Ostsee, Nordsee und zurück

„Wohin fahren wir“ fragen die Kinder. „Dorthin“ sagen wir und zeigen auf die Straße. Sie rufen „Juhu!“ Dorthin scheint ein gutes Ziel zu sein. Wir fahren Richtung Autobahn – eine Seite Stau, die andere nicht. Wir entscheiden klug. Wir haben kein ziel.

Die Kinder tanzen zur Dschungelbuch Musik. Sie rufen „Unser Bus! Unser Bus!“ Und wir fahren Dorthin. Dorthin ist immer da, wo die Straße verläuft. Welche auch immer.

Auf Höhe Scharbeutz beschließen wir, dass wir lange genug gefahren sind. Zeit spielt keine Rolle. Ankommen auch nicht. Mit dem Bus gibt es kein Ankommen mehr. Der Himmel wird grau, wir ziehen trotzdem zum Wasser runter. Eine Stunde Fahrt und eine andere Welt. Die Möwen ziehen ihre Kreise über uns. Im Schlick verfangen sich kleine Quallen. Niemand ist am Strand. Nur wir.

Kein Mal fragen sie, was wir jetzt machen. kein Mal fragen sie, wann wir weiter wollen. Oder was sie jetzt mal spielen könnten. Wir sitzen da und sehen ihn zu wie sie mit den Schaufeln im Schlick wühlen, alleine die Mole herauf klettern. Der Wind weht uns um die Ohren und beschert uns diese Stille Einsamkeit. Alle Strandkörbe sind abgeschottet. Wir essen ein Eis entgegen der Wetterlage.

Der Sandwichtoaster

Auf die Frage, was unbedingt mit in den Bus muss rufen die Kinder einstimmig „Der Sandwichtoaster!“ Dieses unhandliche gerät ist noch aus Pauls Studienzeit und schon zwei Mal mit umgezogen. Zu unmöglichen zeigen wird er mal aus der hintersten Ecke des Schrankes gezerrt und Toasts darin gebacken. Die Kinder lieben es. Dann verschwindet er wieder für Monate. Jetzt aber liegt er im Bus. Und wir finden nicht heraus wie unser Strom funktioniert. Die zwölf Watt Steckdosen retten uns nicht. Der freundliche Campingplatz Besitzer ist längst weg. Aber die Toasts und der Käse liegen bereit und die sehnsüchtigen Blicke der Kinder. Kalter Wind, warme Jacken, gemütlicher Bus – wie soll das jetzt romantisch zu Ende gehen ohne ein heißes Sandwich?

Emil und ich ziehen uns die Kapuzen über und stecken den Toaster in einen Jutebeutel. Leise schleichen wir uns zum Waschhause. Emil platzt vor Aufregung. Er soll Wache stehen während ich die Steckdose nutze, die eigentlich für den Fön vorgesehen ist. Mehrmals flitzt Emil ums Waschhaus um erleichtert und schwer atmend mitzuteilen, dass die Luft rein sei. Ich kann seine Aufregung regelrecht in der Luft knistern spüren. „Weißt du,“ flüstert er. „Da vorne waschen zwei Leute etwas ab. Ich flitze einfach mal an ihnen vorbei und tue so, als ob ich mich wohl fühle.“ Ich sehe seinen kleinen schnellen Beinen nach. Das Abenteuert ist manchmal so schrecklich Nahe.

Fehmarn

Das Wetter wird besser. Wir brechen auf nach Fehmarn. An einem einsamen Deich sehen die Kinder zu, wie ein Angler riesige Fische an Land zieht. Emil staunt. Er beobachtet das ganze mit sehr ambivalenten Gefühlen. Können Abenteuer und Tot so nah beieinander liegen?

Ida füttert Schafe. Ganz still ist es hier. Und warm. Und unten am Deich steht unser Bus und döst. Er wartet auf uns. Jetzt und hoffentlich für die ganzen nächsten Jahre. Die Kinder waschen Erdbeeren über dem winzigen Waschbecken und laufen zurück an den Strand. Wir sehen nicht auf die Uhr. Die Handys sind aus. Eine kleine schwarze Spinne beäugt neugierig unsere Krümel auf der Picknick Decke. Ansonsten passiert nichts. Und trotzdem irgendwie alles. Alles was unser Leben gerade aus macht.

An der Nordküste das gleiche Bild – Der Strand gehört uns alleine. Wir bauen einen Steinkreis und versuchen aus einiger Entfernung kleine Steine hinein zu werfen. Emil findet einen toten Krebs (der immer noch in meiner Tasche liegt) und eine Versteinerung. Im Bus liegen bereits überall Muscheln. Im Gras davor arbeitet Emil mit Feuersteinen. Ich lese ein Buch, Paul und Ida verfolgen die kleinen Häschen, die durch das halbhohe Gras huschen. Emil fragt mehrmals, ob wir den Bus jetzt wirklich behalten können. Ich nicke. „Dann werde ich später auch damit herum fahren. Und mit meinen Kindern. Sie sollen auch mal so etwas tolles sehen.“

Wir ziehen Abends über den Deich und an den Strand zurück. Es ist egal wann die Kinder schlafen. Und wann wir schlafen. Niemals fällt ein lautes Wort. Niemand beschwert sich über die Enge beim kochen. Oder wenn er auf eine Muschel unter dem kleinen Tisch tritt. Alles erscheint sonnig und richtig. Dieser Bus ist richtig. Für uns.

Wir bauen den Kindern ihr Bett und lassen sie noch aus den kleinen Fenstern heraus gucken. Sie blicken aufs Meer. Emil wartet auf Wale. Wir lassen ihn warten.

Zuhause ist wo die Oste fließt

Als Emil und Ida geboren sind hat man uns in Hamburg gesagt, die Rest der Nabelschnur schmeißt man in die Elbe. Das bringt Glück. Und öffnet einem das Tor zur Welt. Wir haben die kleinen schwarzen Reste aufgehoben und mit uns getragen bis wir die Oste erreicht haben. An einem warmen Tag haben wir sie in das klare Wasser geworfen. Emil durfte damals Idas schmeißen. Die Elbe ist groß und schön. Die Elbe ist das Tor zur Welt. Aber die Oste ist mein Zuhause. Die Oste ist klein, manchmal so klein, dass man sein Kanu tragen muss. Aber sie ist der Inbegriff der Natürlichkeit. Sie ist sanft und bietet Schutz. Sie ist der Fluss in dem meine Füße standen und auch die meiner Kinder. Und auf dem Weg von der Ostsee zur Nordsee lies es sich kaum vermeiden zurück zu kehren.

Die Oste ist schmal und bewachsen. Sie schlängelt sich durch Niedersachen bis in die Elbe. Sie kennt keinen Geraden, keine Grenzen, keine Regeln. Sie fließt.

An dem kleinen Sandstrand machen wir Halt. Niemand ist hier. Nur die Fliegen summen um die heißen Pferdekörper, das Gras steht hoch, die Kinder versuchen Wasserläufer mit ihren Keschern zu fangen. Drei oder vier Meter Strand. Dann windet sie sich wieder durch Büsche, und tiefhängende Bäume, entlang an Fliederbüschen und knorrigen Apfelbäumen. Vier Meter die für die Kinder das Paradies sind. Sie werfen Steine von der Brüstung der alten Wassermühle. Das Plätschern hallt in dem alten Gemäuer nach. Früher haben wir die Kanus hier zu Wasser gelassen oder an Land gezogen. Je nachdem wieder Wasserstand war. Heute sitze ich im Schatten der Bäume und sehe mich in meinen Kindern wieder.

Ida läuft barfuss. Sie hasst Insekten oder wenn ausersehen der Wind ein Blatt auf ihren kleinen Kopf weht. Aber barfuss laufen hasst sie nicht. Sie läuft über den Asphalt, das Holz der alten Brücke und den unebenen Waldboden. Ich weiß nicht wie sie das macht, aber sie beklagt sich nie.

Gegen Mittag brechen wir wieder auf. Es soll Gewitter geben und wir wollen noch das Meer erreichen. Wir ziehen ganz langsam durch abgelegene Dörfer. irgendwo gab es eine Umleitung, aber auch ohne die wäre die Strecke nicht breiter gewesen. In einem kleinen Dorfgraben sitzt eine Henne mit ihren Küken. Die kleinen versuchen sich den kleinen begrünten Hang hoch zu kämpfen. An der Scheune steht ein älterer Mann.

„Ihre Küken sind im Graben!“ ruft Paul. Er nickt freundlich. „Ich weiß, das machen die immer. Wollt ihr gucken? Fahrt doch mal auf den Hof!“

Unser Bus döste zwischen Kühen und Schweinen und Paul und Emil fahren Traktor. Wir kennen uns gar nicht und doch steht uns auf einmal dieser Hof offen. Wir erfahren, dass in einem der alten Trecker eine Bachstelze brütet („Deshalb nutze ich ihn nicht. Jeder nimmt Rücksicht auf den anderen.“) Ida streichelt die beiden Kälbchen. Menschen treffen sich dann, wenn man es nicht erwartet. Und das Leben spielt manchmal dann, wenn man auf der Reise ist und nicht am Ziel.

Nordsee

Die Nordsee zeigt sich stürmisch und die Flut hat das Wasser die steilen Steine hochgetrieben. Ich friere und die Kinder auch. Wir ziehen trotzdem weiter. Emil pflückt mir Blumen. In einem Teich schwimmen tote Karpfen. Wir verstecken uns und sehen zu, wie die Möwen sich herantrauen. Diesmal scheint es für die Kinder fern jeder Emotionalität. Fressen und gefressen werden.Der erste Regen prasselt auf unsere noch sommerlich warmen Köpfe.

Im Bus kochen wir in Etappen. Ida und ich machen den Salat, Paul und Emil die Pasta. Auf kleinstem Raum wird es uns nie zu eng aber ständig sehr innig. Die Kinder liegen ständig auf einem von uns. Ihre Körperlichkeit ist beruhigend. Sie nehmen sich das, was sie brauchen.

Am Abend schlägt der Regen heftig gegen die Scheiben. Aber in unseren Köpfen scheint irgendwie noch die Sonne. Weil einfach gerade alles so schön ist.

 

 

 

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4 thoughts

  1. ooh mein Gott… ist das schön.
    Habe lange nicht mehr bei dir gelesen und stolper über eine sagenhafte Welt, in die du mich wieder mitgenommen hast. Ich durfte dabei sein, in der Märchenwelt von 4 Menschen, die sich einen Traum aus Glück und Zufriedenheit gönnen (und erleben). Ich habe mein geliebtes Meer geschnuppert und der Sand vom Strand war in meinen Taschen, Ich hab ihn mitgenommen von einer Reise, die einfach unglaublich schön geschildert wurde / wird.
    Fantastisch, mir fehlen einfach die richtigen Worte, es sind Zeilen, die einen versinken lassen in eine wundervolle und glückliche Welt.
    Danke für diesen tollen Text und dass ich meine Füße am Strand spazieren lassen durfte.
    Vielen Dank für einige Momente des lächelns, in solchen Zeiten.
    HG Ede

    Gefällt 1 Person

  2. Ein wunderbarer Einblick in eure Abenteuerwelt! Danke dafür!
    Es ist so ein schöner OstePlatz!! Ich mag ihn auch so sehr!
    Lieben Gruß Nadine

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