Positiver Stress

IMG_6042Vorletzten Mittwoch ging es los. Der erste von drei Tagen des Monster-Auftrages. Ich stehe um sechs Uhr auf und trinke mit Paul alleine Kaffee. Um sechs Uhr sind nur Paul und ich wach. Schön. Nur wir zwei. Ich mache das Frühstück, springe unter die Dusche. Barfuss huschen zwei kleine Menschen durch die Wohnung. Ich packe Fototaschen und diverses Equipment, laufe zwei mal zum Auto um alles zu verstauen, Paul zieht die Kinder an und verabschiedet sich. Ich putze Zähne, wische kleine Gesichter sauber, bürste dicke Haare, kämpfe mit Geschrei, weil es ziept. Ich suche Jacken, Handschuhe, Mützen. Ich lache. Die Kinder lachen auch. Ida kippt noch ein bisschen Spielzeug in den Flur. Das muss warten. Ich scheuche sie nach draussen, suche Emils Fahrradschlüssel, stecke mir noch schnell einen Apfel in die Tasche. Ich renne hinter Emils Fahrrad her, Ida auf den Schultern. Ida quiekt vor Freude. Jacken aus, Hausschuhe an, weiter rennen, Ida immer noch auf den Schultern. Dann schnell ins Auto, Ida abgeben, die Foto Assistentin abholen und los gehts. Bloß nicht zu spät kommen.

Am frühen Nachmittag schnell alles Zuhause wieder ausräumen und die Kinder holen. Ich eiere mit meinem Fahrrad am Isebekkanal entlang und freue mich. Die ersten Bäume blühen. Das Leben ist schön. Schnell noch was bei der Post abgeben, einkaufen, schwere Tasche an den Lenker, die Ida hinten drauf. Ja, das Leben ist schön. Emil radelt selber, Ida beobachtet Enten, ich teile mir mit Emil ein Brötchen. Zuhause bricht jetzt schon das Chaos aus. Wäsche wegsortierten? Waschen? Kinderzimmer aufräumen? Frühstück steht auch noch da. Mist. Wir machen Musik an und tanzen. Die Kinder pflanzen im Garten Stiefmütterchen. Ich schaffe die Küche, trinke Kaffee im Garten, räume mehrere Karren voll altem Laub weg und fange an zu kochen. Ida schlägt Eier auf, alles ist klebrig, überall Schale. Es stört mich nicht. Unter dem Tisch ist auch ein bisschen Eiweiß. Der Katze gefällt es. Emil schneidet Gemüse. Das Telefon klingelt, ein paar Anfragen kommen per Mail.

Paul kommt zum Essen. Zähne putzen, Vorlesen, bei Emil im Bett mit einschlafen. Nach zwanzig Minuten weckt Paul mich. Ich brauche zwei Espressi um das zu schaffen. Dann wieder an den Schreibtisch. Bilder sortieren, Kamera leer machen, irgendwie Struktur schaffen.

IMG_6185Am nächsten Tag dasselbe. Ich fahre hin und her. Ich hole direkt nach dem Fototermin Ida wieder ab. Ich habe vergessen, dass ich Eltern Dienst im Kindergarten habe. Ida in den Buggy und ab geht es. Ich verbringe drei Stunden mit 20 Kindern auf dem Spielplatz, putze Nasen, verteile Obst, schlichte Streit, trage am Ende das ganze Sandspielzeug zurück in den Kindergarten. Jetzt noch fix was einkaufen. Die Kinder hopsen hinter mir her. Wir springen über Pfützen, Ida findet einen Marienkäfer. Ich brauche noch ein Geschenk für eine Freundin, statt dessen kaufen wir eine Gewächshaus für den Garten. Viel zu groß fürs Fahrrad. Egal. Noch ein bisschen im Wohnzimmer tanzen, Wäsche missachten, kochen, essen, Zähne putzen. Bei Emil im Bett einschlafen. Mit Espresso wieder aufstehen, weiter arbeiten bis kurz vor Mitternacht Paul nach Hause kommt. Müde.

Dritter Tag, 5000 Fotos bereits gemacht. Ständig reden alle durcheinander. Ich bin müde, habe aber keine Zeit müde zu sein. Ich kaufe noch schnell das Geschenk, schicke eine alte Rechnung raus, rufe eine Freundin an, mit der ich Flohmarkt machen will, ärgere mich über die Krankenkasse, die mich anruft und aufhält. Ich kaufe fix ein Fahrrad für Emils Geburtstag bei Ebay Kleinanzeigen, obwohl ich keine Ahnung habe, wann ich das noch abholen soll. Ich hole erst mal die Kinder, radel erst ins Grindelviertel zu Ida, dann zurück zu Emil. Einkaufen vergessen, also noch mal los, wenigstens Brot und Milch besorgen. Während die Kinder spielen lese ich schnell alle unbeantworteten Mails – viel zu viele. Ungefähr 100 Mal denke ich; oh ja, nachher kurz antworten. Ich glaube, nur bei zehn denke ich wirklich daran zu antworten. Erst mal umziehen, Paul und ich gehen essen. Müde, aber glücklich.

Ich bewege mich schneller. Die ganze Zeit. Ich bin wie unter Strom. Ich habe eine unglaubliche Energie obwohl ich wahnsinnig müde bin. Ich schaffe etwas. Und ich genieße, obwohl ich manchmal denke, mir müsste die Zeit dazu fehlen. Positiver Stress fördert positive Energie, Ich fahre schneller Fahrrad, treffe mehr Freunde als sonst, rede mehr, lebe schnell aber vergesse nicht zu genießen. Ich werfe die Kinder öfter hoch, ich spiele Kegeln im Flur, ich koche, wasche, füttere die Katze. Ich pflanze etwas im Garten, telefoniere diverse organisatorische Dinge ab, buche ein Hotel für einen Kurztrip mit Paul. Ich fahre mit den Kindern in den Wildpark schwarze Berge, nach fünf Stunden draussen sind sie müde, ich bleibe bei Kaffee und schaffe es Abends wieder ein paar Stunden zu arbeiten. Ich hole Bilder vom Druck ab, mache zwischendurch noch einen weitere Auftrag, treffe mich mit einer Freundin, die mein Buch Korrektur liest, kaufe Emil eine neue Regenhose. Ich esse mit Freundinnen Mittags in der Sonne, organisiere Emils Geburtstag, hole tatsächlich das gekaufte Fahrrad morgens noch schnell ab. Beantworte Mails, sortiere doch noch die Wäsche weg, gehe mit den Kindern Nachmittags ins Schwimmbad.

Stress ist manchmal nervig. Stress ist auf Dauer furchtbar. Gerade für eine Familie. Aber für kurze Zeit, für die letzten zwei Wochen die hinter mir liegen, war Stress etwas Großartiges. Etwas, das uns wachsen lässt. Und uns zeigt, zu was wir fähig sind. Ich kann Nachts arbeiten – obwohl ich es schon immer gehasst habe. Ich kann vieles auf einmal organisieren, managen, erledigen. ich kann kreativ arbeiten ohne dabei die Kinder zu vergessen. Ich habe mehr Kraft und Energie wilde, lustige, außergewöhnliche Dinge mit ihnen zu machen, als an manchen Tagen, an denen ich nur vor dem Computer gearbeitet habe. Ich liebe Abwechslung. Und ich liebe meine Arbeit. Aber ich liebe auch das Leben. Und das merkt man manchmal besonders, wenn man es zu allen Seiten nutzt. Sie Pfade mal verlässt, Aufgaben übernimmt, vor denen man sich Anfangs mal gefürchtet hatte. Wir können eine ganze Menge schaffen.

Noch zwei Tage Nachts arbeiten. Und dann? Dann fahren Paul und ich weg. Das erste mal seit 2,5 Jahren ohne Kinder. Wir freuen uns wahnsinnig. Aber ich glaube, noch mehr freuen die Kinder sich auf die Tage bei Oma und Opa ganz ohne uns 🙂

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2 thoughts

  1. Ja, ich verstehe, was du meinst. Man fühlt sich so lebendig und tatkräftig und auch stolz, was man alles schafft. Dennoch wünsche ich euch erholsame Tage zu zweit, ohne Stress 😉
    Liebe Grüße,
    M.

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