Das Paradies ist hier

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Ab zu Oma und Opa

Paul arbeitet. Er hat jetzt Weihnachten gearbeitet, Silvester und Ostern und langsam wird es langweilig. Ich fahre mit den Kindern zu meinen Eltern. Es regnet und ist windig, die Kinder kommen erst mal an. Rennen durch das riesige Haus. Emil sägt sich im Keller seine eigenen Kappla Steine. Er platzt vor Stolz. Überall läuft Musik, Ida tanzt ein bisschen, füttert die Katze, hilft Oma Salate zu machen. Und dann kommt sie – die Sonne.

Ja, das Paradies ist hier.Hier, am Rande des Waldes, wo es fast ein wenig wie in Kanada riecht. Nach nassem Gras und feuchter, dunkler Erde. Hier, wo die Kinder helfen ein Lagerfeuer aufzuschichten. Es duftet nach Rauch und die Sonne steht tief über den dunklen Tannen des angrenzenden Waldes und wirft ein warmes Licht auf alles. Die Katze liegt müde auf dem Balkon und sieht auf das Treiben hinab.Ida und ihr Cousin Kili fischen mit den Keschern nach den Fischen im Teich. Im Licht der Sonne fallen die Wassertropfen wie glitzernde kleine Kugeln von ihren Keschern. Sie fangen Blätter und lachen.

IMG_6058Dort, wo mein Vater das Holz für den Kamin hakt, sitzt Emil umringt von Stämmen und schnitzt. Irgendwann, sagt er, kann er so viele Männchen schnitzen wie Michel aus Lönneberga. Ich zweifele nicht einen Moment daran. Ida und Kili laufen über den feuchten Rasen und rutschen auf ihren Regenhosen einen kleinen Abbhang herunter. Ihr Kreischen dringt bis in den Wald hinein.

Ich sitze neben meinem Bruder am Feuer. „Ach,“ sagt er. „Hier haben wir schon als Kinder gespielt. Und alles wiederholt sich.“ Ja, das stimmt. Alles wiederholt sich und das ist gut so.

Ich erinnere mich nicht daran wie es war als ich zwei war. Aber ich glaube es zu wissen. Weil ich es in Ida und Kili sehe und in Emil. Ich sehe es in der Art wie meine Eltern mit ihnen umgehen. Ich sehe, was sie ihnen zutrauen, wie weit sie sie ziehen lassen. Welche Freiheiten sie ihnen einräumen. Ich sehe es daran, wie sie ihnen zeigen wie man sägt und schnitzt, und sie am Feuer so lange auf ihrem Schoß halten bis sie eingeschlafen sind. Ich sehe, wie sie rennen und ich sehe, wie ich gerannt bin. Ich weiß, wie es riecht, wenn man ganz dicht an Oma einschläft. Und wie sich ihre Haare zwischen meinen Fingern anfühlen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auf dem nassen Rasen zu rutschen und hinter der alten Birke noch die letzten Ostereier zu finden. Ich weiß, was es bedeutet, Stöcker ins Feuer zu halten und ich habe Tränen in den Augen als ich sehe, wie die Kinder hinter Opa herrennen, weil dieser verspricht nach Wunderkerzen zu suchen. Ich sehe sie im Garten stehen und ihre Wunderkerzen in den kleinen Händen schwenken.IMG_5988

Wir setzen sie in den Bollerwagen und ziehen sie zum See herunter. Mit langen Stöcken laufen sie durch das hohe Gras und werfen Steine von einer kleinen Holzbrücke in den darunter fließenden Bach.

Ich glaube, ich weiß, warum ich nicht das Bedürfnis habe, meine Kinder so ganz anders zu erziehen als meine Eltern uns erzogen haben. Weil ich weiß, dass sie es richtig gemacht haben. Denn wären wir sonst so voller bedingungsloser Liebe für sie? Wären wir sonst auch jetzt noch so gerne Zuhause, in diesem großen, weißen Reetgedeckten Haus, das immer ein bisschen nach Kindheit riecht? Würden wir uns sonst so sehr darum bemühen, dass unsere Kinder so viel Zeit wie möglich bei unseren eigenen Eltern verbringen dürfen?

Ja, das Paradies ist hier. Hier, in diesem Haus mit dem Kamin, vor dem die Katze liegt und schnurrt. Hier, umringt von dem großen Garten. Dort, wo man nach den Fischen keschern kann und im Sommer barfuss bis zum See läuft. Hier, wo Emil schnitzt und sägt und Kaminholz stapelt. Wo ihm im Winter die Schneeflocken auf den Locken liegen und wo Oma zwei aufgewärmte Kinder aus der Badewanne holt und in große Handtücher wickelt, so wie sie uns eingewickelt hat.

Hier, bei uns in Hamburg, ist ein anderes Paradies. Vielleicht eines, was sie mehr und mehr erkennen werden, wenn sie größer werden. Eines, dass wir lieben aber uns immer ein wenig daran erinnert, was wir nicht haben. Was wir unseren Kindern nicht bieten können. Die absolute Freiheit. Den Geruch nach nasser, dunkler Erde und all die Abenteuer die im Wald auf sie warten.

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Aber würden wir sie heute noch so frei sein lassen wie wir es waren? Würden wir sie wirklich alleine ziehen lassen, ihnen nachsehen, wie sie zwischen den Bäumen verschwinden und erst nach Hause kommen, wenn der Hunger sie treibt? Ich wünschte, ich könnte das, aber ich glaube, innerlich gäbe es eine Bremse, eine Bremse der Angst dich mich blockiert. Vielleicht mehr blockiert, als meine Mutter damals.

Aber in dem kleinen Paradies meiner Kindheit, da will ich sie ziehen lassen. Und ihre Kreise werden größer werden und ich werde mich damit abfinden. Ich werde ihnen vertrauen so wie meine Mutter uns vertraut hat. Und bis dahin werde ich hinter ihnen stehen, wenn sie Kastanien suchen und kleine Boote im Fluss schwimmen lassen. Wenn sie mit langen Stöcken das Wasser aufwühlen und Männchen schnitzen. Es wäre auch zu schade, ihnen nicht dabei zuzusehen. Sie werden noch früh genug aus meinem Blickfeld verschwinden. Vielleicht tue ich den Gefallen gar nicht ihnen sondern mir.

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3 thoughts

  1. Wundervoll … mir lief es Eiskalt den Rücken runter, die Kopfhaut war am kribbeln. Einfach mal wieder eingetaucht in eure Welt … Es ist mal wieder sehr bezaubernd gewesen, deine „Geschichte“ zu lesen, mal wieder bin ich entführt worden in eine andere Welt – eine schöne Welt. Eine Welt voller Elfen, Fen und auch Riesen und vieles anderes, was mich so sehr an Märchen erinnert.
    Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte – bekomme langsam schon ein „shlechtes Gewissen“ 🙂 🙂
    LG
    Ede

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  2. Das hast du wieder so schön geschrieben. Immer wenn du von „Oma und Opa auf dem Land“ schreibst und von dem schönen Haus, erinner auch ich mich an die Zeit mit dir und in dem Haus Deiner Eltern, an dein Zimmer und die gemütliche Küche :-), an viele schöne und lustige Momente.
    Ich freue mich auf die nächsten schönen Einblicke in dein Leben.

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    1. Und ich vergesse das manchmal, und erinnere mich daran, wie doof ich es zwischendurch fand in so einer kleinen Stadt zu leben. Dabei war es einfach nur schön! Und jetzt sehe ich das auch wieder! Noch viel mehr als damals! Liebe Grüße! Miri

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