Kinderreise – auseinander gehen um zusammenzuführen

Eines Tages laufen sie alleine unsere Kinder. Ohne unsere Hand als Stütze. Eines Tages essen sie alleine mit dem kleinen Löffel in den klebrigen Fingern. Eines Tages schlafen sie alleine bei Oma und Opa. Eines Tages klettern sie alleine bis ganz oben auf den Baum, fahren Fahrrad, bleiben alleine auf Kindergeburtstagen.

Eines Tages fahren sie alleine auf Kinderreise. Vielleicht nicht mit drei, vier oder fünf. Aber irgendwann. Emil durfte jetzt fahren. Möchte er das? Habe ich mich gefragt? Wie soll ich ihm die Möglichkeit einräumen abzusagen? Gebe ich ihm genug Chancen zu entscheiden? Läuft er nur mit?

22 Kinder fahren mit auf Kindergartenreise. Drei bleiben zurück. Unter anderem Ida. Auch bei ihr weiß ich nicht, wie sich entscheiden würde, hätten wir ihr die Entscheidung überlassen. Aber als Emil erfährt, dass er mit darf platzt er vor Stolz.

Weißt du, was das bedeutet, kleiner Emil? 4 Nächte werde och dich nicht ins Bett bringen. Vier mal wirst du morgens nicht in mein Bett kriechen, neben mir liegen, immer dichter, als würdest du am liebsten zurück in mich hinein kriechen. Fünf Tage werde ich dir nicht zuhören. Deine Geschichten in mich aufsaugen. Fünf Tage wirst du nicht einen Moment allein sein. Und nie die volle Aufmerksamkeit bekommen. Du wirst stürzen und dich mal streiten. Vielleicht wirst du dich einsam fühlen. Und ich? Ich werde fünf Tage ohne Dich sein. Kann ich das?

Wir stellen Emil nicht noch mal vor die Entscheidung. Wir diskutieren nicht und erzählen ihm nicht was es bedeutet fünf Tage nicht bei uns zu sein. Wir bestärken ihn in seiner Freude, aber wir betonen immer wieder, dass egal was ist: Wenn er es möchte, dann holen wir ihn ab. Egal wo, egal wann. Das gilt für immer im Leben. Emil nickt. „Ich weiß das,“ sagt er.

Ida und ich stehen mit gemischten Gefühlen am Bus. Die Sonne scheint. 22 Kinder, manche erst drei Jahre alt steigen in den Bus. Sie winken, lachen, versuchen Tränen zu unterdrücken. Aber sie werden so sehr getragen von der Aufregung, der Vorfreude. Ich glaube sie wissen, dass es auch eine Herausforderung ist. Eine, die man mit Stolz beenden wird. Wenn der Bus wieder einfährt.

Warum ich ihn fahren lasse? Warum fahren Kinder auf Kinderreise wenn sie so klein sind? Die Antwort darauf habe ich erst heute. In Emils Fach lag eine CD. „Bilder der Kinderreise“. Ich stecke die CD in den Rechner, die Katze schleicht um meine Beine, die Sonne blendet ein bisschen. Ich trinke Kaffe.

Auf 356 Bildern sehe ich eine Welt, die ich vermisse. Eine Welt, um die ich diese kleinen Menschen beneide. Einen riesigen alten Hof gesäumt von Schatten spendenden Bäumen. Morsche Gartenzäune, Sonne. Gesäumt von den alten Backstein Gebäuden ein Teich, knietief. Und darin Kinder. Immer nur Kinder. Spritzendes Wasser in der Sonne, kleine Ruderboote. Ein Steg auf dem die Kinder bäuchlings liegen und ins Wasser sehen. Kleine Hände die Frösche halten und frisches Gras für die Ziegen bringen. Ich sehe immer Kinder zusammen. Auf Bänken, im Gras, im Wasser, auf dem Schoß der Erzieherinnen, unter alten Holzbalken sitzend und den Regen beobachtend. Ich sehe Kinder auf Pferden und lachende Kinder im knietiefen Gras. Sie klettern auf Findlinge und tanzen barfuss.

„Was machen sie bloß den ganzen Tag?“ ´habe ich Paul einmal beim Abendessen gefragt. Jetzt weiß ich es. Sie machen Nichts. Und das ist einfach Alles für sie. Keiner bestimmt etwas. Keiner leitet sie an. Als ich Emil frage, was er gemacht hat, sagt er, er habe Sofia und Tilda vier mal mit dem Bollerwagen um den ganzen Hof gezogen. Gibt es keine schönere Beschäftigung?

Nichts tun ist wunderbar. Nichts tun müssen ist noch wunderbarer.

Am Freitag sprangen 22 Kinder aus dem Bus. Braun gebrannt, mit vielen blauen Flecken und zerschrammten Gesichtern. Ein Haufen Eltern stand mit bunten Luftballons bereit und applaudierte. Sie haben ihre Herausforderung nicht nur bestanden, sie sind daran gewachsen. Jeder einzelne. Aber noch mehr als Gruppe. Sie sind eins. Sie sind wie eine kleine Familie.

Emil sprang auf meinen Arm. Er hielt mich sehr, sehr fest. Dann sagte er: „Eigentlich wäre ich aber gerne noch länger geblieben.“

Kann man es ihm verdenken? Mehr Kinder Paradies ist wohl kaum möglich.

 

 

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11 thoughts

  1. Schön geschrieben 🙂 Mein Emil war auch mit 3 das erste Mal auf Kita-Reise und seitdem jedes Jahr wieder, bzw. jetzt seit einigen Jahren auf Klassenfahrt. Die Bilder, die wir später immer auf CD bekamen sahen aus als wären sie in Bullerbü aufgenommen worden….Einfach schön. Bald geht unser Jüngster auf seine zweite Kita-Reise und wir freuen uns mit ihm, auch wenn wir ihn jetzt schon schwer vermissen 😉

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    1. Schön, dass es bei euch auch so toll war! Mir war vorher gar nicht wo wirklich klar was das ganze bedeutet. Und wie wichtig das für die Gruppe auch ist. Der Umgang hat sich noch mal verändert und intensiviert. Ich finde das eine sehr gute Chance für Kinder. Unsere Nachbarin ist zwölf und sie sagt, sie hat die Kinderreise (im gleichen Kindergarten wie Emil) auch so sehr genossen. Und war in der Grundschule dann völlig entspannt als es um die erste Klassenfahrt ging. Liebe Grüße aus der Sonne!

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  2. Toller Bericht! Ich stehe trotzdem mit offenem Mund hier! 5 Tage Kita Reise? Das ist krass, und ich habe sowas noch nie gehört. Und ich bin Erzieherin….
    Bei uns gibt es eine Übernachtung aber nur für die Entlasskinder. Hmm, ich glaub dafür bin ich zu gluckig! Gut das wir diese Entscheidung nicht treffen müssen….

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    1. Es ist ein Kinderladen, also ein sehr kleiner Kindergarten und die machen die Reise jetzt seit über zwanzig Jahren immer auf denselben Hof. Und sie mussten noch NIE ein Kind auf Grund von Heimweh abholen lassen. Ich hab am Anfang auch erst mal geschluckt. Zwei Nächte hätten mir auch gereicht. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass wir es gemacht haben. es hat auch in Emil etwas verändert. Er ist noch viel aufmerksamer und rücksichtsvoller Ida gegenüber geworden. Er bietet ihr ständig Hilfe an. Er übernimmt unbewusst Verantwortung für die menschen und Kinder um sich herum. Das finde ich toll.

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    2. Ein toller Bericht. Und Saskia ich bin voll bei Dir. Bin auch Erzieherin und vieleicht sind wir so „gluckig“ weil wir die Realität hinter der Kindergartentür kennen;)
      Emil hat großes Glück mit seiner KiTa wie es scheint.

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      1. Das finden wir auch. Wir sind sehr, sehr glücklich mit Emils Kindergarten. Wir haben aber auch lange gesucht und haben hier in Hamburg natürlich auch eine wahnsinnig große Auswahl.

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  3. Das hast du so schön geschrieben! Ich muss schlucken, obwohl bei uns keine solche Reise ansteht, aber spüre täglich, wie die Kinder (5 und anderthalb) unabhängiger werden und ich sie „gehen lassen muss“
    Diese Freiheit, nichts zu tun und einfach Kind sein zu dürfen, ist ein so wertvolles Gut. Jeden Morgen bricht es mir das Herz, wenn ich die Kinder wecken und in die Betreuung schicken muss. Aber auch das gehört zu unserem Leben. Zum Ausgleich gibt es ganz viel Wald und Wiese, und Langeweile, die so kreativ ausgefüllt wird…und ja, wohl auch Kindergartenreisen, wenn sie angeboten werden.
    Glg Elli

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  4. Ich bin sehr gerührt von deinem Text. Mir kamen die Tränen, weil mir doch sehr bewusst wurde, wie kurz die Zeit noch ist in der wir unsere Kinder (7 1/2 & 4 J) noch so intensiv begleiten können.
    Und dann laufen doch viele Alltägliche Dinge so unbewusst weiter, und die Tage & Wochen verstreichen.
    Und man muss sich mit „Problemchen“ (die eigentlich gar keine sind, nur weil heut irgendwie Montag ist) in Mathe mit der Großen rumstreiten 😕

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  5. Das ist ein sehr schöner, unaufgeregter Artikel zu dem Thema. Ich erlebe grade den Wahnsinn einer hysterischen Whatsapp-Gruppe anlässlich der Klassenfahrt meines 2.Klässlers und da tat das grade gut.

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    1. Oh Gott! Hier war es wirklich auch im Vorfeld entspannt. Wahrscheinlich, weil viele Kinder schon zum zweiten oder sogar dritten mal mitgefahren sind und sehr entspannte Eltern hatten. Das hat alle in eine angenehme Ruhe versetzt. Ich würde es immer wieder machen! Für die Kinder war es toll!

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