Eine Verkettung von Missverständnissen

Heute ist Emil mit seinem Freund Leo verabredet und ich kann etwas nur mit Ida machen. Das kommt manchmal viel zu kurz! Ida ist in ihrer Rolle als Zweite eine andauernde Mitläuferin. Sie geht mit zu Emils Freunden, sie dümpelt im Schwimmbad mit im tiefen Becken herum, sie spielt Emils Spiele, bekommt Emils Bücher vorgelesen, hört im Auto Emils Hörspiele. Ida läuft mit und ist grandios darin, so grandios, dass man manchmal vergisst, dass sie vielleicht mehr sein möchte, als die ewige Mitläuferin.

Deshalb ist sie heute im Mittelpunkt. Und wir gehen ins Eltern Kind Café. Ida schaukelt und bekocht mich mit Sandkuchen und imaginären Nudeln, sie serviert ein Gericht nach dem anderen. Sie redet und kuschelt und springt ins Bällebad. Sie merkt, dass sie im Mittelpunkt steht. Und ich genieße, dass ich alles sehe, wahrnehme, aufnehme und bestaune, was meine kleine Ida macht. Und sonst so oft im Schatten ihres Bruders geschieht.

Im Kindergarten ist heute Elterndienst. Ab Mittags passen Eltern und nicht mehr die Erzieher auf die Kinder auf. Ich frage Paul, ob er im Buch notiert hätte, dass Emil heute mit zu Leo geht. Paul bejaht das. Er habe das notiert. Die Info geht später an den Elterndienst heraus und die wissen dann, dass Leos Mama heute beide Kinder mitnimmt. Den Leo. Und den Emil.

Leos Papa wollte mit den Kindern etwas im Garten bauen. Das haben wir vor zwei Wochen besprochen. Verkettung Nummer eins: Leos Papa muss aber spontan arbeiten. Und Leos Mama übernimmt.

Verkettung Nummer zwei, der Elterndienst übernimmt mit der Info: Leos Mama nimmt heute Leo mit. Und Emil. Info zu Ende.

Derweil spielt die Ida, mein Handy ist irgendwo in den Tiefen meiner Jackentasche. Ida springt ins Bällebad und lacht. Ich lache auch.

IMG_3293Verkettung Nummer drei, eine der fatalsten an diesem Tag: Leos Mama hat sich unabhängig von den Plänen ihres Mannes aber mit der Mutter vom großen Emil verabredet. Sie weiß, dass sie deshalb heute den großen Emil aus dem Kindergarten am Besten gleich mitnimmt. Als sie den Kindergarten erreicht ruft sie nach Emil und Leo. Auf sie zu gerannt kommen aber zwei Emils und ein Leo. Mein kleiner Emil sagt, er käme heute mit. Leos Mama sagt, nein, leider nicht. Heute nehme ich den großen Emil mit. Aber du kannst ja in den nächsten Tage mal wieder zu uns kommen! Verkettung: Der Elterndienst notiert: Leos Mama hat Leo mitgenommen. Und einen Emil. Dummerweise nicht den, der im Buch notiert war. Der kleine Emil ist verwirrt. Er stellt sich hinter einen Baum und weint kurz. Er versteht nicht, wieso er nicht mitgenommen wurde.

16:00 Uhr. Der Kindergarten ist zu Ende. Ida hüpft auf der Hüpfburg. Der Elterndienst sucht nach meiner Handy Nummer, findet sie aber nicht. Klein Emil wartet. Niemand holt ihn ab.

16:15 Uhr, Leos Papa ruft kurz Zuhause an und fragt ob alles geklappt hat. Leos Mama bestätigt, dass sie Emil mitgenommen habe. Sie meint den großen Emil, Leos Papa meint den Kleinen. Die Verwirrung klärt sich nicht auf.

16:30 Uhr, Emil sitzt alleine im Kindergarten.

17:00 Uhr, der Elterndienst telefoniert sich verzweifelt durch die Elternliste auf der Suche nach meiner Handy Nummer.

17:30 Uhr, der Kindergarten ruft Leos Mutter an und fragt nach der Nummer. Leos Mutter ruft sofort mich an. Ich sehe endlich mal auf mein Handy und denke es ist etwas passiert. Vielleicht ist Emil gestürzt und ich soll ihn von Leos Mama abholen. „Ist was passiert?“ frage ich. „Ja,“ sagt Leos Mama. „Niemand hat Emil aus dem Kindergarten abgeholt. Die versuchen verzweifelt dich zu erreichen.“ Ich bin kurz sprachlos. „DU wolltest ihn doch abholen!“ Schweigen. Emil sitzt seit eineinhalb Stunden im Kindergarten und wird nicht abgeholt. Ich packe Ida und setze sie aufs Fahrrad, Leos Mama fährt zeitgleich los und holt Emil aus dem Kindergarten ab.

Als Ida und ich endlich angeradelt kommen, spielen Emil, Emil und Leo ganz vereint in Emils Zimmer. Ich bin beruhigt, Leos Mama ist aufgelöst. Ich bin weder das noch sauer. Im Grunde weiß ich, dass es mir genauso hätte passieren können. Und wie schrecklich dieses Gefühl sein muss, einer anderen Mutter gegenüber zuzugeben, dass Kind vergessen zu haben.

Abends liegen Emil und ich wieder gemeinsam im Bett und kuscheln. „Du, Emil,“ beginne ich vorsichtig. „Hattest du eigentlich Angst dass dich keiner abholt vorhin im Kindergarten?“ Emil sieht mich mit einer so ehrlichen Überraschung an und dann antwortet er: „Nein. Ich habe nie Angst dass ihr mich nicht abholt. Weil ich weiß, dass ihr mich immer abholt. Ich hatte nur Angst, dass Leo lieber mit dem großen Emil spielt als mit mir.“

Und ganz unabhängig von dieser Geschichte, von den Verkettungen, von dem armen Elterndienst, der eineinhalb Stunden länger bleiben musste, von kurzen Schreckensmomenten und einer kleinen Ida die ohne Schuhe aufs Rad geschnallt wurde – das alles ist überhaupt nicht wichtig. ist eine witzige Anekdote jetzt im Nachhinein. Wichtig ist, dass Emil über dieses wahnsinnige Urvertrauen verfügt, zu wissen, dass wir ihn niemals vergessen werden. Das wir niemals vergessen würde ihn irgendwo abzuholen. Und das ist wichtig. Und hat mir vorm Einschlafen das Gefühl gegeben, dass wir das zumindest wirklich richtig gemacht haben.

 

 

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3 thoughts

  1. Das ist so wunderschön, dass ich Gänsehaut habe und ein wenig feuchte Sugen. Es macht mich aber auch ein wenig traurig, weil es mich daran erinnert, das ich es nicht schaffe, meinem Kind dieses Gefühl zu vermitteln. Ich habe mein kleines Mädchen noch nie vergessen, die nie irgendwo abgegeben wo sie nicht bleiben wollte und drohe ihr niemals damit „alleine zu gehen“, wenn sie nicht gleich kommt und noch ein wenig bummelt. Trotzdem bricht dieses Kind in einem wirklich hysterischen Anfall zusammen, wenn wir uns im Nachbarschaftscafé einmal für 2 Minuten verpassen, weil sie nicht vor den Toiletten wartet sondern schon in den 1. Stock geht und ich mit dem Aufzug folgen muss.. Jedes Mal frage ich mich, wieso sie fürchtet oder gar überzeugt ist, ich könnte ohne sie gehen…nie nie nie würde mir das einfallen!Auch nicht – oder besser erstrecht nicht – als erzieherische Lektion. Ich tröste mich damit, das es wohl auch ein wenig Typsache ist.
    Viele Grüße und Danke für den schönen Text!

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