Die Welt ist unser Garten

IMG_5102Meine Kinder sind es, die am frühen Abends mit Gummistiefeln im Weiher stehen und bunte Wassertropfen mit dem Kescher aufschütteln. Meine Kinder pflanzen Obst und Gemüse. Sie sammeln Insekten in kleinen Gläsern. Einmal die Woche verbringen sie einen Tag im Wald.

Aber meine Kinder sind es auch, die in der Großstadt aufwachsen. Die zwischen Autos Fahrradfahren lernen, denen komplette Stille nur aus Kanada bekannt ist, die wissen, wie man Bustickets kauft, an Tausend Ampeln stehen bleibt, die beim Klang der Krankenwagen Sirenen einschlafen und immer umgeben sind von Menschen.

Wir haben diese Entscheidung getroffen. Ganz bewusst. Wir hätten auch raus ziehen können. Aber wir wollten das nicht. Und wir wollen es auch immer noch nicht. Aber unser Garten ist begrenzt, und die kleinen Gummistiefel im Weiherpark werden manchmal etwas konsterniert beäugt.

Wie soll ich meinen Kindern die Natur zeigen, wie ich als Kind sie kannte? Die Stille, die Freiheit, und die absolute Beschäftigung aus sich selbst heraus?IMG_7070.jpg

Mein Vater hatte einen Pfiff, einen ganz besonderen. So hat er uns aus jedem Wald gelockt, wenn es Essen gab. Der Pfiff war die einzige Begrenzung in einem offenen Raum – in jedem Wald, auf jedem Feld, zwischen Maiskolben, dunklen Tannen und klaren Bächen.

Die Natur in den Vorstadtgärten, auf gepflegten Rasenflächen, mit Wassersprenkler und geschnittenen Hecken, die vermisse ich nicht. Die grillenden Nachbarn, die Lounge Möbel und Sommercoktails. Nach denen sehne ich mich nicht. Ich wünsche mir Freiheit. Und eine Form der Grenzenlosigkeit. Keine Zäune, keine Hecken, keine Vorschriften.

Kann nicht die ganze Welt unser Garten sein?

Ich möchte nicht mehr „halt“ rufen, ich möchte sie nicht bremsen. Ich wünsche mir dass sie mit nackten Füßen auf Bäume klettern, im Matsch stehen, Käfer über ihre kleinen Arme laufen lassen. Ich möchte, dass sie mit allen Sinnen erfahren. Das sie Dinge hören, oder gerade nicht hören, dass sie Gras riechen, und feuchte Erde. Das sie so mutig bleiben im Umgang mit der Natur und Respekt lernen.

Wenn wir den Garten dafür nicht haben? Dann müssen wir die Welt zu unserem Garten machen. Und das haben wir. Endlich. Wir haben den Bus gefunden, der uns alle warm hält und dennoch so winzig klein ist, dass er in jede Parklücke passt. Ja, wir stolpern übereinander, wir räumen und stoßen uns die Köpfe – aber wir lachen. In unserem Bus ist so ein winziger Mikrokosmos unseres Lebens entstanden, der eine ungemeine Innigkeit vermittelt. Wir sind uns nahe, weil es nicht anders geht und diese Nähe birgt so viel Ursprünglichkeit. Wir liegen bei Regen übereinander und sehen in den Wald. Wir beobachten Hasen und Rehe. Das Wasser plätschert in den Fluss. Die Kinder liegen auf meinem Rücken. Ich spüre sie atmen. Manchmal schlafen sie dort ein.

Sie waschen ihre nackten Füße im Fluss, sie klettern auf Bäume und sammeln Versteinerungen am Strand. Sie sehen die Flut kommen und wie die Ebbe das Wasser verschwinden lässt. Sie heben kleinen Wasserläufer zurück ins Wasser und zeigen den Krebsen den Weg. Sie laufen Barfuss durch den Wald und vergessen so schnell, welchen Konventionen sie sonst so unterliegen. Sie spielen nackt im Fluß und keschern nach winzigen Fischen. Und Abends sitzen mit dicken Strickjacken vor dem Bus und beobachten wie das Gewitter sich nähert.

Was wir uns gewünscht haben? – Einen Campingbus.

Was wir bekommen haben? Freiheit!

 

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2 thoughts

  1. Genau diese Fragen stelle ich mir auch oft. Vor allem seit unsere Große nun in der Schule ist, Freizeitveranstaltungen hat usw. Die Lösung bisher waren Ausflüge in die Natur und hoffentlich bald ein Garten.

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