Du schreibst ja gar nicht mehr! – Vier Menschen, vier Monate, vierundzwanzig Stunden am Tag

IMG_7559Am Ende des Jahres sagen wir uns, wie wir resümierend unser letztes Jahr genannt hätten. „Das Jahr der Kinder“ oder „Das Jahr der Kunst“. Das, was das ganze Jahr irgendwie getragen hat. Natürlich ist jedes Jahr das Jahr der Kinder. Aber daneben gibt es Dinge, die eine besondere Rolle gespielt haben. Vorausschauend sagen wir auch, was wir glauben, welche Rolle uns durch das kommende Jahr tragen wird. Ich war mir sicher, es würde ein Jahr des Schreibens werden. Paul war sich sicher, es würde ein Jahr der Karriere werden.

Vier Monate sind um. Manches hat sich bewahrheitet, anderes noch nicht. Wir sind in ein Jahr gestartet, das vor allem aus Zeitfenstern besteht. Und die erscheinen in diesem Jahr besonders kurz.

Ich bin jemand, der noch niemals von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub gelebt hat. Ich fordere die Einzigartigkeit jedes einzelnen Tages, ich suche sie, wenn sie sich versteckt, Ich habe keinen Alltag und ich finde nichts erdrückender als den Gedanken am Ende des Jahres zurück zu blicken und das Gefühl zu haben, die meisten Tage hätten sich gleich angefühlt. Nicht herausragend spektakulär, auch nie wirklich schlecht. Irgendwie alle gleich mal abgesehen von den Jahreszeiten.

Dieses Jahr frage ich mich andere Dinge, zum Beispiel ob wir einen Fernseher besitzen oder gar ein Wohnzimmer und wenn ja, dann frage ich mich, wann wir zuletzt darin gesessen haben? Manchmal frage ich mich, wer ist dieser Mann der hin und wieder unsere Wohnung betritt und dann so überschwänglich begrüßt wird und der neben mir im Bett liegt, aber morgens immer schon verschwunden ist, wenn die ersten Kinderfüße sich unter meine Decke mogeln. Der Abends so spät kommt, dass ich meistens schon schlafe, aber der mich jeden Tag anruft. Der so viele Träume mit mir teilt und momentan so oft den Satz sagt: Ab Juni wird alles wieder anders.

Die ersten Wochen habe ich das nicht gemerkt. Das Jahr des Schreibens wurde das Jahr des Fotografierens. Ich wollte alles gleichzeitig, aber ich habe gemerkt, dass das nicht klappt. Ich habe geschrieben, ich bin zu Lesungen gereist, ich habe fotografiert. Ich habe jeden Abend neben den Kindern geschlafen und bin um halb neun mit müdem Kopf wieder aufgestanden, habe Espresso getrunken und mich wieder ins Arbeitszimmer gesetzt. Ich habe manchmal Paul am Computer tippen gehört. Manchmal habe ich tagelang sein Gemurmel gehört über das „akute Abdomen“, ich bin jetzt medizinisch annähernd so geschult wie jemand im 8. Semester. Die ersten Wochen und Monate war ich ganz beschwingt. Das klappt alles. Man kann alles unter einen Hut kriegen. Wenn ich am frühen Nachmittag die Kinder abgeholt habe habe ich nie damit gehadert das ich in der Zeit noch etwas anderes hätte machen können. Ich habe nur genossen, aber Abends wurde ich langsam müde. Und Paul war nicht da.

IMG_7631Noch ein Vortrag, noch ein Poster, noch eine Habilitationsschrift. Noch ein Dienst, noch eine Vorlesung, noch eine Lehrprobe, noch ein kurzer Gang in die Pathologie, noch ein Professoren Treffen. Versus noch ein Fotoauftrag, noch eine Lesung, noch ein Kapitel schreiben, noch ein kurzer Gang zur Post um alles abzuschicken, noch ein Treffen mit der Foto Assistentin, noch eine Preisverleihung im Schauspielhaus, noch einmal wichtige Menschen treffen.

Noch ein Mal weniger schlafen als sonst, noch ein Mal Babysitterin organisieren, noch ein Mal telefonieren, noch ein Mal schminken, abschminken, weggehen, Kleider an und ausziehen, Kinder ins Bett bringen, am Wochenende alleine mit den Kindern in den Wald fahren. Aus einem noch ein Mal wurden Tausend. Vier Monate lang.

Paul arbeitet drei Wochenenden im Monat. Das letzte, an dem er Zuhause ist, arbeite ich. Noch drei Monate, haben wir gesagt, dann wird alles anders. Noch zwei, noch einen. Aber langsam merken wir, wie wenig tragbar dieses Konstrukt ist. Wir sind keine schlechten Eltern, wir wollen nur alles – alles schaffen und alles gleich gut. Aber wie soll das gehen, wenn Tage nur 24 Stunden haben?

Emil wünscht sich ein Hochbett. Ein riesiges, richtig hoch, so wie seine Freundin Greta eines hat. Ich bin auf einer Lesung, also hat Paul sich einen Tag freigenommen, sonst hätte er es nicht geschafft die Kinder abzuholen. Seit Monaten arbeitet er durch. Den freien Tag nutzt er um sich einen Sprinter zu leihen und das ganze Holz zu besorgen – für Emils Hochbett Traum. Der ganze Flur liegt voll. Aber kein Tag in Sicht an dem wir anfangen können zu bauen. Kein freies Wochenende mehr.

Wir meinen es gut, aber wir schaffen gar nicht es umzusetzen. Eine Woche später kommt Opa und fängt an zu bauen. An Pauls einzigem freien Tag. Sie schaffen Dreiviertel des Bettes. Emil platzt vor Stolz und Aufregung. Und jetzt? Kein weiterer freier Tag in Sicht. Emil schläft in Idas Zimmer mit seiner Matratze auf dem Fußboden. Zwischen Kartons und Möbeln, die wir aus seinem Zimmer ausgeräumt haben. Platz zum Spielen ist momentan keiner da. Die Kinder spielen im Garten.

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Ich glaube, wir schaffen eine Sache in all dem Chaos und den kleinen Zeitfenstern wirklich gut: wir schaffen es, dass die Kinder nicht merken was gerade passiert. So lange sie da sind plätschert das Leben mit all seiner Leichtigkeit: Wir pflanzen Tomaten, wir liegen lange in der Hängematte, wir lesen abends lange im Bett. Wir frühstücken morgens Kekse unter der Decke, wir fahren Fahrrad und verbringen die schönen Tage im Wald.

Das erinnert mich an eine so charakteristische Szene aus „Kill Bill“, in der zwei Frauen mit Schwertern in der Küche aufeinander los gehen. Ganz nach Tarantino Manier ist gleich klar: Die spielen nicht. Die wollen Blut sehen! Aber in dem Moment kommt das Kind aus der Schule und beide Mütter stecken die Schwerter hinter den Rücken und lächeln bezaubernd während sie fragen wie es in der Schule war.

Es ist überspitzt aber es ist das Leben – egal was um uns herum passiert, unsere Kinder wähnen wir in Sicherheit so lange wir können. Wir fangen sie auf und lassen ihr Leben weiter fließen wie sie es kennen.

Nur bei uns muss langsam ein Ende kommen. Und das Hochbett fertig gebaut werden. Sonst drehe ich in den nächsten Tagen durch.

 

 

 

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8 thoughts

  1. Ich kenne diese stressigen Zeiten zu gut, dabei ist es vermutlich nur halb so schlimm, wie bei Euch. Ich kann Dich gut verstehen. Irgendwann geht man auf dem Zahnfleisch. Ich hoffe, dass bei Euch Bald Besserung in Sicht ist. Alles Liebe! Nadine

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  2. The same here. Seit 3 Tagen schöpfen wir Luft. Und können es noch gar nicht richtig glauben. Seit 2 Wochen kann das Schulkind ihren Schreibtisch nicht nutzen. Er ist vollgestellt mit Zeug aus einem Schrank, der lackiert werden soll. Mal schauen wann das sein wird.

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  3. Toll geschrieben; das fasst den verteufelten Wettkauf mit der Zeit in passende Worte. Diese Nicht-Durchatmen-können ist wohl der ewige Teufel, den man mal an den Ohren ziehen sollte. Dieses ewige Gehetze von einem Ort, von einem Termin, von einer Verpflichtung zur nächsten kann einem ganz schön unter die Haut gehen. Verflixtes Hamsterrad. Toll ginde ich aber, wie ihr als Eltern trotz allem versucht, die Kinder daran unbeteiligt zu lassen und ihnen unbeschwerte, leichte Kindertage zu ermöglichen. Das finde ich persönlich nämlich das Schwierigste an der ganzen Spagatsituation. Weiter so, ihr schafft das, und wenn dann nach vielen Schweißtropfen auch das heiss ersehnte Hochbett steht, werdet ihr alle unso glücklicher sein. Viele Grüße unbekannterweise! Claudia

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  4. Puh! Das hört sich anstrengend an, ich kenne diese Zeiten! Manchmal frage mich, ob sich das alles lohnt und warum ich das Gefühl habe, dass ich die Einzige bin, bei der der Fußboden klebt und die kein Wohnzimmer hat, dass sie aus jeder Ecke für Instragram fotografieren kann. Wie machen das die anderen? ich wünsche dir Durchhaltevermögen und dass wirklich bald alles besser wird… Liebe Grüße Ann-Christin

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  5. Ich fühle eine ähnliche Verzweiflung. Zumindest trifft es dieses Wort aktuell bei mir. Wie soll man allem gerecht werden, das einem wichtig scheint?! Es ist in dieser Lebensphase kaum möglich. Auch für uns nicht. Jeden Tag denke ich „wenn wir nur dies noch versuchten, dann…“ Und dann ist aber wieder eines Loch da, das gestopft werden muss. Das Hochbett ist bei uns der Balkon oder der übervolle Keller, der seit unserem Umzug kaum zu betreten ist und wann waren wir das letzte Mal als ganze Familie im Zoo…? Ach ja, als wir noch nur ein Kind hatten und nicht zwei. Alles Liebe, Mut und Kraft! Und irgendwoher etwas Ruhe. liebe Grüße, Christine

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  6. Liebe Miriam,
    tolle Fotos, tolle Kinder, tolle Familie! Mein Motto: Der Tag hat 24 Stunden!
    So wie es ist, ist es super! Sonst währen Deine Geschichten gähnend langweilig!
    Hau rein!
    Die andere Miriam mit tollen Kindern und toller Familie und zu wenig Zeit!

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