitz. Wenn wir sagen, das alles ist unser Urlaub, dann deutet sie auf Schafe und Bäume und Berge und sagt: Das ist jetzt alles Urlaub. Die Schafe sind jetzt unser Urlaub!

Wir merken jetzt schon, dass wir einen anderen Alltag haben. Nicht, weil wir uns geografisch fortbewegen, sondern weil wir unsere Zeit mit einem anderen Wert füllen. Weil wir nicht abgelenkt sind. Sondern nur auf uns fokussiert. Und das auf kleinstem Raum.

Die Kinder träumen vom „Finkennest“, dem schönsten Hotel in Südtirol, in dem wir im letzten Frühling den Großfamilien Urlaub verbracht haben. Ich rufe dort an aber es gibt wahrscheinlich kein Zimmer mehr. Emil ist tief enttäuscht. Ich merke, dass er mit sich kämpft, er will nicht meckern, immer wieder betont er, dass wir im Urlaub nur lieb zueinander sein wollen. Aber es enttäuscht ihn so. Wenn Träume zerplatzen darf man enttäuscht sein. Wir sagen ihm das. Um ihn zu trösten besichtigen wir eine weitere Burgruine. „Die Welt ist voller Abenteuer,“ staunt Emil. „Überall wo wir sind kann man Abenteuer finden!“ Wie Recht er hat.

Der Baumarkt den wir besucht haben um noch einen Grill zu erstehen, die Raststätte auf der wir geschlafen haben, und die Blumenwiese gehören gleichermassen dazu wie die Burgruine. Abenteuer sidn nicht einfach da. Man muss sie sich auch ein wenig selbst erfinden. Dann sind sie meistens noch viel schöner als die offensichtlichen.

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