Freitage…

Das Freitage die letzten Tage der Woche sind kann sowohl Vor- als auch Nachteile haben. Es kommt ganz darauf an, was man in der Woche alles schaffen wollte. Ich wollte es in dieser Woche schaffen einen Auftrag mit über Fünftausend Fotos abzuschließen. Fertig bearbeitet, für 130 Kunden, schöne Mappen zusammenstellen, die Übersicht über die Einzelüberweisungen behalten und super entspannt ins Wochenende starten. Manchmal finde ich mich selbst ganz lustig.

Am Freitag war ich selbstverständlich nicht annähernd fertig und das trotz diverser zusätzlicher Arbeitsstunden am Abend in der Woche. Statt dessen Halsschmerzen und ein bevorstehendes Treffen mit einer meiner liebsten Freundinnen, die sich bereit erklärt hat, das „Emil und Ida“ Buch Korrektur zu lesen, bevor es endlich in den Druck geht. Apropos Druck – das musste ja erst mal ausgedruckt werden, damit ich es ihr in die Hand geben konnte. Also zum Copy Shop. Da lies ich 10,- Euro für sage und schreibe 100 Seiten (beidseitig bedruckt!) Computer Ausdruck und habe mich gefragt, warum zur Hölle ich es nicht selbst auf unserem Drucker gedruckt habe. Hinterher ist man immer schlauer – statt dessen ein bisschen mit dem Rad durch die Kälte gefahren und sich über die horrenden Preise aufgeregt. Zurück nach Hause, noch fix 200 Bilder durchgesehen und dann ab nach Eppendorf zur Buch Übergabe.

Laut Plan hole ich heute erst Emil aus seinem Kindergarten, dann Greta aus ihrem, dann müssen alle mit zum Tanzen bei Ida und danach nehme ich Greta, Emil, Ida und ihre Freundin Malou mit ins Zoologische Museum. Das klingt wunderbar, nur leider habe ich keinen blassen Schimmer wie ich alle Kinder transportieren werde. Ich schlage die Plane vom Fahrradanhänger auf, der seit Wochen nicht benutzt wurde, und finde ein paar schimmelige Kekse vor. Alles ist feucht und sieht wenig einladend aus. Das geht schon mal nicht.

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Erst mal Emil holen, sonst wird die Zeit echt zu knapp. Der flaniert mit seiner Kindergartengruppe im Park herum und die Begeisterung als er mich sieht ist ihm ins Gesicht geschrieben. Die Sonne scheint, Enten ziehen entspannt ihres Kreise auf dem Weiher, die ersten Knospen sprießen und mein Sohn tritt mehrmals gegen meinen Fahrradreifen, weil er wirklich GAR KEINE Lust hat mit zum Tanzen zu kommen. Ich bekomme parallel eine SMS von Gretas Mama, dass diese jetzt doch spontan auf einem Geburtstag sei und SMS lesen und jemanden der gegens Fahrrad tritt ist in Kombination nicht so gut und natürlich – wie eigentlich immer in meinem täglichen Leben – kippt das Rad um. „Man, Emil,“ sage ich. Und Emil steht beleidigt da und mault, dass er jetzt SOFORT mit den anderen zum Spielplatz will. „Na gut,“ sage ich. Man muss ja niemanden zwingen. „Dann mach das. Dann holt Papa dich da später ab.“ Na, der wird sich freuen. Liegt nach dem Nachtdienst noch im Tiefschlaf im Bett und wird gleich geweckt mit der Instruktion in einer Stunde bitte Emil vom Spielplatz abzuholen. Emil dreht durch und fährt mit quietschenden Fahrradreifen in Richtung Zuhause. Was soll das denn jetzt? „Ich finde dich soo doof, weil du immer über alles bestimmst!“ schreit er. Hab ich doch gar nicht! denke ich. Ich hab doch gerade gesagt, du darfst zum Spielplatz. „Ich hasse tanzen!“ schreit er weiter. Aha.

Zuhause muss Emil sich von seinem Schneeanzug befreien – einer Art Zwangsjacke, die er gezwungenermaßen trägt, weil es Pflicht ist, und derer er sich sofort entledigt, sobald er nicht mehr in Kindergarten Obhut ist. „Scheiß Schneeanzug!“ schreit er und wirft ihn in eine beliebige Ecke. Ich habe echt andere Probleme. Wie bekomme ich Ida und Malou auf ein Fahrrad?

Emil radelt erst vor als gäbe es kein Morgen mehr, um dann am Ende des Kanals stehen zu bleiben, und vorwurfsvoll festzustellen, er könne jetzt echt nicht mehr. „Immer muss ich so weit Fahrrad fahren!“ motzt er weiter. „Sag mal, können wir heute auch noch mal normal miteinander reden?“ erkundige ich mich. „Nö,“ sagt Emil.

Beim Tanzen steht er missmutig in der Ecke und versucht wirklich zu vermeiden, dass sein Fuß im Takt wippt. Immer klappt das nicht, aber wenn wir Blickkontakt haben guckt er extra grimmig. Ich hab’s verstanden. Ida ruft „Mama!“ fällt mir um den Hals und Malou tut dasselbe. Sofort bricht Ida in Tränen aus. „Nein, das ist meine Mama!“ verteidigt sie schluchzend. Malou heult auch. Nasen putzen, Blickkontakt zu Emil vermeiden, weiter tanzen. Um Streit zu vermeiden am besten mit beiden Mädchen auf dem Arm. Schmerzende Arme sind vergleichsweise nichts zu heulenden kleinen Mädchen.

Ich tanze am Ende doch noch mit Emil und der hat auf einmal wieder gute Laune und hilft die Mädchen anzuziehen. Malous Mama hat noch eine Tasche da gelassen und ich bin kurz davor Schweißausbrüche zu bekommen, denn wo zur Hölle soll die denn jetzt noch hin? Ich hab ja selbst noch eine Tasche dabei, die voll mit Proviant ist und auch schon so schwer am Lenker baumelt.

Ich schließe erst mal die Fahrräder auf und binde mir Ida auf den Rücken. Malou setze ich auf den Fahrradsitz und dann beginnt das Drama. Ich bücke mich mit der schweren Ida auf dem Rücken um die erste Tasche hochzuheben. Ich hänge sie an den Lenker und stelle fest, wenn ich mich  jetzt zur zweiten Tasche runter beuge, dreht sich aber der Vorderreifen des Rads wegen des einseitigen Gewichts der schon hängenden Tasche und somit stürzt das Rad mitsamt Malou. Ich finde mich fast ein bisschen witzig, weil ich es gefühlt hundert Mal versuche und es selbstverständlich kein einziges Mal klappt. Ida zappelt auf meinem Rücken herum und lacht. Hoffentlich beobachtet mich niemand. Ich gäbe ein gutes Youtube Video ab. Unabhängig davon habe ich keine Ahnung wo Emil ist – denn der ist irgendwie schon längst los geradelt. Kinder auf Fahrrädern in der Großstadt sind wirklich ein Phänomen – wenn man da nicht mit der richtigen Portion Optimismus geboren ist, dreht man wahrscheinlich nach kürzester Zeit durch.

Ein Passant hilft mir mit dem Rad und los gehts. Eigentlich gar nicht so schwer, wenn man erst mal los ist. Die Mädchen kichern, Emil taucht auch wieder auf. Jetzt wäre es auch ein Leichtes gewesen noch Greta mitzunehmen. Man muss nur die Hindernisse erst mal überwinden.

Ich verstaue ungefähr 50 Kilo Gepäck an der Garderobe, Taschen, Mützen, Schneeanzüge, Jacken, die Kinder wollen auch ohne Schuhe laufen. Mir ist das egal. Sie sind so begeistert! Ich kann mich nicht satt sehen an ihren Gesichtern. Wie oft wir hier sind, und mit was für einer Freude und einem Aufschrei der Begeisterung sie immer wieder von Tier zu Tier rennen. Staunend stehen sie vor Kodiak Bären, die drei mal so groß sind wie sie selbst und legen sich auf den Boden neben die Krokodile, nur um zu zeigen, wie klein sie daneben sind. Und in den Momenten finde ich das es sich immer lohnt seine Komfortzone zu verlassen. Ja, ich musste eher aufhören zu arbeiten. Ich musste Dinge einpacken, mit Emil diskutieren, zwei Kinder auf einem Fahrrad transportieren. Kinder und Taschen die Treppen einzeln hochtragen, Hundert mal Nasen putzen und man kann auch auf 200 Meter Fußmarsch drei mal so fallen, dass man schrecklich schlimm weinen muss. Ich trage mal die weinende Malou, mal die weinende Ida, mal beide. Ich ziehe schichtenweise Wintersachen an und wieder aus, verteile Essen, putze noch mal Nasen und versuche dabei Emil zuzuhören, der ununterbrochen redet, obwohl dichter an meinem Ohr immer noch ein heulendes Kind ist. Aber dann laufen wir zwischen den ausgestopften Tieren herum, machen uns manchmal ganz bewusst, was es heißt Tot zu sein. Staunen über riesige Tatzen und rennen um den Kiefer eines Wales.IMG_3209

Auf Toilette stellt sich mir wieder die Frage, warum Kinder so ein Verlangen danach haben Klobrillen anzufassen oder noch besser Klobürsten. Ich bin wirklich ein Freund davon, dass Ida mit weniger als 2,5 Jahren schon komplett trocken ist, aber in solchen Momenten wünsche ich mir manchmal die Windeln zurück. Ida behauptet sie sei fertig, Malou möchte auch auf Toilette. Ich rufe Zehntausend Mal „Fass das bitte nicht an, Ida!“ und dann höre ich nur noch wie Ida sagt: „Ich war doch noch nicht fertig.“ Ach so. Ich versuche eine vollgekackte Unterhose und eine Strumpfhose irgendwie in einen Batzen Papier zu wickeln und ziehe Ida irgendwas an was ich in der Tasche finde. Eine Unterhose habe ich nicht, aber eine Sommerleggins und Cars-Socken. Sie sieht bezaubernd aus. Ich trage diesen unförmigen Papierberg mit mir herum, weil ich ihn unmöglich in die Tasche tun kann, in der sich auch unser Proviant befindet. Hals über Kopf wird uns gesagt, dass sie jetzt schließen. Ich vergesse natürlich die Hälfte aller Sachen an der Garderobe und muss eine halbe Stunde später erst mal beim Pförtner betteln, dass er mich noch mal rein lässt.

Auf dem Weg nach Hause bettelt Emil, dass wir bitte, bitte einen Umweg fahren können. Ich mache das und nach zehn Minuten höre ich nur noch Gemotze, warum er eigentlich immer so weit fahren muss. Er wäre gerne jetzt schon Zuhause. Ich auch, denke ich.

IMG_3293Paul ist wach und hat auch schon gekocht, muss aber schon gleich wieder los zum Nachtdienst. Emil weint. Zu viele Tage an denen Papa wirklich so gut wie nie zu sehen ist setzen ihm zu. Er steht lange am Fenster und winkt. Auch als Paul schon weg ist. Dann kriecht er mit einem T-Shirt von Paul in unser Bett. Ich räume die Küche auf und schleppe mich ins Arbeitszimmer. Man, fände ich schlafen jetzt cool. Allein der Gedanke ist aber überflüssig – Ida findet Schlafen in letzter Zeit nämlich super uncool und wacht alle zwei Stunden auf und da ich annehme, dass sie gegen elf sowieso wieder wach ist, halte ich bis dahin durch und nutze die Zeit um noch was zu schaffen.

Natürlich ist sie um elf wach. Und um zwei. Und ab vier liegt sie zwischen Emil und mir in unserem Bett. Ich bin müde aber es duftet nach warmerKinderhaut, nach gewaschenen weichen Haaren. Ida schläft immer auf mir. Es ist so wohlig schön, dass ich mich nicht wirklich ärgern kann, jetzt selbst nicht in den Schlaf zu finden. Ida schnarcht ein bisschen. Um sechs weckt Emil mich mit der Frage, ob er denn heute geschafft hätte lange zu schlafen? Nein, murmele ich. „Ach Mist,“ sagt Emil. „Es kam mir irgendwie so vor.“

Macht nichts, denke ich. Der eine zerböselt Kekse im Bett, ich trinke Kaffee, zwischen uns schnarcht noch jemand. Eine Stimmung zwischen müde und schön. Ach, denke ich mir dann immer, das ist doch ein Luxusproblem. Früher hast du Monatelang nicht durchgeschlafen, und jetzt mal vier Nächte in Folge? Alles eine Frage der Relation. und Kaffee und Kekse im Bett schmecken fast noch besser, wenn man besonders müde ist.

 

 

 

 

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9 thoughts

  1. Oh wie schön! Dabei hatte ich erst so ein schlechtes Gewissen, weil ich so einen eher nichtswagenden Text rausgehauen habe, der irgendwie so alltäglich klingt. Aber manchmal ist es ja auch ganz schön mal darüber zu schreiben (und zu lesen). Liebe Grüße! Miriam

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  2. Oh je, das war ja ein Tag! Ich bewundere sehr, dass Du darüber schreibst und am Ende doch noch die guten Momente in Erinnerung hast. Gut, dass man vorher nie weiß, wie es wird, sonst würde man viel Schönes verpassen und sich vermutlich gar nicht mehr aus dem Haus wagen…
    Liebe Grüße,
    Maja

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    1. Ja, das stimmt! Ich habe ganz selten Tage wo ich denke, nein, heute will ich nicht. Ich will mit den Kindern einfach nur Zuhause sitzen und den Tag dahin plätschern lassen. Aber meistens juckt es mich dann doch noch was zu erleben. Denn dafür ist das leben ja irgendwie auch da 🙂

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  3. Liebe Miriam,
    Ich liebe deine Art zu schreiben. Ich finde mich so oft darin wieder. Und das liegt nicht nur daran dass wir quasi die gleiche Kinder-Konstallation haben. Mika (8/2011) und Minu (11/2013) sind deinen beiden in vielen Situation so verdammt ähnlich, dass es manchmal beängstigend ist. Und auch ich Geräte mit noch 2 bis manchmal gefühlt unendlichen Freunden im Schlepptau oft an meine Grenzen, aber im Nachhinein macht es mich immer stolz es dann doch alles geschafft zu haben. Und abends ein geflüstertes „Das war ein schöner Tag, Mama!“ Ist Gold wert! Danke für deine wundervollen Texte!
    Viele Grüße aus Berlin,
    Alex

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    1. Liebe Alex, vielen Dank für deinen Kommentar! Was für süße Namen!Ich finde auch, dass sich der Aufwand (fast) immer lohnt. Ich möchte auch einfach nicht am Ende des Jahres dasitzen und das Gefühl haben, im Grunde hat sich nahezu jeder Tag im Jahr gleich angefühlt. Ich möchte etwas sehen und erleben und entdecken und das kostet manchmal eben ein paar Nerven.
      Liebe Grüße nach Berlin!
      Miri

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  4. Vielen vielen Dank, dass du über deinen/euren Alltag schreibst. Ich mag auch deine sehr poetischen Texte, aber die Alltags-Texte mag ich noch viel lieber!
    Sie motivieren und ja, sie machen einem klar, wie schön das Leben ist. Ich liebe auch deine Fotos. Wann kann man das Buch kaufen?

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    1. Ach, das ist ja schön zu hören! Vielen Dank! Das Buch kann man hier direkt über den Blog kaufen. Und ganz normal über Amazon, etc. und im Buchladen. Da muss man es aber wahrscheinlich bestellen. So bald es da ist werde ich wahrscheinlich eine Million mal darauf hinweisen 🙂

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