Die gläserne Mutter

Ich weiß, wann du heute aufgestanden bist. Und ich sehe, aus welcher Tasse du heute morgen deinen ersten Kaffee trinkst. Ich sehe auf deinen Küchentisch, oh weh, du bist keine Veganerin. Du isst Wurst und die Teller kommen mir bekannt vor – ist wohl Ikea. Ich weiß, was du für Kleidung trägst und Deine Kinder auch. Ich frage mich kurz, wo du die her hast, doch dann kann ich einfach den Link anklicken. Und ich frage mich auch, wie alt sie wohl sind, deine Kinder. Aber das ist nicht schwierig heraus zu bekommen. Ich lese einfach Deine Geburtsberichte.

IMG_5325Oha, denke ich. Meine gingen viel schneller. Und so einen furchtbaren Arzt wie du hatte ich nicht. Dafür weiß ich jetzt, wo du gerade warst, als die Wehen einsetzten und was Dein Mann am Telefon gesagt hat. Deinen Mann kenne ich kaum, wo kann ich denn etwas über den erfahren? Ich gucke erst mal wie der aussieht. Das scheint beliebt zu sein – in meinem BLOG ist das Bild von Paul das meist geklickte Bild.

Heute gehst du mit den Kindern zum Sport. Weiß ich. Machst du immer Dienstags. Mal sehen, was ihr für Jacken tragt, schließlich regnet es ja. Erst mal gucke ich mir die Bilder deiner Küche an. Immer alles aufgeräumt – wird wohl extra für die Fotos gemacht. Ist doch sonst total unrealistisch. Oder nicht? Ich sollte auch viel öfter gute Bilder meines aufgeräumten Lebens machen in denen man mich immer lächelnd umringt von den neuesten Design Ideen sieht und mit schwarzen Lettern schreibe ich auf eine Lightbox wie es mir heute geht. Happy und Love und müde und so.

Deine Tochter scheint eine wirkliche Trotzphase zu haben. Dafür hat sie schon drei Tage nicht in ihr Bett gemacht. Das klingt doch vielversprechend.

Ich sehe, was für ein Auto ihr fahrt, denn damit fährst du die Kinder zum Kinderturnen. Und dein Mann kommt heute früher und dann habt ihr Zeit euren Urlaub zu buchen. Letztes Mal war das ja ganz schön anstrengend. Also vielleicht lieber Kinderbauernhof? Erst mal frische Blumen auf den Tisch und noch ein paar Deko Sachen fotografieren. Oder das Essen. Und diese eine Creme die so gut war.

Ich glaube, ich lese jetzt erst mal wie die Einschulung war. Und was Dein Kind da lustiges zur Oma gesagt hat. Und welchen Schulranzen es trägt. Ach den mit den Drachen. Ich persönlich finde ja, die Anzug Hose Deines Mannes ist ein bisschen kurz. Kann aber auch am Foto liegen. Ich lese mal schnell nach, was dein Mann beruflich macht. Aha, arbeitet bei der Versicherung. Muss man da öfter Anzug tragen? Wahrscheinlich nicht.

IMG_5952Ich sehe Dein Geschirr, deine Servietten, deine Bettwäsche, dein Haus, deine Kinder, deine Möbel, deine Kleidung, deine Makel – ich sehe dich. Ich glaube, ich kenne dich und ich urteile darüber ob ich dich mag oder nicht. Aber ich kenne dich nicht. Ich habe dich noch nie gesehen. Aber ich sehe dein Leben. Ich sehe mehr von dir als von meinen engsten Freundinnen. Und ein Teil davon ist schrecklich real und ein anderer ist ermüdend kreiert und in Szene gesetzt. Ich sehe, wie du dein Leben dekorierst und deine Kinder. Und mit einem Klick weiß ich wo du wohnst, und in welche Schule deine Kinder gehen. Ich kenne deine Geburten besser als die meiner Freundinnen, ich weiß, welche Bücher du liest, welche Schuhe du trägst, wie akkurat der Rasen in deinem Garten gemäht ist. Ich weiß, dass du Tulpen liebst und Nelken nicht magst, dass du gerne mehr Bio kaufen würdest und endlich mal wieder den Keller aufräumen möchtest. Ich weiß, dass deine Kinder Süßigkeiten essen dürfen, dass ihr bei Ikea kauft, das ihr manchmal mit den Nachbarn grillt. Ich weiß, dass du heute müde bist und deine Tochter einen rosa Schlafanzug trägt.

Denn du bist die gläserne Mutter. Die Frau, über die ich nahezu alles nachlesen kann. In deren Leben ich in die Vergangenheit scrollen kann. Deine Gedanken, Meinungen, deine Gefühle, Erziehungskonzepte, deine Eltern, deine Kinder, deine Kindheit, deine Ausbildung, dein Beruf, dein Vorlieben.

Und es macht mir Angst. Denn will ich die gläserne Mutter sein? Ist mir mein Leben nicht zu wertvoll, zu heilig, mein Glück nicht zu filigran, meine Gefühle nicht zu zart, als das jeder sie durch seine Finger drehen kann?

Wie viel Öffentlichkeit kann ich mir selbst zumuten?

Ich frage mich das immer wieder.

Aber ich habe noch keine Antwort darauf gefunden.

 

 

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19 thoughts

  1. Sehr guter Beitrag!
    Den würde ich gerne als Aufhänger für eigene Gedanken dazu nehmen, wenn du erlaubst. 🙂
    Diese Gedanken habe ich nämlich auch und selbst mein Mann ermahnt zur Vorsicht.
    Ich muss immer erst überlegen: kann ich das so schreiben? Wenn nicht, wird nicht veröffentlicht.
    Liebe Grüße
    Sarah

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    1. Hallo Sarah, kannst du gerne machen! Ich merke immer, wenn Beiträge von mir auf Fremd-Seiten veröffentlicht werden (gestern z.B. einer bei Eltern.de), dann treffe ich eben nicht nur auf meine mir freundlich gesinnten Leser, sondern auf mir ganz fremde Menschen, die auch ganz anders denken als ich, und die finden dann im BLOG auf einmal Details, die sie gegen mich verwenden. Und das finde ich extrem erschreckend. Dann denke ich manchmal: Wieso mache ich das überhaupt? Ist mein Leben und vor allem das meiner Kind nicht vor all solchen Kommentaren zu schützen? Aber dann schreiben so viele etwas positives, und das sie das Gefühl haben, in Ihnen etwas bewegt zu haben. Dann denke ich wieder, das Gute überwiegt.

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  2. Ja, darüber hab ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. auf der anderen Seite ist es manchmal gut, andrer Blogger Gedanken zu Themen zu lesen, die mich auch beschäftigen. Es hilft ein kleines Stück, zu lesen, wie andere mit ganz typischen Phasen der Kinder umgehen oder inspiriert, wenn es um Freizeitaktivitäten geht. Ich denke, als Blogger muß man sich der Gläsernheit durchaus bewusst sein. Aber man kann sich ja auch dagegen entscheiden, wenn man das nicht will. Super Artikel und Danke dafür!

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  3. Spiegelt meine Gedanken richtig schön wieder. Deswegen fällt es mir glaube ich so schwer richtig persönliche Posts zu schreiben, weil ich mir immer denke: Ist das nicht zu viel, zu intim? Zudem macht man sich mit großer Offenheit auch verletzbar. Es ist ein wirklich schwieriges Thema – du hast das super runtergeschrieben 👍🏼
    Liebe Grüße, Klaudi

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  4. Du bist nicht Gläsern! Du bist einfach jemand der sagt, ich möchte meinen Alltag teilen, mich mitteilen und anderen vllt Mut machen!
    Du bist so, wie es bei euch Zuhause gewesen ist, der einzige Unterschied, es gab keinen Blog damals.
    Man konnte bei euch ein und ausgehen, hat euer Geschirr, und die Liebe deiner Eltern gesehen.
    Stand man auf der Straße könnte man ins Fenster sehen, fuhr man im Dunkeln dort lang und wusste wer welches Zimmer hat, könnte man auch sehen, wer Zuhause ist! Sollte man nicht zu viel sehen, wurden Gardinen zugezogen!!
    Und du schreibst dann einfach nicht drüber.

    Vollkommen egal, ob dein Geschirr von Ikea ist, du ein Klavier hast oder deine Küche aufgeräumt ist, woher die Kleidung kommt teilst du gerne mit eben weil du von der Qualität überzeugt bist.
    Du gibst uns ein Bild von euch, aber das bedeutet nicht, dass auch jeder euch wirklich kennt!

    Und egal wie, ob gläsern oder nicht, du bist seit 25 Jahren meine Freundin und du ähnelst so sehr in deiner Hingabe als Mama deiner Mama.
    Teile das ruhig weiterhin, die die es nicht verstehen werden immer negatives finden!

    Liebe Grüße aus der sonnigen Heimatstadt

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  5. Toller Text! Ich starte genau zu dem Thema morgen eine Blogparade, weil mich das Thema auch schon eine Weile beschäftigt. Ich hatte bei Twitter vor zwei Wochen mal das Interesse zu so einem Thema angefragt und gemerkt, dass es vielen bloggenden Müttern so geht. Ich würde deinen Beitrag gerne schon als Artikel verlinken, wenn das ok für dich wäre.

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  6. Hi, wirklich sehr gut geschrieben.
    Wenn ich in anderen Blogs lese dann denke ich mir immer, dass ich genau das zu sehen bekomme, was man mich sehen lassen möchte. Mir ist auch stets bewusst, dass jeder Dinge, Fotos, Geschichten etc. anders interpretiert; Und so ist es gut möglich, dass ein einiziger Artikel für fünf andere Mütter, fünf unterschiedliche Schwerpunkte und Bedeutungen haben kann. Kommentare sind die besten Beweise dafür.
    Was ich persönlich auf mein Blog schreibe ist authentisch. Ich erfinde nichts hinzu oder insziniere Dinge. Dennoch gibt es zu fast allem auch noch einen privaten Teil, der meinen Leser aus gutem Grund vorenthalten bleibt.
    Ich habe die Verantwortung für meine Kinder und zu ihrem Schutz verzichte ich häufig darauf „tolle Bilder“ zu veröffentlichen oder eben zu genau – oder gar die Tage – zu posten, an denen wir an einem bestimmten Ort sind oder sein werden.
    Wer mit klarem Kopf und Verstand an das Bloggen herangeht und sich bewusst macht, was genau gezeigt wird, oder wo „Gefahren“ liegen können, kann viel von sich preisgeben, jedoch ohne völlig gläsern zu sein.

    Ein wirklich spannendes Thema, zu dem es sicherlich unzählige Meinungen gibt.

    Ganz lieben Gruß
    Sabrina (babykeks.de)

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  7. Toller Post. Diese Gedanken macht sich so oder so ähnlich wohl jede bloggende Mutti. Bei mir gibt es klare Grenzen, die mir wichtig sind: Fotos meiner Kinder sind tabu (außer man erkennt sie nicht). Und in meine Wohnung möchte ich meine Leser auch nur bedingt einladen. Mal ein Close up vom Schreibtisch ist ok, aber Aufnahmen von Esstisch, Wohnzimmer oder Schlafzimmer gibt es nicht. Das ist natürlich eine Gratwanderung: Denn je mehr man von sich preisgibt, desto interessanter ist das für den Leser…

    Viele Grüße
    Regine (raiseandshine.de)

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