Zur falschen Zeit am falschen Ort

Es sind nicht immer nur wir selbst, die für unser Leben verantwortlich sind. Für unsere Stimmungen und Gefühle.Unser Alltag wird in den seltensten Fällen nur von uns selbst bestimmt. In den meisten Fällen wird er beeinflusst von anderen Personen, vom Wetter, von Umwelteinflüssen, Gesellschaftlichen Einflüssen, von Müdigkeit, von Erfolg und Misserfolg. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch bei unseren Kindern.

IMG_5936Vor vier Wochen hat Emil einen Einstufungstest zum Schwimmkurs gemacht. Das wird hier angeboten, im Kaifu Bad, und da ich nicht vorhabe, mich weit aus dem Viertel herauszubewegen, nachdem ich Kind eins und Kind zwei bei Wind und Wetter aus Kindergarten 1 und Kindergarten 2  abgeholt habe, bleibt nur das Kaifu Bad für den Schwimmkurs. Emil mag das Kaifu Bad. Er ist oft mit Paul da.

Im Einstufungstest sind alle Kinder größer als Emil (das ist meistens so) und älter. Emil hat Angst. Am liebsten würde er nicht mitmachen. Er sitzt am Beckenrand und sieht sehr unglücklich aus. Aber dann kann er zeigen, was er alles kann. Und wie mutig er bereits im Wasser ist. Er springt vom Beckenrand. Er taucht ganz unter. Er ist so voller Stolz. Er kann das, was die anderen können. Und das gibt ihm so viel Aufschwung. Emil wird für den Pinguin Kurs 2 eingestuft. Er darf einen ganzen Kurs überspringen. Diese einfache Tatsache, dieses Aussprechen einer Bewertung, macht ihn unsagbar stolz. Er muss erst mal Opa anrufen um ihm alles zu erzählen.

Die folgenden Tage zehrt Emil von seiner Einstufung. Er weiß, dass er Etwas kann. Das er Etwas geschafft hat. Und auf einer Ebene mit anderen Kindern agiert – sogar mit älteren. Alles an ihm scheint ein wenig verändert. Nicht nur das Lob eines Aussenstehenden, sondern viel mehr die Erkenntnis, dass er etwas gewagt hat und dafür positives Feedback bekommen hat. Es hat ihn so gestärkt und seinem Selbstbewusstsein einen wahnsinnig Antrieb gegeben.

Am Dienstag begann endlich der Pinguin 2 Kurs. Ich gebe Emil ab, er strahlt. Vier Wochen hat er sich darauf gefreut. Ich unterzeichne eine Teilnehmerliste. Alle Kinder sind zwei oder drei Jahre älter als Emil. Emil sieht sehr klein aus, als ich gehe.

Als ich ihn wieder abhole, steht er als letzter in der Schlange wartender Kinder und weint still. Er ist voller Angst. Er zittert und erscheint so unsagbar hilflos. „Ich kann das alles nicht,“ flüstert er.

Am Donnerstag dasselbe. Emil steht tapfer im Wasser und weint. Jede Übung erscheint ihm unsagbar schwer. Er paddelt tapfer unter Tränen durchs Wasser. Alle Kinder können dort stehen, nur Emil kann nur am aller äußersten Beckenrand stehen. Er ist viel zu klein für diesen Kurs. Die großen Kinder überholen ihn mit ihren Schwimmbrettern. Ständig ist er der Letzte und kämpft gegen die spritzenden, schlagenden Beine seiner Vordermänner an. Nach zehn Minuten nehme ich ihn aus dem Wasser. Er kann nicht mehr. Emil weint.

Ja, ich glaube, Emil ist im falschen Kurs gelandet. Rein technisch gesehen. Emil kann als Einziger nicht mutig vom Beckenrand springen, weil er unter geht. Die anderen auch, aber die können sich wieder hinstellen. Emil kann das nicht. Er ist zu klein. Er steht am Beckenrand und zittert vor Angst. Was, wenn niemand sieht, dass er nicht wieder hoch kommt? Emil taucht nicht so tief wie die anderen. Und er paddelt viel langsamer und unsicherer mit seinem Schwimmbrett herum als die anderen. Aber das alles ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass Emil erkennt, dass er der Schlechteste der Gruppe ist. Der Langsamste, der Ängstlichste. Emils Selbstwertgefühl, was so unsagbar nach oben geschnellt war, schnellt noch viel mehr in die Tiefe zurück.

Er zweifelt. Und er leidet. Er fühlt sich ängstlich und schwach. Das, was die anderen können, kann er nicht. Was kann er denn? Er stellt sich in Frage. Und wäre so gerne wie die anderen. „Aber ich kann ja schon sehr gut Fahrrad fahren,“ flüstert er mir kleinlaut zu. „Ja,“ sage ich. „Das kannst du unglaublich gut.“

Wir gehen nach draussen zu unseren Fahrrädern. Es hagelt. Ida sagt „Klick, klack, klack“ weil es so auf ihren Helm prasselt. Emil schließt mit kalten Fingern sein klitze kleines Fahrradschloss auf. „Weißt du was, Mama?“ Er sieht mich kurz an. „Als ich eben aus dem Schwimmbad gegangen bin, da haben die anderen Kinder mir die Zunge raus gestreckt.“ Er sagt das ganz leise. Und fast ein bisschen so, als hätte er das Gefühl, dass auch verdient zu haben.

Unser Umfeld bestimmt über unsere Gefühle – mal mehr mal weniger. Erfolge machen uns stärker, Demütigungen machen uns schwach. Wir müssen lernen damit umzugehen. Und manchmal auch einfach über den Dingen zu stehen. Und den Glauben an uns nie zu verlieren.

Am Abend liegen Emil und ich nebeneinander in seinem Bett und zählen auf, was er alles ganz besonders gut kann. Ihm fallen viele Dinge ein. Sehr schöne Dinge. Emil kann besonders schöne Steine finden. Er kann schnitzen. Und auf Bäume klettern. Er kann sehr gut malen und schon sehr viel schreiben, obwohl er erst vier ist. Er kann auf Ida aufpassen, ihr hoch helfen, wenn sie es nicht alleine aufs Hochbett schafft und ihr die Schuhe anziehen. Er kann schon ein bisschen Kanu fahren und alleine duschen und seine Haare waschen. Eigentlich kann Emil alles, er kann alles richtig machen. So, wie es zu ihm passt.

Einen Tag später geht Emil mit dem Kindergarten schwimmen. Als ich ihn abhole treffen wir auf einen der Erzieher: „Emil ist so ein guter Schwimmer,“ sagt dieser bewundernd. „Er ist so mutig für sein alter. Und springt alleine vom Beckenrand. Emil ist eine richtige Wasserratte.“ Emil steht daneben. Und ein kleines bisschen Wohltuendes aus anderem Munde nistet sich wieder in seinem Kopf ein. Und das ist gut so.

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4 thoughts

  1. Ja, das müssen wir wohl lernen. Alle und es gibt Erwachsene die haben es bis heute nicht verinnerlicht und können ganz schwer mit Enttäuschungen umgehen. Es entsteht immer ein Leidensdruck, gerade bei Kindern. Und wenn niemand aufzeigt wie es auch anders geht, dann kann es passieren, dass man es das ganze Leben mit sich rum trägt.
    Sehr schön geschrieben und deinem Kind geholfen zu erkennen, dass es dafür andere Dinge sehr gut kann.
    Letztendlich wird er dann doch noch gelobt und die Enttäuschung die schon fast vergessen war, mündet in stolze Erkenntnis, dass er es innerhalb seiner Altersgruppe sehr wohl kann.
    Gruß
    Ede-Peter

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  2. Ohgott! Du musst aufhören solche Texte zu schreiben. Ich kann doch nicht ständig hier sitzen und neben der Traurigkeit die meinem Kind widerfährt, über die gebrochenen Herzen deiner Kinder schniefen 😳😞
    Vor allen Dingen ist mir in den letzten Tagen klar geworden, wie kindlich ich gegenüber Kindern eingestellt bin, die sich an Kleineren auslassen. Ich hoffe, du hast dem ‘Zungerausstrecker’ auch ein aufgeschlagenes Knie gewünscht…O.o

    Tut mir unendlich leid für Emil – und für dein Mamaherz ❤

    Lg aus München, Christine

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  3. Oh, ich musste ein bisschen weinen, weil ich auch so einen kleinen Kerl zu Hause habe und ich immer so mitleide, wenn er solche Lektionen lernen muss. Zum Glück vergleicht er sich noch nicht zu doll. Aber es wird wohl kommen…
    Ich finde Emils Stärken-Liste ganz zauberhaft.

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  4. Liebe Mami. Auch ich bin Mami zweier Knöpfe aber in gewisserweise ist man mit dem Größeren immer ein Neuling. Leider ist mir ahnliches auch schon einmal passiert. Unbeschreiblich traurig. Seitdem versuche ich meine Kleine auch weiterhin in allem zu unterstützen, was sie selbst probieren möchte – auch wenn dies bedeutet, dass sie in einer Gruppe mit viel älteren Kindern durchsetzen muss, allerdings bleibe ich in solchen Situationen immer so lange wie möglich dabei, bis wir beide sicher sind, dass sie in dieser Gruppe bleiben möchte. Die größeren Kinder haben keine Probleme meinen Zwerg zu akzeptieren, im Gegenteil, die Leistung und Anstrengung wird anerkannt, bewundert und führte bisher am Ende immer – trotz grossem Altersunterschied – zu Freundschaften auf Augenhöhe. Ich wünsche euch alles Gute und Mut!

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