Denn gerade jetzt ist alles perfekt

IMG_9152Es liegt bestimmt am Sommer. An meinem Fahrrad, dass mich durch Hamburg trägt, mit warmer Sommerluft in den Haaren.

Es liegt bestimmt am bevorstehenden Urlaub, an unserem Bus, der uns so glücklich macht, an all den Tagen am Meer, die schon hinter uns liegen.

Es liegt bestimmt an all meinen Freunden und denen der Kinder. Es liegt bestimmt am Duft nach Waldboden.

An den reifenden Erdbeeren.

Am Juni? Am neuen Job von Paul?

Es liegt bestimmt an all den Aufträgen die ich habe, die mich glücklich stimmen. An dem guten Feedback. An meiner Lust zu arbeiten.

Aber eigentlich weiß ich auch, es liegt einfach nur und ausschließlich an ihnen. An Emil und Ida. Dass das Leben gerade jetzt so wunderbar ist.

Ich sehe ihnen zu wie sie lachen. Sich an den Händen halten. Wenn ich sie aus dem Kindergarten abhole und sehe, wie sie gemeinsam spielen. Wie Emil ihr auf die Schaukel hilft. Es liegt daran, wie sie mir morgens gemeinsam winken. Am Fenster stehend. Immer glücklich und nie zu lange, dann treibt sie die Neugierde von der Fensterbank. Dann starten sie gemeinsam ihren Tag.

Emil und Ida sind bezaubernd und liebenswert. Sie sind meine Kinder, was soll ich anderes sagen und behaupten? Aber gerade überkommt mich diese Schwerelosigkeit. Sie sind da und großartig. Ich möchte sie ständig greifen, hochheben, festhalten und ihnen das sagen. Ich tue es auch.

Manchmal schliefen sie schlecht und werden auch wieder schlecht schlafen. Manchmal maulen sie, ziehen ihre Schuhe nicht an, meckern am Essen, am falschen Geschirr und der falschen Sorte Nudeln. Manchmal stossen sie etwas um, wecken mich schrecklich früh, finden alles doof was ich sage.

Aber nicht jetzt.

IMG_9135

Der Sommer hat uns eines gebracht: Ruhe. Noch mehr Ruhe. Eine Ruhe die nichts mit Stille zu tun hat. Sondern mit der Kunst der Langsamkeit. Und der Gelassenheit. Ich tue Dinge langsamer. Ich gehe neben Ida. Ich passe meine Geschwindigkeit ihren kleinen Füßen an. Ich bleibe stehen, wenn sie stehen bleibt. Manchmal erreiche ich den Kindergarten um acht. Manchmal um halb neun. Manchmal um neun. Er ist auf der anderen Strassenseite.

Ich warte Dinge ab. Ich habe (endlich) gelernt wirklich zeitlos zu sein. Ich weiß, dass Paul Zuhause kocht. Aber ich sehe Emil auf einen Baum klettern. Ich sehe zu. Ich spüre Idas nackten Füße in meiner Hand. Ich rieche ihre frisch gewaschenen Haare. Ich stehe auf einer Brücke und sehe den Ruderbooten zu. Schwungvoll, gleichmässig, sehr nordisch, sehr hamburgisch. Ihre Paddel schlagen so kraftvoll und sanft ins Wasser. Ihre Boote gleiten unter den tiefhängenden Bäumen hindurch.

Den ganzen Tag arbeite ich wie unter Strom. Alles muss vor dem Urlaub fertig werden. Aber ab dem Moment wo ich aufs Rad steige und sie abhole, spielt Zeit keine Rolle mehr. Und ich habe das Gefühl, zum ersten Mal wirklich angekommen zu sein in dieser Zeitlosigkeit. Nicht, dass ich es nicht vorher oft genug probiert hätte. Und umgesetzt. Aber so oft hat es mich noch nervös gemacht. Heute nicht mehr.

Jetzt möchte ich die Zeit anhalten. Jetzt möchte ich, dass sie so bleiben. Emil so wissbegierig und voller Energie. Ida, die mir die Welt erklärt.

Ich liege im Garten in der Hängematte unter der alten Kiefer. Die muss weg, sie nimmt die Sonne. Aber die Kinder nutzen sie zum klettern. Emil und Ida sägen etwas aus einem Ast. Sie rufen mich nicht. Sie fordern keine Hilfe. Sie wollen keine Aufmerksamkeit. Sie machen ihrs. Ich lese. Ich sehe sie. Und höre ihre mir so vertrauten Stimmen. Ich bin so unglaublich frei, dass ich mich sehr danach sehne, sie sofort zu greifen, an mich zu ziehen. Ihnen zu danken und gleichzeitig ins Ohr zu wispern, bleibt bei mir. Braucht mich. Haltet mich, wenn ich euch nicht halte. Ich bin eure Mama. Der wichtigste Mensch in eurem Leben. Gebt mir nicht zu viele Freiheiten. Ich will euch noch ein kleines bisschen länger tragen, umsorgen, halten.

Ida klettert zu mir in die Hängematte. Ihr schwerer Kopf liegt auf meiner Brust. Sie erzählt mir, dass sie ein Baby im Bauch hat. Das sagt sie sehr ernst. Sie fragt, ob ich es stillen kann, wenn es raus kommt. Ich nicke. „Früher,“ sagt sie. „War ich mal in Papas Bauch. Und Emil in deinem.“ Ich sage, sie war auch bei mir im Bauch. „Nein,“ sagt sie. „Ich war bei Papa. Für beide ist bei dir kein Platz!“

Ich stehe im Park und halte meine Füße in den Weiher. Die Enten schwimmen um uns herum. Irgendwem habe ich gesagt, dass Emil seit fünf Jahren immer noch absolut Kursfrei sei (mal abgesehen von 8x Forscherkurs). Fünf Jahre ohne Verpflichtungen. Ohne Stress. Ohne Zeitplan. „Aber was sie alles lernen beim Sport!“ höre ich. Koordination. Konzentration. Teamfähigkeit. Und bei der Musik, Rhytmusgefühl, Instrumentenkunde. Was lernen sie denn hier? Im Leben? Was lernen sie denn in der Zeit in der die anderen ihre Kurse machen?

Zeit ist wertvoll. Und sie kommt nicht zurück. Sie fragt nicht nach Sinn oder Unsinn. Das müssen wir tun. Wir dürfen sie füllen. Und manchmal auch entleeren. Wir entscheiden das für uns. Aber auch für unsere Kinder.

Wir essen Pasta im Garten. Hinter, neben und auf den Balkonen über uns sind andere Menschen. Wir haben keinen Platz. Und wir haben wenig Zeit. Aber vielleicht ist es nur eine Frage der Relation. Die Zeit die wir haben gestalten wir frei und der Garten den wir haben bepflanzen und beleben wir wie den größten Park der Welt.

Es ist wichtig, nie zu vergessen, zu sehen was wir haben. Und nicht, was wir nicht haben.

Advertisements

3 thoughts

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s