Ich bin

„Was machst du?“ frage ich.

„Ich bin.“ Sagt Emil.

Wir sollten viel mehr einfach nur sein, denke ich. Wie Recht er hat. Was er macht? Ich weiß es nicht. Er sitzt, er denkt, er sieht seine Schuhe an. Kann sein. Aber seine Antwort bringt es auf den Punkt. Er ist einfach. Nichts weiter. Er ist da, aber allein das ist schon zu viel gesagt. Müssen wir immer gerade etwas machen?

Kinder machen ständig etwas. Dinge, die wir nie oder zu selten tun. Manchmal sagt Emil nach einem langen Tag, jetzt sei er müde. Er mag nicht mehr laufen. Nicht mal bis nach Hause, dabei sind das nur noch 200 Meter. Aber dann sieht er einen Ast. Oder einen Stein. Oder ein Licht im Fenster, das er noch nicht kennt. Und er rennt darauf zu. Er weiß, wie man das Leben zu leben hat. Als Abenteuer und Bereicherung, als einen Schatz an Erfahrungen. Er tut das, bis wir ihm lehren das zu verlernen. Ist es so?

Vielleicht nicht bewusst. Vielleicht macht uns auch die Wiederholung träge. Das Leben, der Alltag, vieles zeigt sich so oft in der Wiederholung. Und der Routine. Staunen wir noch? Worüber denn?

Ich würde auch gerne einfach nur sein. Ich kann noch nicht mal in Worte fassen, was das eigentlich bedeutet. Aber für Emil war das ganz klar. Er ist einfach. Das ist eine Beschäftigung, einfach nur sein hat allem Anschein nach eine Daseinsberechtigung, die wir längst nicht mehr kennen.

Im Wald sind wir heute alle vielleicht mehr als nur in unserem SEIN, aber wir sind dennoch irgendwie weniger irgendetwas als sonst. Oder vielleicht sind wir mehr als sonst? Wir sind Holz Sammler und Tipi Bauer, wir suchen nach Rinden und füttern die Rehe. Wir fragen nicht nach der Uhrzeit und essen trockenes Brot. Manches fühlt sich an wie in Kanada und ich merke, wie ambivalent die Gefühle dazu sind. Wir haben das Blut geleckt ein einziges Mal im Leben wirklich frei zu sein und jetzt werden wir den Gedanken daran nie wieder wirklich los.

Ida trägt einen Ast auf ihren Armen. Sie läuft ganz geschäftig herum. „Was machst du?“ frage ich sie. „Ich trage mein Baby,“ antwortet sie ernst.Ich sehe ihr nach. Sie legt den Ast in ein eigens dafür hergerichtetes Blätterbett.

Einfach nur sein, dass haben wir verlernt. Aber einfach nur da sein und Dinge tun, die im ersten Moment keinen Mehrwert haben, die nicht lukrativ sind, nicht effizient. Dinge, die nichts mit Arbeit, Haushalt, Finanzen und Ordnung zu tun haben, Dinge, die nicht medial sind, die uns nicht von außen aufgetragen werden – das können wir. Aber manchmal wollen wir das einfach nicht sehen. Wir könnten doch auch Zuhause spielen? In den Sandkästen dieser Nation, in den Gärten, von wo es nicht so weit zur Toilette wäre. Wo man Wasser hat und frischen Kaffee und am besten nebenbei noch ein zwei Blumenbeete bearbeitet. Haben wir gestern gemacht. War auch schön.

Aber die eigentliche Freiheit die findet man da nicht. Da kann man das Glück finden. Da wohnt es sicher auch. Aber es liegt irgendwo zwischen Zäunen und sauberen Tischdecken, zwischen Kinderharken und kleinen Schaufeln.

Aber im Wald, da ist es unbegrenzt. Und der Kopf wird ein bisschen freier, wenn man hinterhersieht, wie Ida einen kleinen, leicht bemoosten Stock in ihren Armen in den Schlaf wiegt.

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3 thoughts

  1. Das sind die berühmten kleinen Dinge, die wir als Erwachsene nicht mehr sehen (können) – und wie du auch richtig anmerkst – wir haben es verlernt, weil unsere Welt einfach zu viele Zwänge vorgibt.
    Schön, wenn man sich dann doch einmal diesen wundervollen Kleinigkeiten (die völlig ohne Sinn und Ziel sind) bewusst wird und es mit dem Herzen aufnimmt.
    Wundervolle Worte, womit du aufzeigst was uns Erwachsenen eigentlich im Täglichen so entgeht. Dabei gibt es ständig etwas Schönes um uns herum zu entdecken und zu sehen – da beneide ich die Kinder wirklich. Das hast du mit ganz tollen Worten geschildert – Vielen Dank
    LG
    Ede-Peter

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